Jugendliche: Koma-Saufen und Kiffen nehmen zu

Auch junge Mädchen greifen immer häufiger zur Flasche. Foto: dpa
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Auch junge Mädchen greifen immer häufiger zur Flasche. Foto: dpa

Die Probleme mit Alkohol und Drogen bei Jugendlichen in der Stadt nehmen zu. Am Strand kommt es häufig zu Exzessen und vor Schulen wird Cannabis verkauft. Immer mehr junge Menschen müssen zur Drogenberatung. Die Polizei sieht die Entwicklung mit Sorge, kann aber mit knappem Personal wenig bewirken. Nun gibt es erstmalig eine Selbsthilfegruppe für abhängige Jugendliche.

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13. August 2009, 10:34 Uhr

Eckernförde | Allabendlich sieht man sie auf irgendeinem TV-Kanal: Jugendliche beim Koma-Saufen, beim Kiffen oder Ausleben ihrer Aggressionen. Bilder, die weit weg scheinen, es aber nicht sind. Alkoholmissbrauch und Drogenkonsum bei Jugendlichen in Eckernförde nehmen zu. Das sagen Polizei, Streetworkerin Heike Peuster und Suchttherapeutin Rositta Teufel von der Diakonie. Und das sagt auch Charles Grimm. Er hat die erste Selbsthilfegruppe für abhängige Jugendliche in der Stadt ins Leben gerufen. Grimm engagiert sich für den bundesweit agierenden Verein "Freundeskreise für Suchtkrankenhilfe". Jeden Mittwoch von 17 bis 18 Uhr will er in der Bürgerbegegnungsstätte Ansprechpartner für Jugendliche sein, um aufzuklären und sich auszutauschen. Die Betroffenen zu erreichen sei schwierig. Grimm: "Jüngere erkennen ihre Sucht nicht. Es dauert, bis man fürs Umfeld auffällig wird und die Krankheit selbst erkennt." Grimm hat selbst eine lange Drogen-Karriere hinter sich, macht derzeit eine Ausbildung als Suchtkrankenhelfer und sieht sich mit seiner Erfahrung als prädestinierter Ansprechpartner.

Der Bedarf scheint da zu sein. Ein Grund: Das verstärkte Angebot von Cannabis. Von Schülern habe Grimm erfahren, dass sie vor dem Schulgelände von Dealern angesprochen wurden. Hinzu komme laut Rositta Teufel vom Diakonischen Werk der geringe Preis von zirka fünf Euro für ein Gramm Haschisch. Axel Bannick von der Kriminalpolizei kann beides bestätigen. Im Hinblick auf die Vorfälle vor den Schulen laufe derzeit auch ein Ermittlungsverfahren. Bannick ist Mitglied der Ermittlungsgruppe Jugend. Seine Einschätzung der Lage: "Es ist schon sehr heftig". Es gebe Fälle von Jugendlichen, die aufgrund von Psychosen in die Fachklinik nach Schleswig eingewiesen werden mussten. Fast immer gehe es bei Jugendlichen um Cannabis, darunter fallen Haschisch und Marihuana. Doch auch härtere Drogen scheinen nicht außen vor zu sein. "Es gab dieses Jahr schon zwei Drogentote", sagt Bannick, beide unter 25 Jahre alt. Um dagegen vorzugehen, gebe es soweit möglich Kontrollen, so der Kripo-Beamte. Ein Problem für die Polizei: Vieles scheint sich im Verborgenen abzuspielen, denn eine offene Szene, Treffpunkte gebe es nicht. Grimm sieht allerdings die Skater-Anlage als einen Hauptumschlagplatz.

Aufgrund der sich häufenden Fälle haben Staatsanwalt und Gerichte mittlerweile reagiert: Bei Strafverfahren aufgrund von Missbrauchsfällen mit geringen Mengen (unter sechs Gramm) bekommen die Jugendlichen die Auflage, ein Drogenberatungsgespräch zu führen. Bei solch geringen Mengen wird nicht von Handel, sondern Eigenbedarf ausgegangen. Die Täter landen bei Teufel in der Diakonie. Doch nicht nur sie. Auch Jugendliche, die im Zuge von Alkoholmissbrauch Straftaten begehen. Mit ihnen zu reden, sie vor den Gefahren aufzuklären und Hilfen aufzuzeigen sei ein wichtiger präventiver Schritt, denn "wenn man mit zwölf, 13 Jahren anfängt, geht der Prozess zur Abhängigkeit schneller", sagt Teufel. Immer wieder gebe es auch Fälle von regelrechten Sauforgien. "Wir haben hier Schüler, die auf Klassenfahrten gesoffen haben, bis es nicht mehr geht."

Ort solcher Exzesse ist auch immer wieder der Strand. Polizeikommissar Joachim Wulff sagt zu der Situation: "Wir stellen tatsächlich fest, dass es mehr wird." Er nennt eine Schulabschlussfeier zuletzt am Südstrand als Beispiel. "Da gab es echte Probleme". Die Party habe sich verselbstständigt, 500 Leute seien schließlich dort gewesen. "Der Strand war mit Flaschen übersät, einige Jugendliche mussten nach Hause gebracht werden." Man bemühe sich gerade bei Volksfesten in Zusammenarbeit mit Jugendamt und Ordnungsamt Streifen zu gehen. Dabei steht laut Ordnungsamtsleiter Klaus Kaschke eindeutig der Präventionsgedanke im Vordergrund. Bußgelder bei Verstößen würden gegen Jugendliche nicht ausgesprochen. Zur Strand-Fete sagt er: "Die hat es in den letzten Jahren immer gegeben. Das werden wir nicht verhindern können." Dennoch sollen jetzt Gespräche mit den Schulen geführt werden, um neuerlichen Exzessen besser Herr werden zu können. Aus Sicht von Streetworkerin Heike Peuster reichen Präsenz und Kontrollen der Ordnungsbehörden bei solchen Veranstaltungen aber nicht aus. Sie selbst sucht immer wieder öffentliche Partys auf und versucht Einfluss zu nehmen. Doch ihre Möglichkeiten sind begrenzt, gerade wenn die Jugendlichen schon stark alkoholisiert sind. Peuster beobachtet eine zunehmende Gewaltbereitschaft. "Es wird viel kaputt gemacht, Strandkörbe angezündet. Man kann gar nicht mehr normal feiern, weil immer einige Jugendliche austicken." An Alkohol zu kommen, sei für Jugendliche kein Problem, da auch viel gestohlen werde. Laut Kaschke wird der Jugendschutz von Seiten des Einzelhandels eingehalten. Es gebe nur Einzelfälle, die auch zur Anzeige gebracht werden.

Trotz aller Bemühungen sind die Probleme von Behörden und Sozialarbeitern allein nicht zu lösen. Denn eine wichtige Gruppe zieht laut Rositta Teufel zu wenig mit: die Eltern. "Sie müssen sich mit ihren Kindern auseinandersetzen". Druck und Kontrolle seien unerlässlich, doch kämen viele dieser Aufgabe nicht nach. Bei betroffenen Jugendlichen stelle sie immer wieder die fehlende Autorität gegenüber Älteren fest. "Sie haben keinen Respekt vor dem, was Erwachsene sagen." Aus ihrer Sicht haben viele Jugendliche zu große Freiheiten. Teufel: "Das Klientel hier ist entweder zu verwöhnt oder verwahrlost".

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