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Geflügelpest : Hochsicherheitstrakt Hühnerstall

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Folgen der Geflügelpest für gefährdete Hühnerrassen. Züchter Andreas Sellmer bezweifelt die Sinnhaftigkeit der behördlichen Vorgaben.

Gettorf | Was haben schwarze Augsburger, weiße Mechelner und schwarz-weißgedobbelte Bergische Schlotterkämme gemeinsam? Sie stehen gemeinsam mit anderen Farbenschlägen ihrer Rasse auf der roten Liste der extrem gefährdeten alten deutschen Hühnerrassen.

Alte deutsche Hühnerrassen sind solche Rassen, die vor 1930 in Deutschland entstanden sind oder nachweislich in Deutschland gezüchtet wurden. Als extrem gefährdet gelten Rassen, von denen bundesweit weniger als 50 Zuchten bekannt sind. Die derzeitige, aufgrund der Geflügelpest verordnete Stallpflicht wird den ohnehin sehr begrenzten Gen-Pool der seltenen Rassen weiter dezimieren. Die Rassen, die nicht für die Stallhaltung gezüchtet wurden, benötigen Platz, um sich zu bewegen. Sie brauchen Sonnenlicht, Regen und frische Luft um sich gesund zu entwickeln und um ihr Immunsystem ausbilden und stärken zu können. Seit Anfang November letzten Jahres werden sie nicht mehr artgerecht gehalten. Die Tiere leiden. Es kommt zu Kannibalismus. Die Legeleistung nimmt ab. Das Infektionsrisiko steigt. Das Immunsystem wird geschwächt. Die Befruchtungsergebnisse verringern sich zum Teil drastisch. Der Nachwuchs des begonnenen Jahres ist ernsthaft in Gefahr, wenn die Zuchttiere nicht rechtzeitig vor der neuen Brutsaison wieder auf die Wiese dürfen. Derzeit haben Züchter die Möglichkeit entweder größere Ställe mit überdachten Freiflächen zu bauen oder ihre Tierbestände zu reduzieren beziehungsweise gleich ganz abzuschaffen.

Die meisten älteren Züchter werden sich für die letzteren Varianten entscheiden. Hobbyzüchter müssen Schutzanzüge tragen, wenn sie ihre Tiere in den geschlossenen Ställen füttern und jeweils für fünf Minuten mit ihren Gummistiefeln in die Desinfektionswanne steigen. Drei Euro kostet die Einwegschutzkleidung für jeden Besuch im eigenen Hühnerstall. Das Desinfektionsmittel kommt noch dazu. Das Hobby ist teuer geworden.

Die Schutzmaßnahmen sollen die Übertragung der Vogelgrippe durch Wildvögel verhindern. Aber sind die Wildvögel wirklich schuld am Ausbruch der Vogelgrippe? Andreas Sellmer (56), seit 47 Jahren Rassegeflügelzüchter, hat da seine Zweifel. „Der größte Vogelzug findet zwischen Deutschland und Korea statt, durch viele Tonnen exportierte Eintagsküken“, sagt der Gettorfer Züchter. Und er verweist auf Geflügelkottransporte aus den Niederlanden, die auf deutschen Feldern landen und auf Geflügeltransporte quer durch Europa. Es wundert ihn deshalb nicht, dass Fälle von Vogelgrippe bei Wildvögeln vermehrt an den Transportrouten der Geflügeltransporte auftreten. Wildvögel stecken sich an und verbreiten die Krankheit weiter.

„Eigentlich müsste ich mich selbst wegen Tierquälerei anzeigen“, sagt Sellmer, der auch stellvertretender Vorsitzender des Rassegeflügelzüchtervereins Eckernförde und Umgebung ist. Aber Tierseuchenschutz bricht Tierschutz. Dafür hat er grundsätzlich Verständnis. „Wenn die Seuche ausgebrochen ist, müssen die Tiere gekeult werden und die Geflügelhalter in der Nachbarschaft ihre Tiere im Stall lassen.“

Derzeit wird der Tierschutz ausgehebelt, auch ohne, dass eine Seuche ausgebrochen ist. Tausende gesunde Tiere werden vorsorglich gekeult, Millionen andere eingesperrt. Blinder Aktionismus. Dem Tierfreund blutet das Herz. Andreas Sellmer ist Feuerwehrmann bei der Berufsfeuerwehr und er weiß, wie man fachlich korrekt mit Kontaminationen umgeht. Berichte, die er von Massenkeulungen hört, lassen ihn erschaudern. „Da wird ein ganzer Tierbestand getötet weil er angeblich hochinfektiös und deshalb gefährlich ist. Dann fährt die Firma, die mit dem Keulen der Tiere beauftragt war, weg, lässt das Blut im Hof, desinfiziert nicht einmal die eigenen Autos. Da fällt es schwer zu glauben, dass es um die Bekämpfung einer Tierseuche geht.“ Angesichts der Erfahrungen der letzten Wochen fürchtet er gerade bei jungen Züchtern, dass die fachlich unsinnigen Vorgaben der Behörden Politikverdrossenheit fördern. Aufgeben will der Züchter nicht. Gemeinsam mit anderen wehrt er sich inzwischen im Aktionsbündnis „Vogelfrei“ gegen die seiner Meinung nach fachlich falschen behördlichen Schritte. „Vielleicht erinnern wir uns ja in zehn Jahren einmal an die damals völlig überflüssigen und unsinnigen Maßnahmen“, sagt Sellmer. Dann zieht er einen neuen Schutzanzug an, desinfiziert seine Stiefel und sieht nach seinen Antwerpener Bartzwergen – eine kleine seltene Zwerghuhnrasse –, die schon seit Anfang November die Sonne nicht gesehen haben.

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