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Ein halbes Jahr mit dem Schiff unterwegs : Klassenzimmer unter Segeln

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Paul Sälzer (15) ist 182 Tage mit der „Thor Heyerdahl“ unterwegs. Neben Unterricht an Bord stehen auch Landexkursionen auf dem Programm.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2017 | 05:45 Uhr

Eckernförde | Matheaufgaben lösen mitten auf dem Atlantik, Kartoffel schälen für 49 Menschen, Wache schieben zwischen 1 und 4 Uhr nachts – Paul Sälzer aus Eckernförde tauscht ab Sonntag seinen Alltag zu Hause und in der Schule mit einer spannenden Seereise auf den Spuren Thor Heyderdahls. Der Eckernförder ist einer von 34 Zehntklässlern aus ganz Deutschland, die an dem Projekt „Klassenzimmer unter Segeln“ der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg teilnehmen. 182 Tage ist der 15-jährige Jungmannschüler mit dem gleichnamigen Dreimast-Toppsegelschoner auf dem Atlantik unterwegs. Von Kiel, Heimathafen der „Thor Heyerdahl“, führt die Reise über Teneriffa, die Kleinen Antillen St. Vincent sowie die Grenadinen und Grenada nach Panama und Kuba. Dort ist der Eckernförder auf mehrwöchigen Landexkursionen unterwegs. Die Rückreise führt über die Bahamas, Bermudas und Azoren zurück nach Kiel, wo der Traditionssegler am 21. April 2018 zurückerwartet wird. „Ich hab’ immer noch so viel Lust drauf wie am Anfang“, sagt Paul und ist guten Mutes, dass ihn das Heimweh verschont – jedenfalls in seiner schrecklichsten Form. Sechs Monate – so lange war das älteste Kind von Sabine und Klaus Sälzer noch nie von Eltern und Schwester Emma (11) getrennt. Seinen 16. Geburtstag am 18. Dezember wird Paul im Kreise seiner neuen Freunde feiern, ebenso Weihnachten – am weißen Sandstrand der kleinen Antillen, mit Taucherbrille und Schnorchel wird er im Biologieunterricht das türkisblaue Wasser erkunden. Vier Lehrer unterrichten die Zehntklässler, die sich im Vorfeld für eigene Projekte und Themenfelder entscheiden mussten.

Es war ein langer Weg für Paul, von seiner Entscheidung, sich für die Reise zu bewerben bis zum 2. Mai, als er endlich die ersehnte Zusage erhielt. Über 400 Zehntklässler aus ganz Deutschland hatten sich beworben, 34 wurden genommen. Gute Zensuren sind Voraussetzung für eine Teilnahme, aber weitaus mehr zählen soziale Kompetenzen. „Ich habe große Lust, im Team unterwegs zu sein“, sagt Paul. Mit zehn Jahren hat er das Kite-Surfen gelernt – ein Sport, der den Individualisten fordert. Seine Erfahrungen mit dem Wasser und der Welle bestärken ihn in seinem Entschluss – Angst vor Seekrankheit hat er nicht. „Und ich habe dadurch den Respekt vor den Naturgewalten kennengelernt.“

Kontakt zu den Eltern ist nur während der Landgänge erlaubt. Das Kind loslassen können, Vertrauen haben – Sabine und Klaus Sälzer unterstützen ihren Sohn, so wie vor fünf Jahren bei seinem Wunsch, das Kiten zu lernen, als Paul eigentlich noch viel zu jung war. „Was uns besonders gut gefallen hat, war die Tatsache, dass genau geprüft wurde, ob die Initiative vom Schüler oder von den Eltern ausgeht“, sagt Sabine Sälzer. Ein einwöchiger Probetörn auf der Schlei mit klaren Regeln wie an Bord der „Thor Heyerdahl“ – kein Handy, kein Alkohol, keine Energy-Drinks, Bettruhe um 22 Uhr – forderte die verbliebenen 52 Schüler bei der Endauswahl. „Es wird sehr auf Selbstdisziplin geachtet“, sagt Paul, der als einziger aus Schleswig-Holstein und Hamburg an der Reise teilnimmt. „Ich habe ein Ziel: Ich möchte meine Grenzen austesten.“ Außerdem interessieren ihn die Länder. Begegnungen mit Naso-Indianern in Panama erwarten ihn, er lernt den Regenwald kennen, wird Wale sehen, Kuba mit dem Fahrrad erkunden, bei Gastfamilien wohnen, viele Begegnungen haben und den Menschen nahe kommen. Am Sonnabend, dem Tag vor der Abfahrt, dürfen sich seine Eltern und Schwester Emma die „Thor Heyerdahl“, sein neues Zuhause auf Zeit, ansehen. „So bekommen wir ein wenig Sicherheit und Gewissheit, wo er sich aufhält“, sagt seine Mutter. Zwei Tagebücher hat Paul im Gepäck: „Ich glaube, ich vergesse sonst zu viele Einzelheiten.“

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