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Eckernförder Zeitung

21. August 2017 | 23:47 Uhr

Seitenwechsel : Kein Job für Warmduscher

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Einen halben Tag in einem Betrieb: Stadtredakteur Arne Peters klettert in zwölf Meter hohe Baumkrone und betreibt Baumpflege. Sein „Arbeitgeber“ belohnte den Einsatz mit guten Noten.

Eckernförde | In unserer neuen Serie „Seitenwechsel“ tauscht die Redaktion die Tastatur gegen Schubkarre, Kochlöffel oder Motorsäge: Einen halben Tag lang arbeiten die Redakteure in einem anderen Beruf – und beschreiben, was sie dabei erleben. Heute: Stadtredakteur Arne Peters in der Baumpflege.

Schon nach zehn Minuten frage ich mich, worauf ich mich da eingelassen habe. „Einmal einen halben Tag als Baumpfleger arbeiten? Kein Problem“, war mein Gedanke. Immerhin habe ich auf diese Weise als Student meine Brötchen verdient. Aber das ist mittlerweile nicht nur 15 Jahre her, sondern auch mindestens 15 Kilo. Und jetzt hänge ich in meinem Klettergeschirr wie ein vollgefressener Panda an einem Seil unter einer Roteiche auf dem Brekendorfer Friedhof und lausche den Anweisungen von Isaak Bertsch, dem Baumpfleger aus Hütten, der heute einen halben Tag lang mein Chef ist. „Versuch mal, mit der Hüfte nach oben zu schwingen und dich dabei am Seil hochzuziehen.“ Ich tu’s: keine Chance. Aus dem Panda wird kein Eichhörnchen.

Damals hatten wir noch Steigeisen mit jeweils einem Metalldorn, den man in die Rinde trat und wie auf einer Leiter den Baum hinaufsteigen konnte. Das ist mittlerweile verpönt: „Die Steigeisen beschädigen die Rinde, woraufhin der Baum anfälliger für Krankheiten wird“, belehrt mich Isaak. Bleibt also nur noch eine alternative Technik, die er mir zeigt. Dabei muss man das unter sich hängende Seil um die Füße schlingen und sich auf dem eigenen Spann abstützen. Es funktioniert, nur dauert diese Technik wesentlich länger und ist nicht unbedingt leicht. Nach zehn Minuten bin ich in der ersten Astgabel. Ich keuche, die Beine zittern, die Redakteursarme machen schlapp. Nach weiteren zehn Minuten bin ich endlich in zwölf Metern Höhe, mitten in der Krone. Und da ist das altbekannte Gefühl: Der Schweiß sammelt sich unter meinem Helm und rinnt langsam von der Stirn die Wange hinab. Ich muss erst einmal eine Pause einlegen, Luft holen, die Muskulatur entspannen.

Der Blick von hier oben geht weit ins Land hinein. Die A7 ist zu erkennen, der Horizont ist noch weiter als sonst. Und obwohl es nur wenige Grad über Null sind, schwitze ich weiter. Doch das Erlebnis entschädigt. Es riecht nach feuchtem Holz, hier oben schärfen sich die Sinne. Nichts lenkt mich ab, meine Gedanken sind nur auf mein Ziel gerichtet, auf die Äste, die ich betrete, auf mein Seil, das mich hält. Die Höhe? Kein Problem. Ich sehe nicht nach unten, sondern nur auf den Ast unter mir und auf mein Ziel über mir.

Totholz soll aus der Eiche entfernt werden, damit es beim nächsten Sturm nicht abbricht und jemanden verletzt. Außerdem sollen die weit ausladenden Äste gesichert werden, um nicht ebenfalls abzubrechen. Für die Arbeit hat Isaak einen Hubsteiger gemietet, mit dem er aber nicht an jeden Ast gelangt. Immerhin konnte er damit schon die langen Sicherungsseile in der Krone befestigen, an denen wir uns später hochziehen.

Das Totholz – mein erstes Ziel – liegt leider zwei Meter über der sicheren Astgabel, auf der ich stehe. Wie jetzt da hochkommen? Der Ast ist rutschig, es hat zuvor noch geregnet. Mein einziges Hilfsmittel ist mein Sicherungsseil und ein zweites, kürzeres Seil an meinem Klettergurt. Und da kommen sie wieder, die Erinnerungen an die alten Zeiten. Ich ziehe mich an meinem Sicherungsseil hoch, schwinge das kürzere Seil um eine Astgabel und befestige es an meinem Gurt. Nun habe ich zwei Seile, mit denen ich arbeiten kann, stemme meine Füße gegen den nassen Stamm, rutsche ab, pralle gegen den Stamm, versuche es wieder. Es ist schweißtreibend, die Muskeln zittern, doch irgendwann bin ich so weit oben, dass ich mich festhalten und sichern kann. Erst einmal wieder eine Pause, keuchen, ausruhen, den Schweiß über die Wange rinnen spüren.

Früher wäre es mit einem Schnitt der Motorsäge getan, heute ist das – wieder einmal – verpönt. „Eine Handsäge gibt einen viel saubereren Schnitt, das ist besser für die Wundheilung“, hat Isaak gesagt, als er mir die Japansäge an den Gurt hängte. Ja, das mag sein, sie macht aber auch mehr Arbeit. Nach einigem Hin und Her finde ich eine leidlich angenehme Position und setze die Säge an. Es dauert – Eichenholz ist halt nicht aus Butter –, bis der Ast bricht und in die Tiefe fällt. Wieder keuche ich.

Mittlerweile bin ich seit einer Stunde auf dem Baum und frage mich, wie ich das noch drei weitere Stunden durchhalten soll. Doch langsam kommen die alten Bewegungen zurück, erinnert sich mein Körper daran, wie er sich biegen und beugen muss. Und plötzlich schlägt die Freude an der Tätigkeit wieder voll zu. Für mein nächstes Ziel muss ich wieder auf einen höheren Ast. Und es geht schon besser. Anstatt zu denken, dass jetzt langsam mal gut ist, geht es weiter. Der dritte, der vierte Ast, jetzt der fünfte. Es macht Spaß.

Die Technik hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert, doch die Arbeit ist nach wie vor anstrengend und nichts für Warmduscher. Und das ist Isaak Bertsch nun wirklich nicht. Der 32-Jährige hat eigentlich Gemüsegärtner gelernt, später alle erforderlichen Lehrgänge für die Baumpflege abgeschlossen, schließlich machte er sich selbstständig. Das war noch im Schwarzwald. Über Hamburg und Kiel kam er schließlich nach Hütten, wo er sich 2011 niederließ. Er kann mittlerweile alles: Pflegeschnitte jeglicher Art und schwierigste Fällungen. „Ich bin in der Natur und an der frischen Luft“, sagt er, während wir schon wieder am Boden sind. „Und die Arbeit ist vielfältig: Kein Baum ist wie der andere.“ Wichtig sei ihm, dass seine Bilanz positiv ist: „Ich habe mehr Bäume gepflanzt als gefällt.“ Das macht er nämlich auch noch.

Und noch einen positiven Aspekt hat der Beruf: „Ich kann essen, soviel ich will. Ich nehme nicht zu.“ Seit zehn Jahren wiegt Isaak 65 Kilogramm bei einer Körpergröße von 1,75 Metern. Der Kalorienverbrauch bei dieser Arbeit ist enorm. „Vielen ist nicht bewusst, was für eine harte Arbeit das ist. Vor allem das Aufräumen erfordert viel Zeit, besonders, wenn das Holz vom Garten ums Haus zum Fahrzeug geschleppt werden muss.“

Auf vielen schönen Bäumen war er. Die Roteiche in Brekendorf gehört dazu. Auch die Blutbuche im Alten Landratspark in Eckernförde hat er mit Stahlseilen und Kronensicherung behandelt.

Die Pause wird immer länger, ich halte meinen Kurzzeit-Chef nur auf. Nach vier Stunden ist mein Praktikum beendet, ich verabschiede mich und Isaak klettert wieder flink wie ein Affe auf den Baum. Und während ich ins Auto steige, öffnet der Himmel seine Schleusen. Ohne mich und meine Fragen wäre Isaak schon längst fertig gewesen. Aber wie gesagt: Es ist kein Job für Warmduscher. Isaak ist keiner – und macht auch im Regen weiter.

>Der Betrieb: Baumpflege Bertsch, Schwadenburg 4, 24358 Hütten, Tel. 04353/99  80  161, info@baumpflege-bertsch.de

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erstellt am 12.Mär.2016 | 06:33 Uhr

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