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Eckernförder Zeitung

18. August 2017 | 05:29 Uhr

SELBSTVERSUCH : Im Rolli durch die Stadt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Schüler der Pflegeassistenzklasse der Berufsfachschule Sozialwesen waren am Mittwoch im Rollstuhl unterwegs. Das Angestarrt–Werden war für die jungen Erwachsenen das Schlimmste.

Eckernförde | Wie rollstuhlgerecht ist Eckernförde? Wie fühlt man sich, wenn man auf den Rollstuhl angewiesen ist? Diesen Fragen gingen Schüler der Pflegeassistenzklasse PA 15 der Berufsfachschule Sozialwesen am BBZ (Berufbildungszentrum, Standort Eckernförde) gestern Vormittag in einem Selbstversuch nach. Gemeinsam mit ihrer Klassenlehrerin Svenja Hagge waren die jungen Erwachsenen mit Rollstühlen in der Innenstadt unterwegs. Im Rahmen des Themenfeldes Mobilisation/Transfer sollten die Schüler praktische Erfahrungen mit dem Rollstuhl sammeln. „Wir wollen die Schüler mit dem praktischen Teil des Unterrichts für dieses Thema sensibilisieren“, so Hagge.

Es ruckelt ordentlich, als Pia (20) über das Kopfsteinpflaster auf dem Rathausmarkt rollt. Aus eigener Kraft soll sie versuchen, den Platz zu überqueren. Es ist Wochenmarkt – viele Menschen sind unterwegs. Mit einem Rollstuhl braucht man Platz – auch in den engen Gängen. „Man merkt das Ruckeln unangenehm im Kopf“, stellt die 20-Jährige fest. So schön das Pflaster aussieht, für Rollstuhlfahrer ist es schwierig zu befahren. Die jungen Leute im Rollstuhl ziehen die Blicke der Passanten auf sich. „Die Leute gucken gezielt auf die Beine“, so Pias Empfindung. Das bestätigen auch einige ihrer Mitschüler. „Diese Angucken ist unangenehm. Man hat das Gefühl, man wird als doof abgestempelt“, sagt Alina (17). Auf der Tour vom BBZ in der Fischerstraße in die Innenstadt seien sie ständig von Autofahrern angeguckt worden, erklärt auch Jasper (17), ein unangenehmes Gefühl.

Die Schüler sitzen wechselseitig im Rollstuhl. Sie fahren Cafés, Drogerien, Bekleidungsgeschäfte, nahezu alle Läden in der Innenstadt und das Rathaus an. Dieses wird als behindertenfreundlich eingestuft, im Gegensatz zu einigen Cafés und Geschäften. Manchmal seien die Eingänge zu eng, die Rampen zu steil, so dass man auf Hilfe angewiesen sei, oder Treppenstufen verhinderten von vornherein das Befahren mit dem Rollstuhl, so ihr Urteil. Was für den Betrachter schön aussieht und der Stadt eine besondere Atmosphäre verleiht, stellt für Rollstuhlfahrer eine große Herausforderung dar: das Kopfsteinpflaster auf dem Rathausmarkt.

Ein echtes Hindernis für Rollstuhlfahrer ist die Holzbrücke über den Innenhafen. Jasper (17) und Jennifer (18) versuchen vergeblich, ohne Hilfe die Höhe zu überwinden. Mit einem Rollstuhl, dessen Räder nur mithilfe von Muskelkraft ohne weiteren Antrieb bewegt werden müssen, sei das nicht zu schaffen, stellen Jasper und Jennifer fest.

Am Ende der eineinhalb Stunden Selbstversuch im Rollstuhl haben die Schüler, die in ihrem späteren Berufsleben vielleicht einmal Rollstuhlfahrer und Menschen mit Handicap betreuen, eine neue Sichtweise gewonnen. Der Aussage von Samir (17) konnten alle zustimmen: „Wir werden die Rollstuhlfahrer nicht mehr anstarren.“ „Ein Lächeln ist schöner“, wünscht sich Alina.

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