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Anklage Betrug : Im Zweifel für die Angeklagte: Freispruch für Kassiererin

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Vorwurf wiegt schwer, doch der Beweis fehlt: Das Amtsgericht musste nach dem Grundsatz “Im Zweifel für den Angeklagten“ eine Kassiererin freisprechen. Sie soll in 47 Fällen in die eigene Tasche gewirtschaftet haben.

Eckernförde | Der Prozess gegen eine der beiden Hauptkassiererinnen eines Markts in Eckernförde wegen gewerbsmäßigen Betrugs in 47 Fällen endete gestern Nachmittag mit einem Freispruch vor dem Amtsgericht Eckernförde. Nach der Anhörung eines weiteren Zeugen, dem für die Warengruppe „Kissen und Hüllen“ zuständigen Flächenleiter, kam schon der Staatsanwalt nicht umhin, auf Freispruch zu plädieren. Es wäre allerdings „vollkommen lebensfremd“ zu glauben, dass sich andere Kassiererinnen unter ihrer Nummer in die Kasse eingeloggt hätten. Er habe „überhaupt keine Zweifel“, dass die Angeklagte die vermeintlichen Warenrücknahmen von Kunden und Auszahlungen auf betrügerische Weise in die eigene Tasche gewirtschaftet habe, die 47 Einzeltaten ließen sich nur nicht an ihr festmachen. „Nur deshalb ist ihr der Tatvorwurf nicht zu machen“, sagte der Staatsanwalt. „Die Angeklagte hat sich schuldig gemacht, strafrechtlich ist das aber nicht nachzuweisen“. Sie sei daher „mit erheblichen Bauchschmerzen“ freizusprechen.

Der Verteidiger forderte ebenfalls einen Freispruch, aber einen „ohne Bauchschmerzen“. Es sei keineswegs „lebensfremd“, dass andere Kassierinnen die „frei tauschbare Nummer“ seiner Mandantin benutzt haben könnten. Die marktinternen Ermittlungen seien zwar schlüssig verlaufen, allerdings sei die Aussage der Geschäftsführung widerlegt worden, dass es keine Kissen oberhalb von 30 Euro gebe und dass allein daraus ersichtlich sei, dass Rücknahmen über 34,95 Euro aus dieser Warengruppe nur auf betrügerische Weise erfolgt sein könnten. Der Anwalt selbst legte in der Verhandlung ein Kissen des Unternehmens für 34,95 Euro vor. „Der Freispruch ist mehr als gerechtfertigt.“

Der als Zeuge geladene Flächenleiter sagte, dass es in der Warengruppe „Kissen und Hüllen“ eine „enorme Differenz zwischen Bestand und Verkauf“ gegeben habe und es auffällig gewesen sei, dass „enorm viele Kissen“ in der Preiskategorie von 25 bis über 30 Euro umgetauscht worden seien, „die ich nicht in diesen Mengen einkaufen würde“. Er habe „eventuell zehn Kissen davon im Sortiment“. Weiter: „Es ist nicht denkbar, dass in einem Jahr über 400 Kissen umgetauscht werden.“ Zudem würde jeder einzelne Artikel der Warengruppe seit 2008 über eingenähte Codes „scannerfähig gemacht“. Diese Daten einschließlich des Verkaufspreises würden auch bei der Rückgabe an der Kasse wieder ausgelesen. Das heißt, es muss diese Waren auch gegeben haben, eine betrügerische Luftbuchung in die eigene Tasche wäre ausgeschlossen. Nur bei nicht-scannerfähiger Ware wird der Preis bei der Rücknahme noch per Hand eingegeben.

Der Kassiererin wurde in der Verhandlung am 9. November (EZ v. 10. November) vorgeworfen, 2011 und 2012 Rücknahmen vor allem in der Warengruppe „Kissen und Hüllen“ in einer Gesamthöhe von rund 38  000 Euro vorgenommen zu haben, ohne dass es zu einer Rückgabe der Waren durch die Kunden gekommen sei. Das Unternehmen sei ihr durch Auffälligkeiten bei der Inventur 2013 über ihre Kassierernummer auf die Spur gekommen, die auf diesen Buchungen zu sehen waren. Allerdings ist die Kassierernummer nicht passwortgeschützt und kann auch von anderen Kassiererinnen eingegeben werden. Aufgrund eines Abgleichs der Anwesenheitszeiten war das Unternehmen dennoch davon überzeugt, dass sie diese betrügerischen Buchungen durchgeführt und das Geld in ihre eigene Tasche gesteckt hat. Seit ihrer fristlosen Kündigung im 2013 habe es keine Auffälligkeiten mehr gegeben.

Richter Martin Leinhos sprach die Angeklagte frei. Er habe zwar „erhebliche Zweifel“ an ihren Aussagen und „es spricht viel dafür, dass Sie es gewesen sind“, aber es sei nicht möglich, ihr jede einzelne Tat nachzuweisen.

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erstellt am 23.Nov.2015 | 19:40 Uhr

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