Klimaschutz erfordert neues Bauen

Veranstalter Sören Vollert (2. v. l.) mit (v. l.) Christian Schmieder, Staatssekretär Tobias Goldschmidt und Prof. Jörg Probst. Fotos: Kühl
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Veranstalter Sören Vollert (2. v. l.) mit (v. l.) Christian Schmieder, Staatssekretär Tobias Goldschmidt und Prof. Jörg Probst. Fotos: Kühl

22. Fachtagung „Gebäude energetisch optimieren“ mit 370 Teilnehmern in der Stadthalle / Verblüffende Innovation aus Venlo

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28. März 2019, 10:01 Uhr

Das Ziel ist vorgegeben: Bis 2050 müssen alle Gebäude klimaneutral sein. Das heißt, durch Gebäude darf die Menge an klimaschädlichen Gasen in der Atmosphäre nicht erhöht werden. „Eine Mega-Herausforderung für die Bauwirtschaft“, sagt Tobias Goldschmidt, Staatssekretär im Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung. Das lässt sich nur durch den Einsatz erneuerbarer Energien und intelligente Technik erreichen. Das Land, so Goldschmidt, fördere entsprechende Investitionen durch Zuschüsse und günstige Kredite.

Das Thema Klimaschutz schwebte über der gesamten 22. Fachtagung „Gebäude energetisch optimieren“, die Sören Vollert vom Eckernförder Ingenieurbüro „KAplus“ gestern zum 14. Mal in Eigenregie in der Stadthalle ausrichtete. Über 370 Tagungsteilnehmer aus dem norddeutschen Raum waren angereist, um sich auszutauschen und die sieben Fachvorträge zu hören. Damit ist diese Veranstaltung die größte Fachtagung für nachhaltiges Bauen im Norden.

Sören Vollert ist ein Verfechter der „einfachen, verständlichen Konzepte im Privatbau und auch im öffentlichen Bau. So einfach, klar und ressourcenschonend wie möglich. „Müssen Gebäude immer so komplex sein?“, fragt Vollert. Bestandsgebäude wie beispielsweise ältere Bauten nach dem Kassler Modell (unter anderem das Schulzentrum Süd, die Red.) müssten nicht zwingend abgerissen werden. Vielmehr könne man Gebäude aus Beton erhalten und „eine warme Mütze“ drübersetzen.

Zustimmung kommt von Christian Schmieder, dem Landesvorsitzenden des Bundes Deutscher Architekten (BDA) aus Kiel. Es werde viel zu viel abgerissen, und jeder Abriss verbrauche Energie und zerstöre Bausubstanz. Wo es geht, sollte man diese erhalten und ein Bestandsgebäude ganzheitlich betrachten und energetisch optimieren.

Über ein besonders innovatives Beispiel ressourcenschonender und nachhaltiger Bauweise berichtete Prof. Jörg Probst. Der Ingenieur und Wirtschaftsingenieur aus Gescher in Nordrhein-Westfalen stellte in seinem Vortrag den Neubau des Rathauses in der holländischen Stadt Venlo vor. „Das Rathaus ist für einen Abriss nach 40 Jahren gebaut“, sagt Probst. Die verwendeten Materialien können größtenteils wiederverwendet werden, bestimmte Bauteile wie die Stahlträger waren schon vor dem Bau verkauft – „20 Prozent der letzten Rate konnten damit finanziert werden“, teilte er den erstaunten Tagungsteilnehmern mit. „Die begrünte Fassade gehört einem Gärtner, der Bezug der Stühle wird nach sieben Jahren getauscht, die Metallträger nach zwölf Jahren, selbst die bedampfte Schicht der dreifach verglasten Fenster werde nach dem Abriss wiederverwendet. Das Parkdeck sei aus recycelten Betonscheiben gebaut worden. „Jedes Teil ist vorher bedacht worden“, macht Prof. Probst auf die aufwändige Planung im Vorfeld aufmerksam. Aber eine, die sich lohnt.

Allein wegen solcher Informationen und Anregungen lohnt sich der Weg zur Fachtagung „Gebäude energetisch optimieren“. Im Fokus war dabei auch die Energietechnik. Heizungsanlagen mit rein fossilen Brennstoffen wie Öl und perspektivisch auch Gas wird es in Neubauten aufgrund der aktuellen Energieeinspeiseverordnung (EnEV) nicht mehr geben, sagte Staatssekretär Goldschmidt. Allenfalls in Verbindung mit Solarthermie oder noch besser Photovoltaik würden Gasheizungen die geforderten Werte erreichen. Eine von allen Gesprächspartnern empfohlene Heizungstechnik sind Wärmepumpen, mit deren Hilfe aus dem Erdreich die nötige Wärme für die Gebäude per Erdsonde gezogen wird. 7000 bis 8000 Euro kosteten Bohrung und Sonde, der gleiche Betrag käme noch einmal für die Heizungsanlage hinzu. Das Land fördert den Bau mit Zuschüssen von 5000 Euro für eine Wohneinheit. „Das Potenzial der Wärmepumpen ist noch nicht ausgeschöpft“, erklärte Goldschmidt.

Eine „heilsbringende Technik allein“ gäbe es aber nicht, sagte Prof. Probst. Es komme immer mehr auf die Vernetzung intelligenter Technik und Systemlösungen zur Nutzung von Strom- und Wärmeressourcen an. „Kalte Nahwärmenetze“ im Niedrigtemperaturbereich seien ebenfalls empfehlenswert. Auch die Zuweisung von Bauflächen sei wichtig, ergänzt Christian Schmieder, der sich für verdichtetes Bauen statt eines Flächenverbrauchs durch Baugebiete auf der grünen Wiese aussprach.

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