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Ihre Briefe zeigen: Leben ist mehr als Überleben

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Dialogische Lesung des Briefwechsels von Helmuth James von Moltke und seiner Frau Freya in St. Nicolai

von
erstellt am 12.Nov.2014 | 14:37 Uhr

Eine sechs Quadratmeter kleine Zelle, Licht am Tag und in der Nacht, an Händen und Füßen gefesselt, als einzige Lektüre eine Bibel und ein Gesangbuch – im Herbst vor 70 Jahren saß der Jurist und Widerstandskämpfer Helmuth James von Moltke in Berlin Tegel im Gefängnis. Er wartet auf seinen Prozess und auf seine Hinrichtung. Der Briefwechsel mit seiner Frau Freya hält den 37-Jährigen aufrecht. In dem Wissen, dass jedes Wort das letzte sein kann, schreiben sich die Eheleute nahezu täglich. Die Briefe schmuggelt der Gefängnispfarrer an den Wachen vorbei. Es geht um ihre Liebe, ihre beiden Söhne, die Kraft ihres Glaubens, ihre Situation und ihre Vorbereitung auf Helmuths nahen Tod – teils sehr persönlich und erschütternd.

„Sie schreiben um ihr Leben“ sagte Pastor Lars Klehn, Personal- und Gemeindeentwicklung des Kirchenkreises Rendsburg-Eckernförde, am Dienstagabend in der St. Nicolai-Kirche. Gemeinsam mit Pastorin Heidi Kell von der St. Marien-Kirche Rendsburg hatte Klehn zu einer dialogischen Lesung des Briefwechsels eingeladen.

Rund 70 Zuhörer erlebten eine über zweistündige leise, anrührende und eindringliche Lesung, angenehm unterbrochen von musikalischen Darbietungen der Musikprofilklasse und des A-Capella-Ensembles des Heinrich-Heine-Gymnasiums Heikendorf unter der Leitung von Oberstudienrat Heino Tangermann.

Ein scheinbares Paradoxon – von Moltke wartet auf sein Todesurteil. Und trotzdem schreibt er am 1. Oktober 1944 an seine Frau, dass die „letzte Woche voller innigster Zusammengehörigkeit“ gewesen sei – „mehr als je zuvor.“ Leben ist mehr als nur Überleben – das wird in den 184 Briefen deutlich. Von September 1944 bis zum 23. Januar 1945, dem Tag der Hinrichtung, datiert der Briefwechsel.

In drei Abschnitten lasen Heidi Kell und Lars Klehn ausgewählte Briefe vor. Auch Freyas letzter Brief an Helmuth vom 23. Januar – dieser erreicht ihren Mann nicht mehr. Die eintretende Stille in der St. Nicolai-Kirche tat gut – die anschließende musikalische Darbietung der Schüler war in dem Moment Balsam für die Seele.

Freya von Moltke starb fast 65 Jahre nach dem Tod ihres Mannes. Das Familiengut der von Moltkes, Kreisau (Polen) , ist auf Freyas Bestreben eine internationale Jugendbegegnungsstätte des Friedens geworden.

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