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Eckernförder Zeitung

24. November 2017 | 06:27 Uhr

„Ich hätte keine andere Stadt gewählt“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Bauamtsleiter Roy Köppen (63) geht zum 31. Oktober in den Ruhestand / 15 Jahre lang stand er dem Bauamt vor – ein Rückblick

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erstellt am 28.Okt.2017 | 09:29 Uhr

Eckernförde | Herr Köppen, Sie haben in Ihrer Karriere ein Referendariat an der Baubehörde Hamburg geleitet und waren für die Oberfinanzdirektion Rostock im Staatlichen Hochbau Mecklenburg-Vorpommern tätig. Warum sind Sie 2002 nach Eckernförde gegangen?

Zu dem Zeitpunkt wurde die Behörde eine Anstalt des öffentlichen Rechts und ich stellte mir die Frage, ob ich das mitmache oder die Gelegenheit nutze, kennenzulernen, wie „Stadt“ funktioniert. Eckernförde kannte ich als Tourist, war oft hier. Es ist eine lebendige Stadt mit Flair, wie es sie kein zweites Mal an der Ostseeküste gibt. Ich hätte keine andere Stadt gewählt.

War es der richtige Entschluss?

Ja. Von 2007 bis 2016 sind 50 Millionen Euro in Eckernförde verbaut worden. Das war nur mit sehr motivierten Mitarbeitern möglich. Und wegen eines Grundkonsenses zwischen Verwaltung und Politik. Aufgrund politischer Konstellationen scheint dieses wichtigste Instrument der politischen Willensbildung – der klare mehrheitlich gefasste Beschluss auf der Grundlage des Sachvortrages der Verwaltung – ein bisschen an Wert zu verlieren. Aber das ist keine Eckernförder Spezialität.

Was meinen Sie damit?

Eine gewisse Disparität von politischen Zielen. Was ist wichtig, was unwichtig? Wie stelle ich mir Eckernförde in Zukunft vor? Da gibt es durch die Bürgerinitiative und Einzelpersonen mehr Stimmen als früher. Für die Verwaltung galt, mit Vorlagen an die Öffentlichkeit zu treten, von denen sie annahm, dass sie den Grundkonsens treffen und mehrheitsfähig sind. Das wird in Zukunft schwieriger. Ich sehe das aber als Herausforderung. Der Wunsch nach mehr Bürgerbeteiligung zu Zukunftsfragen ist eine drängende Stimmung der Zeit und betrifft viele Kommunen. Als Verwaltung muss man sich darauf einstellen. Eine breite Debatte kann ja auch bereichern. Man muss allerdings Formen finden, in denen sie stattfindet. Daran wird jetzt in Eckernförde gearbeitet.

Wird es jetzt schwieriger für das Bauamt?

Schwierig wird es nicht, sondern es ändern und verlängern sich die Entscheidungswege. Es ist wichtig, dass die Grundsatzfrage, in welcher Form die Bürgerbeteiligung in Planungsvorgänge eingreift, bald geklärt wird, um Bauwillige und Investoren nicht später vor neue Tatsachen zu stellen. Und ganz ohne Investoren wird es nicht gehen. Es braucht weiterhin Leute, die bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen und stadtrelevante Flächen aus einem Guss zu entwickeln, wie die Carlshöhe, die Hafenspitze und demnächst das Bahnhofsareal.

Die Bürgerschaft bringt sich seit Jahren in die politische Debatte ein. Wie haben Sie diese Entwicklung erlebt?

Für die Verwaltung ist es natürlich ein Störfaktor, wenn mehrheitlich gefasste Beschlüsse in Frage gestellt und langjährige Planungen nicht entsprechend wahrgenommen werden. Für den Fachmann ist es ein Faktor, den man ernst nehmen und positiv kanalisieren muss. Privat würde ich sagen: Es ist ein menschliches Bedürfnis, sich seiner Umwelt zu versichern und sie so zu erhalten, wie man sie aus jungen Jahren kennt und mit dem Begriff Heimat verbindet. Dafür habe ich sehr großes Verständnis. Wenn Gebäude fallen, bekommt diese Heimat Risse. Aber das kann man nicht verhindern, zumindest nicht in den Grenzen, die uns das Gesetz gibt. Wir versuchen aber, durch Institutionen und Vorgaben wie die Ortsgestaltungssatzung und den Gestaltungsbeirat der Sache mehr Hintergrund zu geben.

Das geschah auch auf Druck der Öffentlichkeit.

Ja, und das war soweit gut, nachdem das Bauamt schon vor Jahren über Möglichkeiten der Einflussnahme auf die Stadtgestaltung informiert hatte. Denn der Gestaltungsbeirat kann Dinge sagen, die sich ein Bauamtsleiter und Beamter nicht erlauben können.

Warum nicht?

Das Bauamt muss gesetzliche Vorgaben erfüllen: Entspricht ein Bauantrag dem Gesetz, muss ihm zugestimmt werden. In diesem Zusammenhang ist das billige Baugeld ein Fluch für eine kleine Stadt: Jeder versucht, sein Geld in Betongold anzulegen. Die Bauherrenschaft wird dabei immer anonymer. Sobald man versucht, Einfluss in gestalterischer Hinsicht, vielleicht auch in Hinblick auf unangemessene Größenordnungen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus zu nehmen, wird man schnell von einem Rechtsanwalt höflich gebeten, das Verfahren nicht weiter zu verzögern. Daher meine absolute Zustimmung zu Ortsgestaltungs- und Erhaltungssatzung sowie Planungs- und Gestaltungsbeirat. Aber auch mit Integriertem Stadtentwicklungskonzept „ISEK“, Rahmenplan, Quartiersplanung und weiteren Festlegungen sind wir gut davor. Es gibt jetzt ein Bündel an Vorgaben, das ein Investor erst einmal durchdringen muss. Ich hoffe, dass dadurch der Ansturm auf bestimmte Grundstücke etwas zurückgefahren wird.

Wie haben Sie den Umgang zwischen Bauamt und den bürgerlichen Gruppen empfunden? Ihnen wurden ja auch Vorwürfe gemacht.

Das muss man wohl ertragen. Die Besprechungen mit der Bürgerinitiative verliefen immer sehr positiv. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass man in einer öffentlichen Sitzung anders auftreten muss, um sich zu profilieren. Das sind ja vernünftige Leute, die sich für ein Ziel einsetzen. Ich meine aber auch, dass die Zeit der „One issue“-Kampftaktik vorbei sein sollte.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Stadt in den vergangenen 15 Jahren?

Es gab anfangs herbe Erkenntnisse: Die Umlandgemeinden Rendsburg, Schleswig und Kiel hatten Einkaufszentren eröffnet, worunter die Attraktivität Eckernfördes litt. Auch zeichnete sich ab, dass die Fachhochschule aufgegeben und später, dass die Finanzverwaltung abgezogen wird. Der Hafen verlor an Bedeutung, vor allem sollte der Marinestandort wesentlich verkleinert werden Das war schon eine Existenzfrage. Deshalb mussten wir der Politik mit Grundsatzplanungen Lösungswege aufzeigen. Dass die Stadtentwicklung so eine Dynamik entwickelt, war eigentlich nicht die Absicht. Aber durch die mittlerweile billigen Kredite wächst der Baumarkt überdurchschnittlich und verteuert die Grundstückspreise. Hafennahe Flächen mit Ostseeblick liegen jetzt bei 10 000 Euro pro Quadratmeter. Die attraktive Stadt Eckernförde steht immer noch im Blick von bundesweit operierenden Unternehmen. Ich hoffe aber, dass die Preisentwicklung Grenzen aufzeigt und damit diese Welle von „Begehrlichkeit“ abnimmt. Um auf die Frage zurückzukommen: Die Stadt hat sich gut, das heißt im Gleichgewicht aller städtebaulich relevanten Fragestellungen entwickelt und ihre damaligen Probleme gelöst.

Immer wieder hört man von Investoren, dass das Eckernförder Bauamt besonders lange für Vorgänge benötigt.

Ich sehe immer wieder, dass die Komplexität von großen Bauvorhaben unterschätzt wird, und sich viele Projekte ohne die wohlwollende Unterstützung der Bauaufsicht noch wesentlich länger hingezogen hätten. Es gab gerade eine Untersuchung des Landesrechnungshofes zur Arbeitsweise der Bauaufsichten der Mittelstädte in Schleswig-Holstein. Es wurde bestätigt, dass Bauvorhaben in Eckernförde rein statistisch ein bisschen länger dauern als in vergleichbaren Städten. Allerdings unterscheiden wir uns auch von allen anderen Städten dadurch, dass wir kaum Prozesse im Zusammenhang mit Bauvorhaben und Bebauungsplänen führen müssen. Wir wollen Qualität vor Schnelligkeit. Und es müssen eben auch ortsspezifische Vorgaben wie z.B. die Ortsgestaltungs- oder bald die Erhaltungssatzung berücksichtigt werden. Die Projektentwickler aber haben von solchen Satzungen zum Teil noch nicht gehört. Zumindest wird das häufig behauptet. Im Übrigen sollte man diesen Vorwurf der „Länge“ mal darstellen.

Was wünschen Sie sich für Eckernförde für die Zukunft?

Gelassenheit. Planerisch möchte ich nicht vorgreifen. Nur ganz nebenbei: Die Verkehrsberuhigung sollte weiter ausgebaut werden. Zentrales Projekt ist die Reeperbahn, die hoffentlich einmal ein schöner Boulevard wird, der nicht mehr für den Durchgangsverkehr genutzt wird. Wohnbebauung, Altenheim, Jugendzentrum, Kino und Amtsgebäude, vielleicht auch ein Neubau des Bahnhofes geben der Innenstadt in diesem Bereich ein neues, aber stimmiges Gesicht.

Was werden Sie in Ihrem Ruhestand machen?

Ich komme aus Hamburg und werde wieder zurückkehren. Eckernförde werde ich gerne und möglichst oft besuchen, aber als Tourist. Es ist auch nicht verkehrt, erst einmal ein wenig Abstand zu bekommen. Ich denke, 15 Jahre intensiver Arbeit sind ausreichend, um sich auf einen „Stabwechsel“ im Bauamt zu freuen.

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