Knochen, Knöpfe und Münzen

Mehr beigesetzte Individuen als angenommen haben die Studenten der Vor- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität im Bereich des einstigen Chorbogens gefunden. Foto: Ulrick Nehls (3)
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Mehr beigesetzte Individuen als angenommen haben die Studenten der Vor- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität im Bereich des einstigen Chorbogens gefunden. Foto: Ulrick Nehls (3)

Zweiter Grabungsabschnitt zur Erforschung der St.-Katharina-Kirche am Jellenbek endet Freitag

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26. September 2012, 06:31 Uhr

Jellenbek | Zwei Tage noch - dann ziehen sie wieder ab, das Gepäck nicht nur um einige Funde, sondern auch um manche Erkenntnis reicher: Den gesamten September über haben Professor Ulrich Müller und Dr. Donat Wehner vom Institut für Vor- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität mit 15 Studenten die vor zwei Jahren begonnenen Ausgrabungen am ehemaligen Standort der St.-Katharina-Kirche am Jellenbek fortgeführt.

"Das ist der Hammer", sagt Monika Maerten, während ihr Blick über das vor ihr liegende Arbeitsfeld der angehenden Archäologen direkt an der Steilküste gleitet. Die Dänisch Nienhoferin hat selbst zur Vorgängerin der Dreifaltigkeitskirche in Krusendorf geforscht und Artikel dazu verfasst. Sie ist froh, dass Dr. Wehner bei einem Spaziergang über die einst von Pastor Reinhard Richter aufgestellte Gedenktafel stolperte, die an das nach 1737 abgetragene Gotteshaus erinnert. Sie hätte sich nur gewünscht, dass das schon früher geschehen und die Grabungsarbeiten somit eher in Gang gekommen wären. "Dann wäre ich viel öfter hergekommen. Jetzt schaff ich das gesundheitlich nicht mehr", bedauert Monika Maerten. Gespannt lässt sie sich gemeinsam mit der Kirchenvorstandsvorsitzenden Karin Mordhorst und Pastorin Ursula Strohecker erklären, was die vergangenen Wochen zu Tage gebracht haben. Nachdem vor zwei Jahren der Chor im östlichen Bereich des Geländes mit seinen Stützpfeilern freigelegt worden war, entdeckten die Forscher jetzt das Fundament für den Anbau ans Kirchenschiff, von dem sie vermuten, dass es sich entweder um die Sakristei oder um die Grabkapelle handelt. Im Bereich des Chorbogens fanden sie ein großes Areal an Grabstätten, alle ausgerichtet nach Osten, weil man früher annahm, dass dort das neue Jerusalem entsteht, erklärt Professsor Wehner. "Wir hatten vermutet, dass dort nur wenige Personen liegen würden. Doch wir konnten 15 Individuen ausmachen, darunter viele Kinder, was nicht die Norm ist", führt der Grabungsleiter weiter aus. Sie waren in der Grabgrube vom Prediger Lexovi begesetzt, der 1651 verstarb und bereits bei der ersten Grabung vor zwei Jahren gehoben wurde. Die Knochen seien gut zu sehen, zerfielen jedoch beim Herausnehmen in kleinere Teile, sagt Wehner. Ihre Untersuchung durch Anthropologen werde jedoch Rückschlüsse auf Geschlecht, Ernährung und Arbeit liefern, bevor sie an der Dreifaltigkeitskirche in Krusendorf bestattet werden. Erdproben aus dem Grab sollen zudem auf Pflanzenreste untersucht werden. Alle Funde, zu denen auch schlecht erhaltene Münzen und Knöpfe gehören, werden archiviert, wissenschaftlich bearbeitet und bis zum Abschluss der Forschung am Kieler Institut verwahrt. Danach gehen sie ins Archäologische Landesamt nach Gottorf.

Anna Wierzgon, Studentin aus dem zweiten Mastersemester, fand die Arbeit an der Steilküste anstrengend, war sie doch damit verbunden, den ganzen Tag zu knien, in einem Loch zu sitzen und den Feierabend nicht planen zu können. Aber die Strapazen hat sie gern in Kauf genommen. "Es ist schön, wenn man etwas findet", meint Anna Wierzgon. Und das Anfertigen der Zeichungen, die die Arbeiten dokumentieren, habe Spaß gemacht. Für Aaron Schröcke aus dem fünften Bachelor-Semester war es nicht die erste Grabung, und doch war alles anders. "Wenn man bedenkt, dass das mal ein lebender Mensch war", sagt er mit Blick auf die Knochen, die unter seinem Pinsel zum Vorschein kommen, sei das schon interessant. Einzig bei dem Kindergrab sei es ihm schon etwas merkwürdig zumute gewesen. Doch das sei nun mal Teil der Arbeit, so der Student.

Selbst für Grabungsleiter Ulrich Müller ist der Einsatz an der Jellenbeker Steilküste, der in den folgenden zwei bis drei Jahren fortgesetzt wird, ein besonderer: "Es ist spannend für uns, weil es in Schleswig-Holstein kaum so untersuchte Kirchen gibt." Eine abgebaute Kirche, an deren Stelle nichts Neues errichtet wurde, das sei selten, fügt sein Kollege hinzu. Geplant sei deshalb auch, nach Abschluss der Untersuchungen das Fundament des alten Gotteshauses teilweise freizulegen und aufzuzeigen, wo es stand. "Das wäre sehr schön. Dann könnte man erfassen, wie groß die Kirche war", sagt Karin Mordhorst.

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