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Konzert in Eckernförde : Katja Ebstein überrascht und fasziniert

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Sängerin hat bei ihrem Auftritt in Carls Showpalast keine Schlager gesungen, sondern Texte von Hannes Wader bis Bertolt Brecht zitiert. Mit ihrem anspruchsvollen kritischen Programm hat sie die Zuschauer überrascht und erntete langen Applaus.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2013 | 06:19 Uhr

„Ich kenne sie von früher und mochte sie immer schon gerne“, sagt Regina Mau aus Eckernförde und meint damit Katja Ebstein. „Die Stücke im ersten Teil kannte ich leider nicht, aber ich hoffe, dass im zweiten Teil noch ein paar ihrer Schlager kommen.“

Sie und ihr Mann äußerten sich in der Pause des Konzerts am Sonnabend in Carls Showpalast etwas überrascht vom ersten Set, waren aber dennoch angetan. Katja Ebstein, die gertenschlanke Sängerin, die mit ihrem tief hängenden Pony, ihren rötlichen langen Haaren und den strahlenden Augen seit Jahren unverändert wirkt, zeigt sich in ihrem Programm von einer anderen Seite, als landläufig bekannt. Sie deklamiert sich durch kritische Texte von Hanns Dieter Hüsch, Hannes Wader, Robert Long, von Bertolt Brecht, Georg Kreisler und Konstantin Wecker.

Sie richtet sich gleich zu Beginn mit Kurt Tucholsky „An das Publikum“: „O hochverehrtes Publikum / sag mal: Bist du wirklich so dumm / wie uns das an allen Tagen / alle Unternehmer sagen? / Jeder Direktor mit dickem Popo / spricht: ‚Das Publikum will es so!’ / Jeder Filmfritze sagt: ‚Was soll ich machen? / Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!’ / Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht: / ’Gute Bücher gehn eben nicht!’ / Sag mal, verehrtes Publikum: / Bist du wirklich so dumm? (...)“

Das war im Grunde schon ein wichtiger Hinweis auf den weiteren Verlauf dieses Abends: Der – ganz und gar Liederabend und Cabaret, nie seichte Schlagerunterhaltung – wurde von Stefan Kling am Klavier sensibel begleitet und zog die vielen Zuhörer Minute für Minute stärker in seinen Bann.

Mit Chansons, Couplets, Gedichten und auch ihren Liedern, arbeitet sich Ebstein ab am Grauen dieser Welt, an Krieg, Flucht, Heimatverlust, Waffen, Gier und Elend, gibt sie Liebeserklärungen ab an vom Leben nicht Verwöhnte: „Ich sing für die Verrückten / die seitlich Umgeknickten / Die eines Tags nach vorne fallen / und unbemerkt von allen / Sich aus der Schöpfung schleichen / weil Trost und Kraft nicht reichen / Und einfach die Geschichte überspringen / für diese Leute will ich singen“ (Hüsch).

Ebstein, Berlinerin und hier auf der Bühne auch immer wieder Berliner Göre, kommt mal rotzfrech daher, spricht aus der Sicht eines Kindes aus Zilles „Miljöh“, das seinen einsitzenden Vater vermisst, gibt einer naiven, einfachen Person eine Stimme, die mit vielem gar nicht einverstanden ist: „Du lieber Gott, komm doch mal runter / und schau dir die Bescherung selber an / Du Lieber Gott, komm doch mal runter / Ich schwör Dir, dass man hier verzweifeln kann“ (Sulke).

Bei Mascha Kalékos „Kein Kinderlied“ greifen Kling und Ebstein nach Kehlen; ihre Leidenschaft in Musik und Interpretation dieses Stückes können Menschen im Saal, die im Krieg Flüchtlinge waren, vielleicht besonders nachvollziehen: „Wohin ich immer reise / Ich komm nach Nirgendland / (...) Die Wälder sind verschwunden, / die Häuser sind verbrannt. / Hab keinen mehr gefunden. / Hat keiner mich erkannt.(...)“

Mit Bravo-Rufen verabschiedet sich das fast volle Carls nach diversen Zugaben von der Künstlerin. Ein ganz besonderes Kompliment hat Regina Mau am Ende für Katja Ebstein und das für sie unerwartete Programm zu vergeben. Anerkennend gesteht sie: „So grandios, wie die sich weiterentwickelt hat, ist es kein Wunder, dass sie ihre alten Schlager nicht mehr singen will.“


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