"Kirche klingt" - und Altenholz jazzt mit

Teil des Großvorhabens: Der Jazzprojektchor der Gemeinde beteiligt sich an 'Kirche klingt'.  Foto: frank
Teil des Großvorhabens: Der Jazzprojektchor der Gemeinde beteiligt sich an "Kirche klingt". Foto: frank

Kirchengemeinde beteiligt sich am bundesweiten Projekt "Kirche klingt 2012" / Jazz-Gottesdienst im Eivind-Berggrav-Zentrum

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31. Juli 2012, 08:00 Uhr

Altenholz | 366 Konzerte, in diesem Schaltjahr jeden Tag eins, immer ein anderer Ort, Ostern sogar ein Konzert extra: Das ist die Vorbereitung im Jahr 2012 auf das Martin-Luther-Jubiläum 2017. Von Augsburg bis Zittau, vom 1. Januar bis zum 31. Dezember mit dem 367.Konzert wird die Kirchenmusik- Stafette durch Deutschland beendet. Abweichungen vom Alphabet sind zwischendrin erlaubt, aber keine freien Tage.

Am deutlichsten sichtbar wird das einmalige Riesen-Projekt "Kirche klingt 2012" nach einer Idee von Klaus- Martin Bresgott durch das riesige, dicke und schwere Chronikbuch: Zwei Männer waren erforderlich, um es zu Beginn des Gottesdienstes im Altenholzer Eivind- Berggrav-Zentrum für alle sichtbar hochzuhalten. Hinterher erhielten alle Gottesdienstbesucher Gelegenheit, das im Entstehen befindliche Werk zu begutachten. Aus Segeberg kommend, wurde es gestern von der Kirchenmusikerin Susanne Schwerk nach Schleswig in die St Michaelis- Kirche weitergegeben.

Der "Jazz-Gottesdienst" ließ musikalisch Ungewöhnliches erwarten: Angefangen mit "Morning has broken" vom Jazz- Quartett mit Klavier (Axel Riemann), Saxofon (Ulrich Lehna), Kontrabass (Wolfram Nerlich) und Schlagzeug (Peter Weise) bildete die 2004 entstandene "A little Jazz-Mass" des englischen Komponisten Bob Chilcott (geb. 1955) das musikalische Gerüst dieses Gottesdienstes. Damit nicht genug: Pastor Okke Breckling- Jensen hatte seine Predigt zeitgemäß angepasst, hatte auch die Gottesdienstordnung fein abgestimmt auf die Musik. Nach dem in Deutsch und Englisch gesungenen "Morning has broken" von Cat Stevens gestand er: "Als 16 Jähriger hätte ich mir nie träumen lassen, eines Tages diese tolle Fassung im Gottesdienst zu singen und zu erleben!" Immer wieder stellte er Bezüge zu aktuellen Geschehnissen her. Dem "Kyrie" (Bitte und Klage) seine Hilflosigkeit den Geschehnissen in Syrien, der Eurokrise, in Palästina und den Menschenrechtsverletzungen in China und Russland, wodurch der folgende Chorgesang noch tiefere Bedeutung erhielt.

Dieser Gottesdienst wirkte in vielen Teilen wie eine persönliche Ansprache an die Gemeinde, mit vielen zum Nachfühlen anregenden Gedanken. Zur Freude über die kleinen Dinge des Alltags wie Rosen in Garten, gute Gesprächen mit Freunden oder gute Musik im Gottesdienst hätte nach dem folgenden "Gloria" kräftiger Beifall für den Chor und die Musiker gepasst. Er lag in der Luft, es blieb aber still in der Kirche, es war ja Gottesdienst. Ein Beweis dafür, dass Christen nicht genießen können? "Wer nicht genießen kann, ist selbst ungenießbar" ermunterte Pastor Breckling- Jensen zum freieren Umgang mit den Gefühlen.

Wohltuend auch die Passage, in der in Gemeinsamkeit Stille erlebt werden konnte; nachdenklich stimmend der Hinweis, seinem Körper öfter etwas Gutes zu tun und auf sich zu achten, "damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen." Seit Pastor Breckling- Jensen bewusst ist, dass "in meinem Körper der Heilige Geist wohnt", gönnt er sich mehr Ruhe und Bewegung, raucht nicht mehr: "Damit gebe ich meinem Körper gute Luft." Kritische und klare Worte fand er zum Evangelisten Paulus und seiner Beurteilung des Umgangs mit Knaben und Sklaven in damaliger Zeit, wägte aber auch ab: "Es wird uns nie gelingen, die Welt mit den Augen Paulus` zu sehen." In diesem Gottesdienst standen Wort und Musik in unmittelbarem Bezug. Wie mit dem von Katharina Schwerk (Sopran) gesungenen "Roads" von Steve Dobrogosz, dem "Sanctus" und "Benedictus" nach dem Abendmahl (darin die sensibel angepasste Untermalung durch das Jazz Trio) aus der Jazz- Messe und dem abschließenden "Gloria". Beifall! Eigentlich sollte damit der Gottesdienst beendet werden. Die Besucher verlangten nach "mehr". Erst mit der Wiederholung des "Sanctus" war dieser Vormittag in der Kirche wirklich zu Ende.

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