zur Navigation springen

Katzenglück oder: Das wundersame Leben von Kater Merlin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

von
erstellt am 07.Apr.2014 | 13:19 Uhr

Es war vor etwa 17 Jahren. Da machte ich einen Spaziergang, nicht weit von meiner Wohnung entfernt. Ein schöner Maimorgen mit viel Sonnenschein.

Etwas erregte meine Aufmerksamkeit. Dieses weiße Etwas sprang zwischen den Büschen, Blumenbeeten und Rasenflächen ständig hin und her, wie ein kleiner Kobold. Als ich näher kam, sah ich, dass es ein kleines, weißes Kätzchen war. Eine Frau, die ihren Vorgarten bestellte, scheuchte das Tier immer wieder fort; es behinderte sie beim Blumenpflanzen. Dann wieder sprang es auf die Straße und wieder zurück unter die schutzbringenden Sträucher. Dieses Kätzchen verhielt sich völlig katzenuntypisch. Statt sich scheu vor den Menschen zu verstecken, schien es eher Aufmerksamkeit erregen zu wollen und zeigte überhaupt keine Angst.

Ein Junge, der meine Neugier und mein Interesse sah, holte das Kätzchen unter einer groß Eibe hervor und gab es mir mit den Worten: „Da haben Sie Ihre Katze.“ Verwirrt antwortete ich: „Das ist nicht meine Katze. Aber vielen Dank.“

Da stand ich nun auf der Straße mit einem fremden Kätzchen auf dem Arm. Der kleine Kerl schien sich sichtlich wohl zu fühlen und kuschelte sich eng an mich. Ich nahm ihn mit nach Hause. Es war ein Katerchen mit blauen Augen, noch keine acht Wochen alt. Alle kleinen Katzen haben zunächst blaue Augen, doch die verändern sich zwischen der 8. und 12. Woche. Erstaunlicherweise akzeptierten meine beiden erwachsenen Katzen den kleinen Kerl, was gar nicht selbstverständlich war. Katzen sind Einzelgänger, keine Rudeltiere.

Ich informierte den Tierschutzverein über meinen seltsamen Fund und hoffte insgeheim, der Besitzer möge sich nicht melden. Ich hatte den weißen Kobold schon längst lieb gewonnen. Ich nannte ihn Merlin, da er mich völlig verzaubert hatte. Später hörte ich, dass das Katerchen ausgesetzt worden war. Warum?

Den Grund erfuhr ich erst Monate später. Merlin entwickelte sich prächtig und wuchs heran zu einem stattlichen, überdimensional großen Kater mit riesigen Pranken. Zwölf Kilogramm brachte er leicht und locker auf die Waage. Saß er in der Fensterbank, blickten die Menschen bewundernd zu ihm hoch, und die Kinder sagten: „Seht nur, was für eine schöne, weiße Katze.“

Ein Problem gab es allerdings, und zwar ein großes: Es war schwer, ihn sauber zu kriegen. Katzen sind von Natur aus sehr reinliche Tiere. Mein Katerchen allerdings machte überall hin, auf den Teppich, in sein Körbchen, sogar auf mein Bett. Und das ist normalerweise für Katzen das Allerheiligste. Wenn wieder etwas passiert war, blickte er mich so unglücklich an, als verstünde er die Welt nicht mehr. Nein, ich konnte ihm nicht böse sein. Doch es war schon reichlich strapaziös. Mühsam lernte er, das Katzenklo zu benutzen. Doch auch als erwachsene Katze passierte es ihm noch ab und zu.

Das war der Grund gewesen, weshalb er ausgesetzt worden war. Ja, und dann schlief er vor dem laufenden Staubsauger ein! Ich hätte ihn mit wegsaugen können. Darüber wunderten wir uns besonders. Alle Katzen haben Angst vor dem lauten Geräusch des Staubsaugers! Wieso war mein Katerchen so anders? Bis die Tierärztin erkannte: Merlin war taub, stocktaub! Das war die Erklärung für seine seltenen Verhaltensweisen.

Silvester ist für die meisten Haustiere der stressigste Tag im Jahr. Sie verkriechen sich vor lauter Angst. Nicht so, mein Merlin. Er saß immer in der Fensterbank und sah mit Staunen auf das Feuerwerk da draußen. Und er wedelte vor Aufregung mit dem Schwanz.
Er konnte den Lärm ja nicht hören. Weiße Katzen haben oftmals dieses Handicap, taub zu sein. Nur meine erste weiße Katze konnte ausgezeichnet hören. Sie war mit schwarzen Haaren auf dem Kopf geboren worden.

Merlin wurde zwölf Jahre alt. Er lebte in einer stummen Welt. Er starb an Nierenversagen, verweigerte die Nahrung und magerte sehr stark ab. Sein weißes Fell wurde gelb. Da war es Zeit, ihn zu erlösen. Aber immer wieder erinnere ich mich gern an unsere erste Begegnung, An den kleinen weißen Kobold, der mein Herz erobert hatte. Welch ein Glück, dass ich eine taube, weiße Katze gefunden hatte.


zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen