Dänisch-Deutsch : Klein-Bullerby im Bildungsland

Schulleiter Niels-Jörgen Hansen hat immer Zeit für seine Schüler.
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Schulleiter Niels-Jörgen Hansen hat immer Zeit für seine Schüler.

Die Renaissance der Dorfschule: Die kleine „Risby Danske Skole“ bereitet Kinder auf die weite Welt vor.

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30. Juli 2018, 06:00 Uhr

Rieseby | Der kleine Blondschopf ist in Wallung. Lautstark äußert er seine Empörung quer über das Spielfeld. Mutig. Denn diejenige, die seiner Schimpf-Tirade ausgesetzt ist, ist seine Sport- und Klassenlehrerin. Renate Böckermann kontert beherzt zurück. Es geht wohl um einen Ball-Verlust, den das Team des 10-Jährigen beim „Rundbold“-Spiel einkassiert hat.

Klar zu verstehen ist das Geschehen für Zaungäste nicht, weil die Kinder die Schiedsrichter-Entscheidung engagiert auf Dänisch diskutieren. Hinter dem Sprach-Spektakel steckt ein Minderheiten-Phänomen, das Schule macht. Die zweite „Muttersprache“ ist der feine Unterschied, der die Grundschüler der Dänischen Schule in Rieseby groß werden lässt. Darin sind sich Eltern und Pädagogen einig.

Dänisch haben die meisten Kinder schon im Kindergarten in Eckernförde aufgesogen. Frei nach dem Motto: Jedes Ding hat zwei Vokabeln – eine deutsche und eine dänische. Zur Zeit besuchen 31 Kinder von der ersten bis zur sechsten Klasse die Schule, die ausschaut, wie ein reales, rotes Exemplar aus der Astrid-Lindgren-Welt.

Ihre zukünftigen Wege könnten deutlich größere Kreise ziehen. Der Großteil aller Absolventen von dänischen Schulen geht später zum Leben und Arbeiten ins Ausland.

Glaubt man Sozialwissenschaftlern, dann zählen die dänischen ABC-Schützen wohl langfristig zu den glücklichsten Menschen der Welt. Den WM-Titel für Zufriedenheit heimsen regelmäßig die Skandinavier ein. Das Erfolgsrezept scheint eine nordische Besonderheit, die den Kinder in Rieseby wie das Einmaleins eingeprägt wird: Sozialkompetenz.

Endspurt beim „800-Meter-Lauf“ für die Erst- bis Viertklässler. Gerade wird ein Mädchen von ihren Klassenkameraden so frenetisch ins Ziel begleitet, als würde ein Weltstar unterwegs sein. Kein Pädagoge treibt sie dazu an. Die Angefeuerte ist die Langsamste. Aber „die Letzte“ ist sie nicht – sondern eine von allen.

Man duzt sich – in der Schule und im Dänischen. Das schafft Nähe. Und Nähe hilft, sollte es einmal Sorgen geben. Der neue Hund der kleinen Lovis, das schöne Fußballtor von Ringo oder der Unfall von Lieske – jede Hochphase, jeder Tiefpunkt ist bekannt. „Se nu her!“ ködert Mathematiklehrer Niels-Jörgen Hansen ein auffallend temperamentvolles Mädchen an sein Pult – und erklärt das Addieren zum wiederholten Male. Schüler mit individuellen Problemen stehen im engen Fokus von derzeit vier Lehrern. Eine riesige Chance im Vergleich zur „Mengen-Lehre“ an größeren Schulinstitutionen.

Selbstständigkeit steht in Großbuchstaben zwischen den Lehrplänen. Die wird in Rieseby besonders gefördert. Dabei geht es recht turbulent zu, wenn Schüler in einem der Klassenräume autark Aufgaben lösen sollen. Nach Meinung der Lehrer schult das den Umgang mit Konzentration und Selbst-Disziplin.

Die Risby Danske Skole ist derzeit die zweitkleinste von landesweit 45 Schulen im dänischen System. Eine Art Bullerby im Bildungsland. Geschenkt wird den Schülern hier aber nichts. Im Gegenteil: Anders als die ABC-Schützen an deutschen Schulen haben sie etwa eine Woche weniger Ferien – wegen der Intensität durch die Schulsprache Dänisch. Auch die Eltern zahlen einen hohen Preis, der sich in Engagement bemisst. Mindestens ein Erziehungsberechtigter verpflichtet sich, die dänische Sprache zu lernen.

Schulleiter Niels-Jörgen Hansen ist selbst Kind einer großen dänischen Schule gewesen – damals, im heimischen Hadersleben, hatte er etwa 1000 Mitschüler. „Hätte ich die Wahl gehabt, wäre ich lieber auf eine möglichst kleine Schule gegangen,“ sagt er heute. Seit 1995 ist er Rektor in Rieseby.

Ein Ton fehlt in Rieseby an der Schule. Das Klingeln der Schulglocke. Die Kinder haben ein Gespür für Pausen und Lernzeiten entwickelt. Ein leises Pfeifen der Hofaufsicht reicht. Nach Schulschluss stürmen die Kinder begeistert ihr Freizeit-Areal mit Mini-Küche und gemütlich knarrender Holz-Turnhalle in Socken-Nähe. Für viele ein zweites Zuhause. Zwischen Mittagessen und Malkursus, Tischkicker und Kirschkern-Weitspucken hört die Sprachkompetenz nicht auf.

Die Kinder springen Gummi-Twist und vor allem springen sie zwischen den Sprachen.

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