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Unfallschwerpunkt : „Irgendwas muss hier passieren“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Nach dem schweren Verkehrsunfall am Sonntag prüfen heute die Verkehrsaufsicht des Kreises, der Landesbetrieb Verkehr und die Polizei.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 06:00 Uhr

Neudorf | Seit Montag ist der Rummel auf dem Hof von Landwirt Hans-Joachim Dibbern groß. Von vielen wird er angesprochen auf den schweren Verkehrsunfall, der sich am Sonntag – mal wieder – unmittelbar vor seinem Hof zugetragen hat. Ein Motorradfahrer hatte am frühen Nachmittag bei seinem Überholmanöver den Trecker übersehen, der links auf den Hof Dibbern abbiegen wollte. Bei dem Zusammenstoß starben der Motorradfahrer (29) und seine 20-jährige Beifahrerin. Heute treffen sich Experten von der Verkehrsaufsicht des Kreises, des Landesbetriebs Verkehr und der Verkehrspolizei Neumünster, um bei einer Verkehrsschau auch diese Gefahrenstelle zu begutachten und zu bewerten.

Hans-Joachim Dibbern guckt die schnurgerade Bundesstraße vor seiner Haustür entlang. „Da muss man sich doch wundern, wie viele noch heil nach Hause kommen“, sagt er und deutet auf einen denkbar knapp abgeschlossenen Übholvorgang. Mit Grausen denkt er an das Bild des Unfalls. „Ich hab ja schon vieles gesehen, und bei so einem Anblick kommt alles wieder hoch“, beschreibt er die Gemütslage. „Es sind meistens gleich genug Leute da, um zu helfen. Ich geh dann schnell weg und leite den Verkehr um“, berichtet er.

So hat der Landwirt es auch am Sonntag gemacht. „So kann es nicht weiter gehen“ – es muss etwas passieren, findet der 66-Jährige. Ungefähr 50 Todesopfer hat die Strecke seit 1961 gefordert, schätzt er. Vier allein in diesem Jahr. Das geht der ganzen Familie an die Nieren. Aber wegziehen, wie ihm ab und zu nahe gelegt wird, das könne er nicht. Gerade hat er den Milchkuhbetrieb an seinen Sohn Malte übergeben. Der Hof ist jetzt in der neunten Generation in Familienbesitz. „Der Betrieb ist länger hier als die Straße. Hier ist schon Prinz Heinrich mit der Kutsche Richtung Hemmelmark vorbei gefahren“, sagt er auch ein bisschen stolz.

„Ein striktes Überholverbot, damit könnte man versuchen, etwas zu ändern“, sagt Dibbern, aber er ist sich bewusst, dass auch das keine Garantie für eine Verbesserung ist. Dafür ist die Versuchung, auf der gut einsehbaren Straße den einen oder anderen „Schleicher“ hinter sich zu lassen, einfach zu groß. Von einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 70 Kilometer pro Stunde, halte er nichts, dann käme er mit den landwirtschaftlichen Fahrzeugen gar nicht mehr auf die Straße, so der Landwirt.

„Wir brauchen hier einen durchgezogenenen Streifen“– auch Dibberns Ehefrau Elke sieht ein Überholverbot an dieser Stelle als mögliche Lösung für die Situation, die für sie schon vor vielen Jahren zur Belastung geworden ist. Als sie am Sonntag den dumpfen Aufprall und danach den Lärm hörte, wusste sie gleich, dass wieder etwas Schlimmes passiert war. „Ich dachte nur, hoffentlich nicht unser Enkel“, gestand sie. Denn Elke Dibbern lebt auf dem Hof in ständiger Angst – um den Sohn, den Enkel und den Mann. Sie selbst und ihre Schwiegertochter Telse versuchen die Bundesstraße zu meiden. „Zurück von Gettorf nutzen wir manchmal den Plattenweg, nur um hier nicht links abbiegen zu müssen“, sagen sie.

Der Unfall am Sonntag war übrigens nicht der letzte auf diesem Streckenabschnitt: Erst in der Nacht auf Mittwoch musste ihr Mann gegen zwei Uhr raus, weil er als Förster auch für Wildunfälle zuständig ist. Zum Glück ging es in diesem Fall mit einem Blechschaden glimpflich aus. „Irgendwas muss hier passieren“, sagt Elke Dibbern.

Was man auf diesem Teilstück der B 76 tun kann, darüber hat sich auch der Dienststellenleiter der Gettorfer Polizei, Sönke Bahr, Gedanken gemacht. Sein Kollege, Dirk Reimer, war am Sonntag einer der ersten an der Unfallstelle. Ein Überholverbot sei natürlich denkbar, erklärte er gegenüber der EZ. Aber dass sich die Fahrer daran halten, wenn nicht regelmäßig kontrolliert wird, das bezweifelt er.

Dass es bereits heute eine Verkehrsschau vor Dibberns Hof gibt, ist kein Zufall. „Es war für Donnerstag eine amtliche Verkehrsschau in der Region vorgesehen. Wir haben dann am Montag spontan entschieden, den Bereich der B 76 als Punkt mit aufzunehmen, weil er uns als besonders wichtig und eilbedürftig erscheint“, berichtet Andreas Brück von Verkehrsbehörde des Kreises. Das Dreier-Gremium, das sich heute trifft, besteht neben den Mitarbeitern der Kreisverkehrsbehörde aus Fachleuten des Landesbetriebes Verkehr, der für die Gestaltung der Bundesstraße zuständig ist, sowie von der Verkehrspolizei Neumünster. „Wir können jetzt noch nicht sagen, in welche Richtung die Beratung gehen wird“, erklärte Brück. Er habe von zahlreichen interessanten Ideen gehört, die Anwohner und Nutzer der Straße geäußert hätten, erklärte Brück. Es sei immer gut, wenn die Menschen sich Gedanken machen, allerdings seien die Vorschläge unterschiedlichster Art: Vom Aufstellen eines Schildes bis zum vierspurigen Ausbau, Geschwindigkeitsbegrenzung über Abbiegerspuren reichen die Vorstellungen. „Das Gremium wird sich, losgelöst von allen Vorschlägen, ein Bild machen müssen“, berichtet er. Vorher gebe es noch keine Pläne für konkrete Maßnahmen. > RTL zeigt heute um 18 Uhr einen Beitrag.

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