zur Navigation springen

KURIOSE FUNDE IN ST. NICOLAI : Knochenreste im Turm

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Bei Aufräumarbeiten haben Arbeiter Knochenfragmente und eine 104 Jahre alte Zeitungsseite aus Süddeutschland entdeckt. Küster Fritjof Behrens findet ein historisches Holzstück eines Ziffernblattes.

shz.de von
erstellt am 11.Aug.2017 | 05:14 Uhr

Eckernförde | Der Staub der Jahrhunderte bedeckt nicht nur Gewölbe, Mauern und Dachstuhl in St. Nicolai. Er verbirgt auch so manches Geheimnis oder manche Kuriositäten. So beipielsweise Knochenfragmente, die in den Gewölbezwickeln des Turmraumes oberhalb des Turmcafés gefunden wurden. Mitarbeiter eines Abbruchunternehmens, das den durch die Sanierung angefallenen Schutt der Kirche beseitigen soll, haben Knochenreste unbekannter Herkunft in einem Teil der Kirche entdeckt, das aus dem 14. Jahrhundert stammt. „Dementsprechend viel hat sich im Laufe der Jahrhunderte angesammelt“, erklärt Küster Fritjof Behrens, „der Schutt hier war bis zu einem Meter hoch.“

Einige der Knochen könnten von Tauben oder Fledermäusen stammen, die sich im Dachgebälk von St. Nicolai aufhalten. Bei anderen ist Küster Behrens sich hinsichtlich der Herkunft nicht sicher. „Vielleicht stammen sie von größeren Tieren, wie Hund oder Katze?“ Dass es sich um menschliche Knochenfunde handelt, möchte er ausschließen. Oder hat es am Ende gar doch heimliche Rituale unter dem Dach von St. Nicolai gegeben? Den Küster beschäftigt vielmehr die Frage: „Wie kommen die Knochen in den Turm der Kirche?“ Das Verhalten der Mitarbeiter der Abbruchfirma sei „hoch lobenswert“ gewesen, so Behrens, denn nur ihrer Aufmerksamkeit sei es zu verdanken, dass diese Funde für die Nachwelt dokumentiert und archiviert werden können. In den Gewölbenzwickeln und den Mauerritzen über dem Turmcafé haben die Mitarbeiter neben Knochen auch Keramik- und Holzreste sowie Fragmente von Kalkpfeifen gefunden, wie die Gildebrüder der Eckernförder Gilden sie heute noch auf ihren Versammlungen rauchen.

Die Sanierungsarbeiten am Dachstuhl der Kirche sind beendet, viele Bretter und Balken stehen zur Entsorgung bereit. In einem dieser Haufen hat Küster Behrens ein historisches Holzstück entdeckt. Es stammt von dem Ziffernblatt einer Uhr. Am rechten Rand sind noch der goldene Bogen der Uhr zu erkennen und Löcher für die Ziffern 2, 3 und 4. Dieser Fund spornt den 52-Jährigen, der seit 2003 Küster von St. Nicolai ist, an, verstärkt die Holzhaufen zu durchforsten. „Ich werde jedes einzelne Brett in die Hand nehmen und genau untersuchen, bevor es in den Müll geht.“

Kurios ist auch der Fund einer Seite des Mindelheimer Anzeigeblattes vom 16. August 1913. Genau wie eine Packung der Zigarettenmarke Supra aus den 50er Jahren wurde sie entdeckt, als Bretter vom Laufboden unter dem Dachgebälk erneuert wurden. Bei der 104 Jahre alten Zeitungsseite handelt es sich um die Titelseite des Amtsblatts des Königlichen Amtsgerichts Mindelheim. Ein Jahr vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges sind auf dem Titelfoto die Leiter der „auswärtigen Politik“ des Dreibundes Deutschland, Italien und Österreich-Ungarn zu sehen.

Mord und Totschlag bildeten auch schon vor 104 Jahren die Grundlage für Meldungen. So wurde in der Nähe von Recklinghausen ein 17-jähriger Schmiedelehrling auf einem Schützenfest aus Versehen erschossen. Eine Verkäuferin eines Spitzengeschäftes im Memmingen wurde von ihrem Geliebten, „der auch auf sich selbst einen Schuss abgab“ mit zwei Schüssen getötet. Zu lesen ist auch, dass in Belgien der Besitzer eines Kinematographen-Theaters von seinem Schwager, den er zuvor entlassen hat, mit sechs Schüssen erschossen wurde.

Aber auch über das Wetter hat man sich vor 104 Jahren beim Mindelheimer Anzeigeblatt Gedanken gemacht. Der Stadtpfarrer war zugleich der Meteorologe im Ort und spricht vom „gegenwärtigen Sudelwetter“. Er prophezeit eine Wetteränderung. „Es ist dies höchste Zeit für das Heimbringen unseres Getreides.“

Mindelheim (Kreis Unterallgäu) liegt zwischen Memmingen und München. Da stellt sich die Frage, wie die Zeitung in das 880 Kilometer entfernte Eckernförde gekommen – und wie sie auf den Dachboden von St. Nicolai gelangt ist. Pastor i. R. Erhard Seredszus, der ehrenamtlich als Kirchenwächter tätig ist, nennt einen möglichen Grund. 1913 hat die letzte große Restaurierung von St. Nicolai vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges stattgefunden. Es könnte ein Maurer aus Mindelheim gewesen sein, der an den Arbeiten beteiligt gewesen war. Vielleicht hatte er eine Tageszeitung aus der Heimat im Gepäck und während der Mittagspause oben im Gebälk liegen lassen.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen