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Eckernförder Zeitung

20. Oktober 2017 | 03:51 Uhr

Keineswegs der „gute Nazi“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Kurz nach Kriegsende bekam ich die Möglichkeit, die erste Tageszeitung in der amerikanischen Zone im Straßenverkauf, sozusagen als Zeitungsjunge, zu vertreiben. Das wurde für mich ein gutes Geschäft. Meine Kunden waren insbesondere Flüchtlinge, Vertriebene und Ausgebombte, die sich ohne festen Wohnsitz in der Stadt aufhielten. Es war die Zeit des Prozesses gegen die Hauptangeklagten des Dritten Reiches in Nürnberg wie Göring, Ribbentrop, Sauckel oder Keitel. Wenngleich mir der Verkauf der Zeitung wichtiger war als ihr Inhalt, prägten sich mir die Namen der Beschuldigten sehr nachhaltig ein, da ich sie immer wieder als Schlagzeilen auf dem Arm hatte.

Dazu gehörte Albert Speer. Als Architekt errichtete und plante er für und mit Hitler gigantische Repräsentationsbauten in Berlin, München und Nürnberg. Sein Organisationstalent und sein Durchsetzungsvermögen ließ ihn aufsteigen zu Minister für Rüstung, wo er durch die Steuerung der Kriegswirtschaft erhebliche Produktionssteigerungen erreichte.

Für Speer habe ich mich später auch deshalb besonders interessiert, weil er als einziger Angeklagter eine Mitverantwortung für die Verbrechen des Regimes übernommen hat. Trotzdem wurde er nicht zum Tode, wie viele der Mitangeklagten, sondern nur zu 20 Jahre Haft verurteilt. Dabei war er einer der engsten Vertrauten von Hitler und als dessen Nachfolger im Gespräch.

Als Architekt und kultivierter Intellektueller kam er einem im Umfeld von Hitler wie ein Außenseiter vor. Durch seine Memoiren hoffte ich, wie viele andere, von diesem hochrangigen Zeitzeugen zu erfahren, wie das System funktionierte, und was er über Hitler zu berichten hatte. Dabei bemühte ich mich sogar erfolgreich, ein von ihm signiertes Exemplar seines Lebensberichts zu bekommen. Seine „Erinnerungen“ und die „Spandauer Tagebücher“ waren vorzüglich und spannend geschrieben. Alles klang sehr plausibel. Speer habe nur als unpolitischer Techniker dem System gedient. Von der Ermordung von Millionen Menschen habe er nichts gewusst. Er habe nur nichts Gutes geahnt. Seine Reue machte ihn sympathisch, und durch seine Haft hatte er ja seine Schuld gesühnt – meinte man. Woraus sich dann für viele einst begeisterte Nazis folgern ließ: Wenn schon ein Minister nichts wusste, dann musste man selbst auch nichts gewusst haben. Auch das Zigtausende in den Rüstungsfabriken zu Tode kamen, hatte Speer nicht erfahren. Und dies hatte ihm das Gericht geglaubt und viele Leser wohl auch.

Heute wissen wir es besser. Markus Brechtken weist in seinem vor kurzem erschienen Buch „Albert Speer. Eine deutsche Karriere“ an Hand vieler bislang unbekannter Zeitdokumente nach, dass Speers Selbstdarstellung mit der Wahrheit oft wenig zu tun hat, und er nicht der gute Nazi war, für den er sich ausgab. Speer war demnach maßgeblich an der Judenverfolgung, den Verbrechen in den Konzentrationslagern und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern beteiligt. Er hat, so der Autor, Millionen von Reichsmark für die „Durchführung und Sonderbehandlung“ der Juden in Auschwitz bereitgestellt und eng mit Himmler zusammengearbeitet. Speer sei bei der Herausgabe seiner Bücher von Joachim Fest und Verleger Wolf Jobst Siedler unterstützt worden, die seine Sicht, weitgehend ohne vergleichendes Quellenstudium, unkritisch übernommen hätten. Mit der Kenntnis von heute wäre Speer in Nürnberg wohl zum Tode verurteilt worden, folgert Brechtken. Speer habe mehrfach gesagt: „Wenn man hätte wissen wollen, hätte man wissen können“.

Dieser Satz gilt sicher für viele Deutsche in dieser Zeit. Brechtkens Biographie liest sich leicht und ist spannend geschrieben.

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