Kameras helfen nicht

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20. Dezember 2012, 03:59 Uhr

Man hätte die Uhr danach stellen können: Wie nach jedem spektakulären Gewaltverbrechen oder gescheitertem Anschlag wie in Bonn dauert es nur wenige Tage, bis sich selbsternannte "Law and Order"-Politiker mit Forderungen nach einer intensiveren, möglichst flächendeckenden Videoüberwachung des öffentlichen Raumes überschlagen.

Dabei ist die Forderung nach immer mehr Videokameras populistisch und trägt keineswegs dazu bei, den Bürgerinnen und Bürgern zu mehr Sicherheit zu verhelfen. Stattdessen bedeutet der Aufbau eines enthemmten Überwachungsstaates konkret den Abbau von Freiheit für alle Bürgerinnen und Bürger. Das kann keine Antwort auf Kriminalität und Terrorgefahr sein.

Selbst die Gewerkschaft der Polizei bezweifelt den Nutzen, denn ein zu allem entschlossener Terrorist wird sich nicht von seinem Vorhaben abhalten lassen, wenn an jeder Straßenlaterne eine Videokamera hängt. Stattdessen erhöht sich der Überwachungsdruck auf den unbescholtenen Rest der Bevölkerung.

Jedenfalls bringt eine Kamera keine Sicherheit, denn sie kann nicht einschreiten, wenn ein Verbrechen geschieht. In wenigen Fällen können Videoaufzeichnungen dazu beitragen, ein Verbrechen im nachhinein aufzuklären. Aber dann ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Das zeigten beispielsweise die Fälle von Gewalt in der Berliner U-Bahn. Trotz dichter Kameraüberwachung kamen Menschen zu Tode oder wurden schwer verletzt.

In den vergangenen 20 Jahren wurden bundesweit zehntausende Stellen bei der Polizei abgebaut - und zwar meist von den Politikern, die sonst gerne von "Law and Order" und einer "harten Hand" sprechen. Die Polizei in Schleswig-Holstein ächzt unter der immer größer werdenden Belastung. Bis Anfang des Jahres hatten die Polizistinnen und Polizisten des Landes mehr als 315 000 Überstunden geleistet - die meisten davon unbezahlt. Zwar hat Innenminister Breitner angekündigt, keine weiteren Stellen bei der Polizei abzubauen. Dennoch fehlen mindestens 160 Polizisten in Schleswig-Holstein.

Hier wird deutlich, was wir statt mehr Videoüberwachung tatsächlich brauchen: Ausreichend Polizei, die präsent ist, gut ausgebildet, nicht überfordert. Statt der Videokamera an der Laterne brauchen wir endlich wieder den Schutzmann an der Ecke, der sein Revier kennt, an den man sich wenden kann.

Auch für mehr Sicherheit an Bahnhöfen und in Zügen ist mehr Personal nötig. Wäre das Personal an den Bahnsteigen nicht schon vor Jahren eingespart worden, hätten sich viele schreckliche Fälle von Gewalt und Kriminalität sicher nie ereignet.

Weil jemand hätte einschreiten können. Eine Videokamera kann das nicht leisten. Allein deshalb lohnt es sich, in Menschen zu investieren statt in Technik.

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