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Griechenland-Krise : „Ich leide mit meinem Volk“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die gebürtige Griechin Ekaterini Marquardt lebt seit 1983 in Eckernförde und sorgt sich um die Zukunft ihres Heimatlandes. Sie verfolgt die Entwicklung hautnah durch Gespräche mit ihrer Familie und griechische Medien.

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erstellt am 30.Jun.2015 | 06:37 Uhr

Eckernförde | Geboren wurde Ekaterini Marquardt in einem kleinen Dorf auf dem Olymp. Die gebürtige Griechin lebt seit 1983 an der Seite von Dr. Rüdiger Marquardt in Eckernförde. Ihre Mutter und Schwester leben noch in Katerini, einer 60  000 Einwohner zählenden Stadt auf dem griechischen Festland, der Kontakt ist eng, die Besuche regelmäßig. „Ich leide mit meinem Volk“, sagt Ekaterini Marquardt angesichts der zugespitzten Lage und des Referendums am kommenden Sonntag und einem möglichen Ausschluss oder Ausstieg aus dem Euro-Raum vor Augen.

Das Ehepaar Marquardt hat beste Kontakte nach Griechenland, unter anderem zu einem befreundeten Journalisten bei der Online-Ausgabe des Finanzzeitschrift „Capital“. Costas Stoupas heißt der renommierte Journalist, der beide Seiten der Medaille gut zu gewichten weiß. Gestern berichtete er von geschlossenen Bankautomaten und überlaufenen Supermärkten – die Griechen sorgen vor. „Das Schlimmste ist, dass die Griechen nicht wissen, was auf sie zukommt“, sagt Ekaterini Marquardt. Die temperamentvolle Frau, die ein so einnehmenden Lachen hat, dürfte in diesen Wochen etwas ernster sein als üblich. Die große Krise ihres Heimatlandes macht ihr auch im gut situierten Eckernförde sehr zu schaffen. Sie verfolgt Debatten im griechischen Internetradio und hat drei griechische Zeitungen als E-Paper abonniert. Sie versucht, sich in dieser verworrenen Lage selbst ein Bild von den tatsächlichen Zuständen zu machen und vertritt dabei durchaus auch andere Positionen als beispielsweise ihr Mann. Entsprechend lebhaft und leidenschaftlich wird im Hause Marquardt diskutiert.

Im Grunde, so Ekaterini Marquardt, müssen die Regierung Tsipras und das griechische Volk jetzt als Sündenbock für eine jahrzehntelang fehlgesteuerte Politik büßen. Tsipras selbst sei ein bescheiden lebender Mann, der nicht wie viele seiner Vorgänger korrupt sei. Jetzt hole ihn die Vergangenheit ein, und womöglich auch die Versprechungen an das griechische Volk, die er nicht einhalten kann. Die Exil-Griechin, die seit 50 Jahren in Deutschland lebt, kann ihn verstehen, kennt aber auch die gewichtigen Argumente, die die anderen europäischen Staatschefs und die Geldgeber ins Feld führen. Eine Situation, die für sie schwer zu ertragen ist und die sie nicht kalt lassen kann. „Die große Mehrheit der Griechen möchte den Euro behalten und wäre auch zu weiteren Einschnitten bereit. Ich hoffe, dass Griechenland in der Euro-Zone bleibt, ein gutes Programm entwickelt wird und nicht noch unsere Kindeskinder die Schulden abtragen müssen“, sagt Ekaterini Marquardt. Möge das ganz große Chaos an dem Land vorbeigehen, die Probleme seien schon jetzt groß genug: drei Millionen Arbeitslose bei einer Bevölkerung von zehn Millionen Einwohnern, 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, etwa die Hälfte der Bevölkerung ist nicht krankenversichert, kleine Renten von 210 bis 250 Euro, die für ganze Familien reichen müssen und ein Steuersystem, das seinen Namen nicht verdient. Rüdiger Marquardt zieht einen Vergleich mit der klassischen griechischen Tragödie, in denen jede Entscheidung die falsche und der Weg in die Katastrophe vorgezeichnet ist. „Hoffentlich bleibt das den Griechen erspart.“ Schon jetzt leiden der Tourismus und die Ein- und Ausfuhren. „Ich habe Angst vor den nächsten zwei Jahren.“

Ekaterini Marquardt wünscht sich, das die Europäer weiterhin in Griechenland Urlaub machen. „Die Leute sind so gastfreundlich und freuen sich auf die Gäste, gerade jetzt. Die Griechen waren nie deutschfeindlich.“

Reisebüro-Chef Lars Vondenhoff kann das nur bestätigen. Griechenland sei nach wie vor ein schönes Urlaubsland, es gebe keine nachteiligen Rückmeldungen, dass deutsche Urlauber dort nicht willkommen seien - im Gegenteil. „Es hilft den Griechen ja auch nicht, wenn wir nicht hinfahren“, sagt Vondenhoff, der aber schon wegen der zugespitzten Lage und ungewissen Entwicklung eine Verunsicherung und Zurückhaltung beim Buchungsverhalten festgestellt hat. Das alles ist aber kein Vergleich mit Tunesien nach dem Terroranschlag. „Wir haben alle Kunden angerufen und bis Ende Juli kostenlose Stornierungen angeboten“, sagt Lars Vondenhoff. Kunden von ihm seien am Anschlagstag am gleichen Strand und nur einige Hotels entfernt gewesen – sie sind inzwischen wieder glücklich gelandet.

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