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Eckernförder Zeitung

19. Oktober 2017 | 07:47 Uhr

Masern : „Keine harmlose Kinderkrankheit“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Kinder- und Jugendmediziner Dr. Sven-Arne Zeller vom Praxisverbund am Ochsenkopf beantwortet Fragen zum Thema Masern

shz.de von
erstellt am 27.Feb.2015 | 06:24 Uhr

Eckernförde | Eckernförder Zeitung: Es kam in den vergangenen Wochen vermehrt zu Masernausbrüchen in Deutschland. Sind Ihnen Fälle in Eckernförde bekannt?
Dr. Sven-Arne Zeller: Nein, bisher nicht. Wir sind auch Belegärzte in der Imland-Klinik, auch da gab es keine Masernfälle.


Was sind die Ursachen für die jüngsten Masernausbrüche?
In Berlin ist es wahrscheinlich so, dass die Krankheit von Migranten übertragen wurde, die in ihren Herkunftsländern nicht vollständig durchgeimpft wurden. Bei den Fällen handelte es sich nicht um Kinder, sondern junge Erwachsene zwischen 20 und 30 Jahren. In Deutschland haben die Generationen zwischen 1970 und 1990 keine zweite Auffrischungsimpfung bekommen, sodass sie besonders gefährdet sind. Wir empfehlen ab 1970 Geborenen, das nachzuholen und sich impfen zu lassen.


Welche Gefahren drohen bei Masern?
Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit, sondern ein schwerwiegender Virus, der zum Tode führen kann – auch bei Erwachsenen. Zwei Drittel der Masernausbrüche verlaufen komplikationslos. Bei einem Drittel kann es zu schweren Mittelohr- oder Lungenentzündungen kommen, die schwierig zu behandeln sind. Masern sind ein Virus, gegen den wir in der Medizin kein Allheilmittel wie Antibiotika bei Bakterieninfektionen haben. Eine weitere eher seltene Komplikation ist die Hirnhautentzündung und Gehirnentzündung, die zum Teil erst bis zu zehn Jahre nach dem Masernausbruch auftreten kann. Sie schreitet nur langsam voran und kann sich in Folgeerkrankungen wie Demenz, schweren Behinderungen oder Epilepsie äußern, die Jahre später diagnostisch nicht unbedingt mit einem Masernausbruch in Zusammenhang gebracht werden.


Was sind die ersten Symptome?
Wie bei vielen anderen Virusinfektionen auch Fieber, Halsweh oder tränende und lichtempfindliche Augen. Weitere Anzeichen sind entzündete Schleimhäute im Mund. Der typische Hautausschlag tritt meist erst nach 5 bis 7 Tagen auf. Betroffene können also infektiös sein, ohne dass sie wissen, dass sie Masern haben. Das ist auch das Heikle: Viele denken, dass sie eine Grippe haben.


Was müssen Eltern dann tun und wie können sie ihre Kinder schützen?
Wenn die Diagnose Masern feststeht, müssen die Patienten isoliert werden, um weitere Ansteckungen zu verhindern. Der erste Schritt muss also immer der zum Kinderarzt sein, um Unsicherheit aufzuklären. Der beste Schutz ist die Impfung, um die Infektion zu vermeiden. Das Infektionsrisiko kann geschmälert werden, indem große Menschenansammlung gemieden werden. Einen endgültigen Schutz gibt es aber nicht.


Was spricht für/gegen die Impfung?
Als Kinderarzt kann ich die Masernimpfung nur empfehlen. Natürlich gibt es auch Impfgegner, die die Komplikationen sehr betonen. Die gibt es auch, ohne Frage. In Deutschland kommt es aber nur sehr selten dazu. Die Komplikationen bei einer Maserninfektion sind sehr viel häufiger.


Sollte es eine Impfpflicht geben?
Wir haben bei Kindern eine recht hohe Impfungsrate von bis zu 95 Prozent. In Schleswig-Holstein wird der Impfstatus gecheckt, wenn die Kinder in den Kindergarten kommen. Viele Kindergärten machen das auch – in Eckernförde klappt das eigentlich ganz gut. Das was die Politik mit der Impfpflicht fordert, machen wir also schon auf freiwilliger Basis. Wenn wir Impflücken entdecken, werden sie nachgeimpft, außer die Eltern wollen das nicht. Ich sehe eine Impfpflicht eher skeptisch und fürchte, dass dann die Verweigerungsrate eher noch höher werden wird.

Wann sollten Eltern ihre Kinder gegen Masern impfen lassen?
Die erste Impfung sollte im 11./12. Monat, die Auffrischung dann im 14./15. Monat sein. Das reicht in der Regel lebenslänglich aus.


Welche Impfungen sollten Kinder auf jeden Fall bekommen?
Für mich ist jede Impfung, die vor einer schwerwiegenden Erkrankung schützt, wichtig und sinnvoll. Das sind im Prinzip fast alle. Eine Windpockenimpfung ist sicher diskutabel, Diphtherie und Tetanus jedoch nicht. Auch eine Impfung gegen Kinderlähmung (Polio) ist sinnvoll. Wir haben viele Asylbewerber aus Syrien, wo Kinderlähmung bereits ausgebrochen ist. Wenn das genau so läuft wie bei Masern, kann das fatal enden.


Die Grippewelle ist inzwischen auch im Norden angekommen. Sollten Kleinkinder auch gegen Grippe geimpft werden?
Wir impfen bei uns in der Praxis viel gegen Grippe – bis zu 400 Impfungen im Jahr. Prinzipiell können alle Kinder zwischen zwei und 18 geimpft werden, Kinder, die Herzfehler oder andere Entwicklungsstörungen haben, sollten geimpft werden, weil die Gefahr, dass sie schwere Komplikationen davon tragen, größer ist.


Wie können Eltern das Gripperisiko ihrer Kinder eindämmen?
Auch hier gilt es Menschenmassen zu meiden. Grippe ist eine Tröpfcheninfektion und lauert demnach überall dort, wo viele Menschen anzutreffen sind.

 

 

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