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Lesung : Jo Brauner und die Todesangst der Schweinemäster

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der ehemalige Tagesschausprecher Jo Brauner hat am Wochenende aus dem Nordkrimi seines Neffen Karl Walther vorgelesen.

shz.de von
erstellt am 21.Okt.2013 | 05:27 Uhr

„Guten Abend, meine Damen und Herren.“ Nee nee, das war 2004. Damals verlas Jo „Die Stimme“ Brauner zum letzten Mal die Tagesschau. Nun, fast zehn Jahre später, saß er im gemütlichen „Spieker“ am Innenhafen auf dem Holzpodest und las; vertraut und doch ganz anders. Über Schweinemastbetriebe und ihre wirtschaftliche Optimierung, über Fischwilderei, militanten Tierschutz und Entführung. Ereignisse irgendwo in der Welt? Könnte man meinen. Aber nein, hier ging es um die Geschehnisse weniger Tage – und zwar in Schwansen.

Brauner las den Nordkrimi „Stallgeruch“ seines Neffen Karl Walther. Als Beitrag zum „Nord Mord Award“ eingereicht, avancierten die Zeilen von Futterbrei und Spaltenboden wohl zum Favoriten der Jury, wurden aber am Ende doch nicht veröffentlicht. „Zu hart...“, so die wahrscheinlich nicht ganz einhellige Meinung.

Das Publikum im proppenvollen Speicher hat es jedenfalls hervorragend überstanden, das Ränkespiel um Massentierhaltung und die gekidnappte „Schwansen-Connection“ der Schweinemäster; ihre ausgeklügelte Gefangensetzung in einem alten, gekachelten Schwimmbad. Die stetige „Verschweinerung“ der 20, inzwischen nackten, nach ein paar Tagen verdreckten und auf ihre Instinkte reduzierten Insassen spiegelte schonungslos die Situation von Mastbetrieben wider. Eine Digitalkamera am Beckenrand: Bedrohlicher Pranger der Neuzeit.

Wie versuchte sich der ebenfalls beteiligte dicke Redakteur tagelang zu beruhigen? „Es wird mir nichts geschehen. Ich bin eine Kreatur Gottes.“ Wenn er sich da nicht mal irrte. Andere befürchteten bereits das Schlimmste. „Halt die Schnauze! Sie werden uns alle schlachten. Mit dem Elektroschocker zum Haken treiben. Uns kastrieren. Sie werden sogar Wurst aus uns machen, uns mit hämischem Vergnügen in unsere eigenen Ärsche stopfen!“ Das ahnte – wer sonst – der Mäster.

Die tolle Atmosphäre im „Spieker“, der Duft nach frischem Baguette, die feine Orangennote von Tee in der Luft, ein Wein hier, ein Bier da – Genuss statt Völlerei und Abstand zu Gewinnsucht und Tierleid. Mit musikalischem Zwischenspiel (bemerkenswert: Helene & Helene – Gesang und Gitarre) einem äußerst sympathischen Brauner und den gedrängt sitzenden, entspannten Zuhörern wurde die Lesung atmosphärisch und der Abend besonders.

Das fanden auch Nathalie Harrsen und Käthe Schröder, die extra aus Borgstedt und Friedrichsgraben gekommen waren: „Das ist hier total sympathisch und publikumsnah. Natürlich und nicht durchgestylt. Locker. So unaufgesetzt.“ Dann fügt Käthe Schröder noch leise, aber schmunzelnd hinzu: „Wir haben auch Schweine...“

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