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Seitenwechsel : Keine Chance für Keime und Co

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Seitenwechsel: Eine halbe Schicht in der zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) der Helios Ostseeklinik Damp

Damp | In unserer der Serie „Seitenwechsel“ tauscht die Redaktion die Tastatur gegen andere ungewohnte Arbeitsgeräte. Einen halben Tag lang arbeiten die Redakteure in einem anderen Beruf – und beschreiben, was sie dabei erleben. Heute: Schwansenredakteuer Dirk Steinmetz in der zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) der Helios Ostseeklinik Damp.

Ärzte in weißen Kittel greifen zu stets griffbereit liegenden Instrumenten, wenn sie in Arzt-Serien am OP-Tisch stehen. Aber woher kommen diese zahllosen sterilen Instrumente, damit sie Leben retten können? Auch ich war schon oft im Krankenhaus, zumeist nur zu Besuch. Ich habe meinen Schreibtisch mit Arbeitstischen und meine Kleidung mit grüner oder blauer Krankenhauskleidung in der zentralen Sterilgutversorgungsabteilung (ZSVA) getauscht. Ein Arbeitsplatz mit Aussicht, Weitblick und Verantwortung.

Im fünften Stock, direkt unter den Operationssälen der Ostseeklinik, liegt die 13-köpfige Abteilung unter Leitung von Ursula Schütz. Im Dreischichtbetrieb von 7 Uhr bis 0 Uhr werden dort alle für Operationen und medizinischen Eingriffe benötigten Werkzeuge und Geräte sterilisiert und für den Wiedereinsatz vorbereitet. Täglich werden etwa 12  000 Instrumente für die Heliosklinik Kiel (3500 / Tag), die Helios Akutklinik Schleswig (3500 ) und die Damper Helios Ostseeklinik (5000) aufbereitet.

„Hier sind 100 Prozent Sauberkeit gefragt“, macht Ursula Schütz mir schnell klar, welche Verantwortung sie und ihre Kollegen tragen. Das Wohl der Patienten hat allerhöchste Priorität. Und die beginnt bei der Sauberkeit und Keimfreiheit der Instrumente.

Schnell wird mir klar, dass ich mit meinen Straßensachen nicht arbeiten kann. Timo Schmer, gelernter Tischler, seit 2010 in der Abteilung, und stellvertretender Leiter, nimmt mich mit. Ich soll zunächst in der unreinen Seite der Abteilung arbeiten. Dafür gibt es Hose und Oberteil in Grün, Gummischuhe, eine Kopfhaube, eine Augenbrille sowie eine Nasenmaske. Sie dienen vor allem meinem Schutz vor Keimen und Krankheitserregern. In metallenen Rollschränken werden die Instrumente aus Kiel und Schleswig mehrmals täglich mit dem Lkw angeliefert. Oder sie kommen per Aufzug aus den Operationssälen direkt in die ZSVA.

Martin Hans, er ist gelernter Zimmermann und seit fast drei Jahren in Damp, öffnet die mit blauen Tüchern eingeschlagenen Instrumentenkörbe. Für jede Operation gibt es standardisierte Ausrüstungssets. Sie werden in Edelstahlkörben, jeweils mit einer ID versehen, transportiert und so auch später wieder frisch zu den OPs angeliefert. „Es ist jedes Mal überraschend, was aus den Körben auftaucht“, sagt Hans. Er kann anhand der Instrumente auf die damit ausgeführten Operationen schließen. Sind Akku-Bohrschrauber, Schwunghammer und verschiedene Meißel und Schraubaufsätze enthalten, dann könnte dies beispielsweise auf den Einbau eines Implantats in der Hüfte hinweisen. Und auch wenn augenscheinlich nicht alle Instrumente eines Sets blutig oder verschmutzt aussehen, so gilt der Grundsatz „alles wird komplett gereinigt und sterilisiert“, macht Schütz deutlich. Nur so könnten sie später, am Ende des etwa dreistündigen Aufbereitungsprozesses, die Waren als sicher steril freigeben.

Der ID-Code jedes Korbes wird eingescannt, so das später der genaue Weg jedes Teils nachvollziehbar und dokumentiert ist, wie Schütz erläutert. Sie ist seit 20 Jahren in dem Beruf, in den letzten zehn Jahren sei die Bedeutung der Abteilung und die Dokumentation in der ZSVA massiv angestiegen. Sie könne nur auf geschulte Mitarbeiter bauen, die in Fachkundekursen ihr Wissen nachgewiesen haben.

Da in diesem Jahr erstmals als Pilotprojekt eine dreijährige Ausbildung zur „Fachkraft für Medizinprodukteaufbereitung“ unter Leitung der Deutschen Gesellschaft für Sterilgutversorgung startet, wundert es Schütz nicht, dass krankenhausfremde Berufe dominieren. Zurzeit werden meine Kollegen als Technische Sterilisationsassistenten, beziehungsweise mit erweiterter Aufgabenstellung, bezeichnet. Angesichts der großen Verantwortung sei es wichtig, dass hier etwas passiere, sagt Schütz.

Warum eine fachkundige Ausbildung wichtig ist, sehe ich schnell. In einem Korb liegen augenscheinlich nur rund zehn Teile. Nachdem Martin Hans, natürlich nur mit Gummihandschuhen, die Instrumente zerlegte hatte, war der Korb voll. Nur so zerlegt, werden auch alle Teile sauber. „Technisches Verständnis ist hier wichtig“, sagt er. Je nach Verschmutzung und Antrocknungsgrad reinigen wir die Körbe mit kaltem Wasser und weichen sie im Ultraschallbecken ein. Vor allem Hohlräume werden mit Wasser- und Luftdruck vorgereinigt. Die Körbe platzieren wir auf Waschwagen, scannen die ID und schieben sie für bis zu 90 Minuten in eine der vier Reinigungs- und Desinfektionsgeräte (RDG, Waschmaschinen). Sie waren unter anderem Ende 2012 bei der Modernisierung der Abteilung erneuert worden.

Auf der Rückseite der Maschine gelangen die Waschwagen in den sterilen Bereich der Abteilung. Mein Weg dorthin führt wieder über die Kleiderkammer. Raus aus den grünen Sachen und rein in die blauen Sachen. Inzwischen hat die Schicht gewechselt. Schichtleiter ist jetzt Jörg Keil. Er ist gelernter Zahntechniker, aber schon lange in der ZSVA tätig. Wir holen den Waschwagen aus der Maschine, machen Sichtkontrolle, und vermerken den Reinigungsvorgang im EDV-System. Dort tauchen jetzt wieder alle eingescannten Sets auf. Gut 1000 verschiedene gibt es. „Das ist eine ständige Baustelle, es gibt immer Änderungen“, sagt Keil. An mehreren Packtischen werden die Körbe nun entleert. Ich habe ein sogenanntes Weichteil-Set mit 89 Elementen auf meinem Tisch liegen. Auf einem Bildschirm sehe ich die Bestandsliste des Sets. Ich sortiere nach Pinzetten, Scheren, nach Fleischhaken, nach Knochenhebern und verschiedene Instrumenten. Ohne Bild und Identifikationsnummer, mit der jedes Instrument versehen ist, wäre das eine unmögliche Aufgabe für mich. Ich öffne Scheren, achte auf Schäden oder Verunreinigungen an den Pinzettenspitzen und hake jedes Teil in der Liste ab.

Auch wenn der Stehtisch höher ist, im Rücken zwickt es mich schon bald, und auch die Füße werden platt, alle Arbeiten werden im Stehen erledigt. Ist das Set vollständig, werden die Instrumente in den Körben sortiert liegend in doppellagigen Tücher (Steriles-Barriere-System) eingeschlagen und mit Banderole (als Indikator) versehen. Die Körbe werden auf Edelstahlwagen in einen der drei Dampfsterilisatoren geschoben. Nachdem zunächst die Luft aus dem System gesaugt wurde, wird Wasserdampf eingedrückt. Der Druck steigt auf drei Bar an. Zugleich wird die Temperatur in mehreren Schüben bis auf 134 Grad Celsius angehoben, und fünf Minuten gehalten, der Siedepunkt des Wasserdampfes. „So gelangt die volle Hitze auf die Instrumente und sorgt für Keimfreiheit“, erklärt mir Jörg Keil. Insgesamt 65 Minuten dauert der Vorgang, bevor der Wagen aus der Anlage kommt. Nach Sichtkontrolle und Kontrolle verschiedener Indikatoren, die den vom Robert Koch Institut vorgeschriebenen Sterilisationsprozess dokumentieren, wird die Ladung im System freigegeben. Auch hier gilt, dass von jedem Teil später der genaue Aufbereitungsprozess nachverfolgt werden kann. Nach einer Abkühlphase werden die fertigen, sterilen Sets, zum Abtransport nach Kiel und Schleswig zwischengelagert oder sie gelangen über einen Aufzug in den Sterilgutlagerraum an den OP-Sälen in der Ostseeklinik, einen Stock höher, erklärt mir Keil. Trotz der großen Verantwortung kann er nachts gut schlafen, erzählt Keil. Er könne sich auf seine Mitarbeiter verlassen und die Maschinen würden sich auch selbst kontrollieren. Sobald ein Fehler im Prozess auftrete, dann würden weder die RDG noch die Dampfsterilisatoren ihren Inhalt ohne Kontrolle frei geben. Und während ich aus dem schmucken Blau wieder in meine Straßenkleidung wechsele, kommt die nächste Lieferung aus Schleswig.

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erstellt am 29.Dez.2016 | 06:03 Uhr

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