Glückwünsche zum Jahreswechsel : „Jeder trägt die Fähigkeit in sich, Glück zu erleben“

Dr. Thomas Groth: „Glück ist die höchste Steigerung von Zufriedenheit und Freude.“
Dr. Thomas Groth: „Glück ist die höchste Steigerung von Zufriedenheit und Freude.“

Interview mit dem Psychotherapeuten Dr. Thomas Groth zum Thema Glück und Glücklichsein.

shz.de von
01. Januar 2015, 16:47 Uhr

Eckernförde | Zum Jahreswechsel wünschen wir einander Glück für all jenes, was das neue Jahr bringen wird. „Viel Glück“ oder „Glück gehabt“ sind schnell gesagt. Doch was ist Glück eigentlich? Dr. phil. Thomas Groth, Leitender Psychologe an der Imland-Klinik Eckernförde gibt Antwort.

Herr Groth, was ist Glück?

Thomas Groth: Es gibt keine allgemeine Definition von Glück. Was uns glücklich macht, kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein. Glück ist, wenn man so will, die höchste Steigerung von Zufriedenheit und Freude. In diesem Moment setzt unser Gehirn Hormone frei, die uns in einen körperlichen und psychischen Wohlfühlzustand versetzen. Dabei ist Glück aber mehr als im ursprünglichen Wortsinn „der günstige Ausgang einer Situation“. Die Glücksforschung zeigt, dass jeder von uns die Fähigkeit in sich trägt, Glück zu erleben. Auch wenn nicht jeder eine wahre Frohnatur sein kann, so haben wir doch mehr Einfluss darauf, glücklich zu sein und auf lange Sicht ein zufriedenes Leben zu führen, als wir oft glauben. Neurobiologisch sprechen wir in diesem Zusammenhang von Emotionsregulation. Emotionen helfen uns, uns unseren Bedürfnissen entsprechend zu verhalten. Während z.B. Angst uns schützen soll, ist Freude und Glück ein Zustand, der uns motiviert, an Dingen dranzubleiben, die uns gut tun.

Haben Sie Tricks, um sich Glücksmomente zu verschaffen?

Ich muss Sie leider enttäuschen, mir sind keine Tricks bekannt. Ebenso gibt es nicht den wortwörtlichen Schalter im Kopf, den man umlegen muss. Eine Glückspille gibt es schon gar nicht. Gefühle sind in uns fest verankert und haben eine wesentliche Funktion für unser Überleben. Die Veränderung negativer Gefühle und die Aktivierung von Glücksgefühlen bedarf daher zunächst Kenntnis darüber, wie wir in Alltagssituationen fühlen und denken. Alles was danach kommt, ist Übung und die Bereitschaft eingetretene Pfade zu verlassen. Achtsamkeit – also die Fähigkeit, seine Aufmerksamkeit auf das momentane Tun und die aktuellen äußeren oder inneren Sinneseindrücke zu richten – spielt dabei eine große Rolle.

Wissen wir denn überhaupt, was uns glücklich macht?

Das Einfachste ist, man fragt direkt danach. Es gibt große Studien, die darauf hindeuten, dass es bestimmte Faktoren sind, die in einem engen Zusammenhang mit dem Erleben von Glück stehen. Solche Faktoren sind z.B. soziale Zuwendung, Anerkennung und Wertschätzung, Selbstbestimmung, das Ausüben einer sinnvollen Tätigkeit, das völlige Aufgehen in einer Beschäftigung. Auch Sport oder Musik hören gehören dazu.

Muss der Mensch glücklich sein?

Mit dem Wort „muss“ tue ich mich als Psychotherapeut schwer. Jeder ist frei, sich zu entscheiden, seine Einstellung und sein Verhalten zu ändern. „Muss“ erzeugt Stress und macht uns auf Dauer krank. Wer aber glücklicher und zufriedener leben möchte, dem bietet die Psychologie Hilfe an. Davon abgesehen scheint Glücklichsein auch einen positiven Effekt auf unser Immunsystem und unsere Gesundheit allgemein zu haben. Diese Zusammenhänge sind allerdings komplex.

Wie wird der Mensch glücklich?

Neben Achtsamkeit erscheint mir die Pflege der sozialen Beziehungen eine der wichtigsten „Glücksaktivitäten“ zu sein. In unserer täglichen Arbeit sehen wir darüber hinaus, dass Passivität und Vermeidung mit Hilflosigkeit und Unglücklichsein eng verbunden sind. Als Psychologe kann ich daher nur empfehlen: Entwickeln Sie Bewältigungsstrategien, stärken sie ihre sozialen Kompetenzen, setzen Sie sich erreichbare Ziele und loben Sie sich für Erfolg. Schaffen Sie sich Momente des Genusses und sorgen Sie für Ihren Körper: Machen Sie Sport!

Können Psychologen dabei helfen?

Ja. In Zusammenarbeit mit Kollegen anderer Disziplinen wie der Neurobiologie oder der Soziologie arbeiten Psychologen am Verständnis, welche gesellschaftlichen Grundbedingungen vorhanden sein müssen, um glücklich und auf Dauer zufrieden zu sein. Soviel ist sicher: Wohlstand allein reicht nicht aus. Auf individueller Ebene stellt die psychologische Forschung uns Methoden bereit, Menschen dabei zu unterstützen, ihr Unglück zu bewältigen. Dies gilt insbesondere dann, wenn Unglück zur Krankheit wird und sich in Depressionen manifestiert. Frühe negative Beziehungserfahrungen scheinen dabei eine Rolle zu spielen, ob wir als Erwachsene das Leben als feindselig oder als Chance uns zu entfalten erleben und haben damit wesentlichen Einfluss auf unsere Fähigkeit, Glück zu erleben. Wir versuchen diesen Aspekt in unserer Arbeit z.B. in der Therapie von chronisch depressiven Menschen zu berücksichtigen.

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