zur Navigation springen

Holocaust-Überlebende : Junge Menschen sollen die neuen Zeitzeugen sein

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Margot Friedlander, Holocaust-Überlebende, liest in der Grund- und Gemeinschaftsschule Standort Nord.

shz.de von
erstellt am 28.Mär.2015 | 06:00 Uhr

Sie sind zwischen 15 und 17 Jahre alt. Alles, was vor der Jahrtausendwende passiert ist, gehört für sie bereits zur Geschichte. Das gilt insbesondere für das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte, die Verfolgung und Vernichtung des jüdischen Volkes im Dritten Reich – zusammengefasst in dem Wort Holocaust. Dass sich hinter diesen abstrakten Worten Menschen verbergen, denen unendliches Leid angetan wurde, erfuhren die Schüler der zehnten Klasse der Grund- und Gemeinschaftsschule Eckernförde Standort Nord gestern im Rahmen einer besonderen Lesung. Zu Gast war Margot Friedlander aus Berlin. Sie hat als junge Frau den Holocaust in Deutschland und in dem tschechischen Ghetto Theresienstadt überlebt. Die 93-Jährige las auf Einladung des Geschichtslehrers Thomas Schulz aus ihrem Buch „Versuche, dein Leben zu machen“.

Die 21 Jahre alte Margot lebt mit ihrem vier Jahre jüngeren Bruder Ralph und der Mutter in Berlin. Es ist der 20. Januar 1943. An diesem Tag wollen die drei die Flucht vor der Gestapo antreten – die Koffer sind bereits zum Bahnhof gebracht. Zu Hause angekommen, erfährt sie, dass ihr Bruder verhaftet ist. Und auch ihre Mutter sieht sie nie wieder. Von ihrer Familie bleiben ihr nur die Handtasche ihrer Mutter samt Adressbüchlein und Perlenkette und eine Botschaft, die ihr eine Nachbarin mündlich übermittelt: „Ich habe mich entschlossen, zur Polizei zu gehen. Ich gehe mit Ralph, wohin auch immer das sein mag. Versuche, dein Leben zu leben.“ Die Beklemmung im jungen Publikum ist überall spürbar – als Margot Friedlander diese Zeilen vorliest, zeigt sie den Schülern die Perlenkette ihrer in Auschwitz vergasten Mutter und hält das kleine vergilbte Adressbüchlein hoch. Als sei es das Normalste der Welt, hat sie einen Judenstern in der Hand, den sie vor sich auf den Tisch legt. In dem Moment ist das unfassbare Grauen in der Aula der Schule angekommen – es ist wirklich.

Die Schüler erfahren von ihrem großen Schmerz durch die Tatsache, dass die Mutter sich bewusst gegen sie entschieden hat, aber auch von ihrer lebensbejahenden Einstellung und von ihrem mutigen Überlebenskampf im Untergrund Berlins, der nach 15 Monaten mit der Verhaftung und der Einweisung in das Ghetto Theresienstadt endet. Sie erfahren von der großen Einsamkeit einer jungen Frau, die sehr unter dem Schuldgefühl leidet, überlebt zu haben und sich dadurch „vom Schicksal meines Volkes“ abgetrennt fühlt. Indem sie freiwillig die Worte sagt „Ich bin jüdisch“ wird aus dem Ich wieder ein Wir – die junge Margot ist wieder mit dem Schicksal ihrer Familie und ihres Volkes vereint.

64 Jahre hat Margot Friedlander mit ihrem Mann, den sie noch im befreiten Theresienstadt geheiratet hat, in Amerika gelebt. Nach seinem Tod lebt sie seit 2010 wieder in Berlin. „Ich bin wieder zurückgekommen, um mit euch zu sprechen. Ich möchte, dass ihr die Zeitzeugen seid, die wir nicht mehr lange sein können“, begründet sie ihre Rückkehr.

Trotz ihres hohen Alters besucht Margot Friedlander jede Woche mehrere Schulen, sucht das Gespäch. „Das hilft mir, das aufzuarbeiten.“ Ihre Botschaft an die jungen Menschen in der Aula: „So etwas darf nie wieder geschehen. Und das liegt an euch.“

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen