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Boxen : Iwan Rudi: Vom Boxtrainer in Eckernförde zum Studenten in China

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Als Übersiedlerfamilie aus Kasachstan kam Iwan Rudi 1992 nach Eckernförde. Hier entwickelte er sich sowohl sportlich als Boxer, als auch beruflich durch viel Ehrgeiz zu einem erfolgreichen Mann.

Er mag schon flehentlich geklungen haben – der dringliche Wunsch einer Mutter, gerichtet an Hartmut Jessen im Hausmeisterbüro der ehemaligen Bundeswehrkaserne Carlshöhe. Es war im Jahre 1992 als Jessen, schon damals Vorsitzender der Boxer vom BC 78 Eckernförde, sich als Angestellter der Stadt Eckernförde jahrelang offiziell um die Neuankömmlinge aus vielen Staaten in der Kasernenanlage kümmerte. In dieser Funktion gab es den ersten Kontakt zum damals gerade achtjährigen Iwan Rudi, der als „Wirbelwind“ aktiv und in der Übersiedlerfamilie aus Kasachstan wegen seines Bewegungsdranges kaum zu bändigen war. Der Wunsch der besorgten Mutter fand Resonanz bei Jessen, der sich fortan auch um den Sprössling kümmerte und ihn zusammen mit weiteren Jugendlichen unter seine Fittiche und in die neue Sportgemeinschaft aufnahm.

„Wir haben die Integration bereits erfolgreich praktiziert, als noch niemand sich dazu überhaupt Gedanken gemacht hat“, erinnert sich Jessen an die Herkunftsvielfalt der jungen Faustakteure auf dem Trainingsboden, wo die deutsche Sprache für alle Orientierungshilfe gab.

Was folgte war das Probetraining beim BC 78 – und die Erkenntnis, dass gerade diese körperliche Betätigung maßgeschneidert für den talentierten Iwan war, denn die Mutter konnte ihren Sprössling regelmäßig „ausgepowert“ und „handzahm“ vom Trainingsboden in der Pestalozzischule, damals wie heute das Trainingsdomizil der BC-Boxer, abholen.

Der junge Iwan eckte fortan nach seinem kanalisierten Bewegungsdrang weder zu Hause noch in der Schule an. „Hyperaktiv“ ist wohl heutzutage die begriffliche Bezeichnung für den „Zappelphilipp“. Aber auch der BC 78 Eckernförde profitierte von dem trainingsfleißigen und wissbegierigen Papiergewichtler (32 kg), der sich sehr schnell erste sportliche Meriten verdiente und die erlernten Trainingsinhalte gewinnbringend im Seilgeviert veredelte.

Es kam nicht überraschend, dass Iwan schon bei seiner ersten Meisterschaftsteilnahme das Edelmetall mit dem strahlendsten Glanz heimbrachte. „Ich weiß noch genau, wie es damals war, als ich so richtig in das Rampenlicht gerückt wurde“, erinnert sich Iwan Rudi, der fortan mit Akribie alle Zeitungsartikel und Fotos über seinen boxsportlichen Weg archivierte.

Die sportliche Heimat für Iwan war also sehr schnell gefunden, und im Verbund mit den Klassenkameraden nahm der inzwischen ins Teenager-Alter aufgestiegene Faustakteur eine sportliche Hürde nach der anderen. Sowohl bei Freundschaftskämpfen für seinen BC, aber insbesondere bei den Landes- und Norddeutschen Meisterschaften setzte er bei so mancher Veranstaltung das Glanzlicht. Sein Trophäenschrank benötigte ständig neue Ablagefächer für den sportlichen Erfolgsweg vom zehnjährigen Papiergewichtler bis hin zum 20-jährigen Leichtgewichtler mit 60 kg Kampfgewicht. Aber nicht nur vor heimischer Kulisse in der schon legendären Wulfsteerthalle triumphierte Rudi, der auch als Gastboxer für andere Vereine als Punktesammler fungierte. Mehrfacher Meister von Schleswig-Holstein und Norddeutschland, Boxer des Jahres und das Sportehrenblatt der Stadt Eckernförde sind die Top-Auszeichnungen für Rudi, der knapp 50 Kämpfe in seiner aktiven Laufbahn bis 2004 bestritten hat.

Wie Legobausteine im Verbund hatte Iwan Rudi neben seinen ausgeprägten boxsportlichen Ambitionen aber auch seine schulische Laufbahn im Auge, wohl auch beäugt durch den BC-Vorsitzenden, der die Stellschrauben des Lebens nicht unerheblich steuerte. „Ohne deutsche Sprachkenntnisse in der Grundschule in fremder Umgebung bis hin zum Realschulabschluss war es schon ein harter Weg“, erinnert sich Iwan Rudi an eine Schulzeit, die er durch Ausdauer und Fleiß meisterte. Nahtlos folgte anschließend bei der Stadt Eckernförde die Ausbildung als Fachangestellter Bäderbetrieb und die berufliche Tätigkeit, die allerdings den Leistungssport nicht mehr zuließ. Dennoch führte er den Kurs „Aqua-Punch“ mit Frontkicks und Kneekicks erfolgreich im Wellenbad ein.

Nach erfolgreicher Ausbildung zum Boxtrainer gab Iwan Rudi seine Erfahrung an die Vereinsjugend weiter und fungierte sowohl auf dem Trainingsboden als auch in der Ringecke als Sekundant. Hier nun waren es seine nie verlernten russischen Sprachkenntnisse, die eine Brücke zu vielen Boxern mit Migrationshintergrund bildete.

Iwan Rudi war bereits 27 Jahre alt, als er sich entschloss, noch einmal die Schulbank zu drücken, um die Fachhochschul-Reife zu erwerben. Obwohl Klassenältester, oder gerade deswegen, gehörte Iwan Rudi zu den Besten des Jahrgangs. Es folgte nun die neue berufliche Orientierung und der Studiengang Multi-Media-Production an der Fachhochschule Kiel.

Ist es eine Fügung oder einfach nur Können? Seit dem 1. September 2014 hat Iwan Rudi ein Auslandsstudium als Stipendiat in China begonnen. In Hangzhou, der Hauptstadt mit mehr als neun Millionen Einwohnern der Provinz Zhejiang, darf Rudi sein berufliches Können in der Partnerprovinz von Schleswig-Holstein noch verbessern.

„Diese frohe Botschaft erreichte mich als ich noch als Rettungsschwimmer in den Semester-Ferien auf Sylt aktiv war“, freut sich Rudi, der mit vier weiteren Studenten den Zuschlag für das exklusive Studium im Reich der Mitte erhielt.

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erstellt am 16.Okt.2014 | 06:00 Uhr

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