zur Navigation springen
Eckernförder Zeitung

17. Dezember 2017 | 15:03 Uhr

Interview : „Ich will alle Facetten zeigen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Musiker Johannes Oerding stellte in Kiel sein neues Album vor / Sänger sprach im Funkhaus Kiel bei R.SH mit der EZ-Jugendredaktion

von
erstellt am 26.Feb.2015 | 06:52 Uhr

Der 33-jährige Musiker Johannes Oerding, der sich partout in keine Schublade stecken lassen will, brachte kürzlich sein viertes Studioalbum „Alles brennt“ heraus. Mit Platz drei in den deutschen Albumcharts ist es bisher sein größter Erfolg. Aber Oerding hat schon länger den Erfolgskurs eingeschlagen. Im September letzten Jahres ersang er sich den Vizetitel beim Bundesvision Songcontest für Hamburg. Ab März geht er nun auf Tour mit Halt in 48 Städten. Jugendredakteurin Finja Carlson traf ihn zum Interview im RSH Funkhaus und fragte auch mal ein bisschen persönlicher nach.


Mit wie viel Jahren hast du deinen ersten Song geschrieben?
Oerding: Ich weiß nicht, ob man das Song nennen kann, aber als ich 8 Jahre alt war, habe ich für den 60. Geburtstag meiner Oma das Lied „Ein schöner Tag, die Welt steht still“von Amazing Grace umgedichtet. Und den ersten relevanten deutschsprachigen Song, das war schon so mit 14 in einer Schülerband. Das Lied hieß „Nur ein Schritt“. Das hab ich für ein Mädchen geschrieben, in dass ich mich verliebt hatte, aber mich nicht traute, sie anzusprechen. Letztendlich haben wir sogar zusammengefunden und waren sechs Jahre zusammen.


Wolltest du schon immer Musiker werden?
Tatsächlich habe ich dieses innere Bedürfnis schon seit ich klein bin. Meine Eltern waren da zunächst nicht so begeistert, deswegen habe ich dann erst einmal Betriebswirtschaft und internationales Marketing in Holland studiert, um sie zu beruhigen. Das habe ich sogar mit dem Diplom abgeschlossen, aber die Musik stand trotzdem immer an erster Stelle bei mir. Das Lustige ist, wir mussten zwei Auslandssemester machen. Die habe ich dann in Deutschland gemacht, um während dieser Zeit auf Tour gehen zu können.

Bisher hast du drei Alben herausgebracht, alle hören sich verschieden an. Mal ist es eher Lagerfeuerstimmung dann wieder das ganz große Kino. Konntest du dich bisher noch nicht für eine Richtung entscheiden?

Warum muss man denn irgendetwas sein? Warum kann man nicht beides machen und alle Facetten zeigen, die man hat? Warum muss man immer irgendwo reingesteckt werden? Bei einem Bruno Mars oder einem Ed Sheeran fragt ja auch keiner, und gerade die machen so unterschiedliche Songs auf ihren Alben. Soulballade, ausproduzierter Radiohit, ein Lied nur mit Gitarre. Ich kann mit Konzepten nichts anfangen. Nach dem dritten Song fragt man sich schon , ist das jetzt der erste oder schon der zweite Song? Ach ne, es ist schon der dritte.

Du bist zwar in Nordrhein-Westfalen bei Münster geboren, aber dich verbindet auch vieles zu Schleswig- Holstein, oder?
Da mein Produzent ursprünglich aus Neumünster kam, dann nach Kiel gegangen ist und jetzt in Preetz wohnt, habe ich sehr viel Zeit oben im Norden verbracht. Ich glaube ich bin hier schon über jeden Feldweg gefahren. Ich hatte sogar meine ersten Auftritte hier: Im „Stradivari“ in Neumünster, im „Blauen Engel“ und in der „Trafo-Bar“ in Kiel. Davon gibt es sogar noch Youtube Aufnahmen.


Laut deiner Homepage googlest du vor deinen Konzerten die Auftrittsstädte. Warum machst du das?
Ich befasse mich halt gerne mit den Konzertstädten, um zu wissen wie groß sie sind, wie der Bürgermeister heißt, ob es einen Fußballclub gibt oder wer vielleicht der verfeindete Fußballclub ist. Nicht nur aus Eigeninteresse, sonder weil ich möchte, dass die Leute das Gefühl haben, es sei ihr eigenes intimes Konzert. Das kann ich nur dadurch erreichen, wenn ich mich vorher über die jeweilige Stadt informiert habe. Um Rudi Carrell zu zitieren: „Um etwas aus dem Ärmel zu schütteln, muss man vorher etwas herein getan haben.“

Wo suchst du nach Inspiration bzw. deine Freundin, Ina Müller, macht ja auch Musik. Lässt du dich von ihr inspirieren?
Was ich auf jeden Fall nicht habe, ist ein System, wann und wo und wie ich schreibe.Das ist aber unterschiedlich bei Künstlern. Einige Kollegen setzen sich wirklich hin und machen ihr Album innerhalb von zwei Wochen. Das kann ich überhaupt nicht. Ich schreibe immer zwischendurch, wenn mir was einfällt,wenn ich aus dem Fenster raus gucke oder kurz vor dem Einschlafen bin. Ich habe zu Hause 700  000 Sätze auf dem Rechner, die mir irgendwann mal durch den Kopf gegangen sind. Inspiration ist, wirklich erst mal in sich selber hineinzuhören, aber auch mit offenen Ohren und Augen durch die Gegend zu laufen. Und meine Freundin inspiriert mich sehr. Auf meinem neuen Album gibt es den Song „Zweites Gesicht“, der ist schon sehr offensichtlich für meine Beziehung geschrieben.

Deine Lieder handeln von Beziehungen, Trennungen und Herzschmerz. Hat dich da auch schon mal eine ehemalige Freundin deswegen verklagt?
Nein, das nicht, aber es kommt schon mal vor, dass eine bei mir anruft. Man verwertet diese Personen wieder. Gemein, aber so ist es nun mal.

Was war das peinlichste Erlebnis, was dir auf einer Tour passiert ist?
Wir waren damals in ganz vielen verschiedenen Städten unterwegs und da kam es schon mal vor, dass man vergessen hatte, wo man jetzt gerade war. Da habe ich auf einem Konzert in Dresden gesagt: „Hallo Leipzig!“, das kam nicht so gut an.

Welche Rituale machst du kurz vor Beginn eines Konzerts?
Kurz bevor es auf die Bühne geht, rufe ich alle Leute zusammen, dann machen wir einen Kreis und alle stellen den rechten Fuß in die Mitte, sodass man sich berührt. Dann gibt es eine kleine Ansprache von mir. Um dann noch unsere Aufmerksamkeit aufs Hier und Jetzt zu lenken, nenne ich eine Zahl zwischen 1 und 100. Wir zählen gemeinsam bis zu dieser Zahl und anstelle der von mir genannten Zahl gibt es dann ein lautes BAM. Das ist unser Startschuss bevor es auf die Bühne geht. Und den Ramazotti darf man auch nicht vergessen.

Gibt es eine Stadt, auf die du dich besonders während deiner Tour freust?
Das kann ich nicht so explizit sagen, aber ich freue mich eigentlich auf die Orte, bei denen man denkt, „müssen wir da wirklich hin?“, weil meistens kommt einem da so eine tolle Energie entgegen. Lustigerweise ist das so in Ostdeutschland. Ich habe das Gefühl, die Leute haben da noch einen anderen Bezug zur deutschen Popmusik.

Was ist dein Hobby, wenn du mal die Zeit dafür findest?
Ich gehe tatsächlich zu anderen Konzerten. Besonders gern zu denen meiner Kollegen.


Authentisch, ehrlich und bodenständig, so begegnete einem Johannes Oerding während des Interviews. Dieser Musiker zeigt, dass Musik auch ohne Konzept funktionieren kann. Es wird wohl nicht mehr lange dauern bis er sich auf der Überholspur zum ganz großen Erfolg befindet.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen