zur Navigation springen
Eckernförder Zeitung

22. Oktober 2017 | 12:12 Uhr

Magdeburger Zwickmühle : Klartext ohne Tabus

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ein Feuerwerk der Politsatire in der ausverkauften Stadthalle. Politiker und Spitzelstaat bekommen ihr Fett weg.

Diese „Zwick“-Mühle aus Magdeburg zwickte ordentlich: Die Kabarettisten Marion Bach und Hans-Günther Pölitz überzogen ihre Zuhörer am Mittwochabend in der vollbesetzten Stadthalle auf Einladung der Theatergemeinschaft Eckernförde mit einem politisch-satirischen Programm, das sich gewaschen hatte. Kaum ein Thema wurde verschont, die Begriffe „Tabu“ oder „Heilige Kuh“ wurden kurzerhand abgeschafft, viele Geheimecken grell beleuchtet. Unter dem Titel „Erspart uns eure Zukunft“ gab es einen rasanten Ritt durch Vergangenes, Gegenwärtiges – und einen Blick in die Zukunft durfte jeder tun, der bei den gespiegelten Möglichkeiten dazu mutig genug war.

Im durchaus mitreißenden Programm gab es Szenen in der Stadthalle, die bei vielen Zuschauern vermutlich haften bleiben. Im Rahmen einer Talkshow zählen „Moderatorin Willbritt“ und General Groß den Beginn des nächsten Weltkriegs rückwärts ein – an makaberen Überlegungen zwischendurch fehlt es dabei nicht. Verteidigungsministerin „Uschi“, der schlechte Zustand der Bundeswehr, die Politiker, die Sponsoren – alle bekommen ihr Fett ab. Hubschrauber, die von Predigern die letzte Ölung bekommen, Witzchen, beißende Sprüche wie „Krieg ist nur vorne Scheiße, hinten geht’s“ wurden ergänzt mit gesundheitlichen Überlegungen. Es wird ein grüner Krieg werden – mit bleifreier Munition und Jutesäcken für die Leichen. An Alkohol und Nikotin stürben auch Hunderttausende. „Ob Krieg oder Frieden, Tote gibt es immer. Drum leb gesund, komm zum Bund.“

Kampf und Krieg nahmen thematisch viel Raum ein, so sang Marion Bach – die gerne zur Bundeswehr will – mit erstaunlicher Stimme ihr „Amazonen“-Lied. Als „Flintenweib“ überrascht sie dabei, lasziv beweglich , wie sie ihr senkrechtes Gewehr als Erotik-Stange nutzt. Stille im vollbesetzten Saal.

Politiker werden gnadenlos an den kabarettistischen Pranger gestellt: „Sozensigi“ Gabriel mit Bibelzitaten belegt, Gauck und weitere „Polit-Promis“ der religiös-theologischen Herkunft überführt, „Lieblingsdeutschin Angie“ kommt dabei noch einigermaßen glimpflich davon. Allerdings ist die Rundumkritik an deutschen Politikern doch erstaunlich. Wenn man hört: „Volksvertreter sind Volksverräter – und das nennt sich Demokratie“, fragt sich wohl manch einer: Und was wollen die beiden Kabarettisten stattdessen?

Was sie mit Sicherheit nicht wollen: überwacht und bespitzelt werden. Was „wir Wessis“ mit Snowden & Co vermutlich privat eher gelassen sehen, birgt in Magdeburg wohl noch unverdaute Erinnerungen an Stasi-Zeiten. Überwachung ringsum, sogar unter den Kabarettkollegen und das ohne Rücksicht auf die Privatsphäre. Diese Szene gipfelte gestern Abend in einer umwerfenden Umkehrung. Marion Bach – bis zur Unkenntlichkeit entstellt als schlurfige, zeternde Hausfrau mit Stock und Schlappen – macht sich beim Pförtner am Kanzleramt Luft: Sie fühle sich benachteiligt, weil sie nicht bespitzelt wird. Dabei habe sie doch geheime Kochrezepte.

Vorurteile zu Geschlechterrollen wurden persifliert. Ungeheuerliche Sprachdetails aus den Gebieten unterhalb der Gürtellinie ließen schallend lachen, Missbrauchs-Kenntnisse aus katholischer Ecke wurden kurz angeritzt und aufgewärmt. Aus dem ZDF wurde ein ZPF, ein Zentrales Pinocchio-Fernsehen, ja – mit Lügen sei das Zweite immer eine Nasenlänge voraus …

Das Publikum dankte mit viel Beifall.


Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen