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Eckernförder Zeitung

17. Dezember 2017 | 02:05 Uhr

Hoch in dem gelben Wagen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Mit dem Postauto hoch hinauf ins Berner Oberland / Fahrer fungiert auf den engen Gebirgsstraßen wie ein Pilot und Tourismusexperte

von
erstellt am 29.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Irgendwo in einem entlegenen Hochtal im Berner Oberland soll es liegen, unser Hotel. Freunde hatten es uns empfohlen.

Die Bahn schaffte es dank ihres Zahnradantriebes schon auf beträchtliche Höhe. Aber das letzte Stück bis zum Ziel übernahm allerdings der Postbus. Gelb auch er, aber hier heißt der Postbus „Postauto“.

Nur wenige Kilometer hinter dem Bahnhof bog unser Postauto in eine sehr schmale Seitenstraße ab. Diesen Abzweiger „Straße“ zu nennen war eine maßlose Übertreibung. Es war eher ein befestigter Wanderweg, den - ginge es nach meinem Gefühl - nie ein Bus hätte weder befahren können noch dürfen. Fuhr aber doch, bald vorbei an bedrohlichen Felsvorsprüngen von oberhalb und - schlimmer noch - bodenlosen Abgründen seitlich. Fels und Abgrund ließen an beiden Seiten des Busses oft nicht einmal Platz für einen Wanderer. Niemand im Bus sprach während solch enger Passagen - stets den gefühlt sicheren Absturz vor Augen - denn das Postauto schob sich manchmal Zentimeter für Zentimeter so nahe am Fels vorbei, dass man kleinste Moospolster in seinen Riefen betrachten konnte. Der Chauffeur zeigte dabei seine hochprofessionellen Fähigkeiten, indem er jede der zahlreichen Engstellen sicher passierte. Danach schwebten leise Seufzer der Erleichterung durch das Auto. Ob sich Stoßgebete darunter befanden, war nicht auszumachen. Bekreuzigungen fielen ebenfalls nicht auf.

Es muss auf Anhieb klappen, eine zweite Chance hätte er nicht, bemerkte unser Chauffeur eher beiläufig. So ein Postauto, nicht gerade klein zu nennen, eine Spezialanfertigung für Schweizer Bergfahrten, bietet immerhin 36 Personen Platz.

Kaum war mit angehaltenem Atem diesmal ein schmales Viehgatter langsam durchfahren, als urplötzlich ein Fanfarenstoß mit der Lautstärke eines wütenden Elefantenbullen alle erschreckte. Hier erklang jedoch die Tonfolge Cis-e-a in A-Dur aus dem Andante der Ouvertüre zu Rossinis „Wilhelm Tell“ - die wurde allerdings mit Pressluft intoniert: Tü-Ta-To - zwei-, dreimal hintereinander: das Warnsignal der Postautos auf engen, unübersichtlichen Straßen und zugleich ihre Erkennungsmelodie – nicht anders als bei den Postillions von einst, nur lauter, viel lauter. Postautos haben immer Vorfahrt, mit viehischen Einschränkungen, und auswärtige Autofahrer sollten hier sehr sicher rückwärts fahren können. Kilometerweit hallt die Postfanfare durch das Hochgebirge. Der fröhliche Dreiklang gehört zu den Schweizer Alpen nicht nur hier im Berner Oberland. Die Autos der Post transportieren vor allem Gäste auch in die entlegenste Siedlung und das pünktlich.

Bei diesen mehr als anspruchsvollen Fahrbedingungen findet der Chauffeur auch noch Zeit, den Fahrgästen in aller Ruhe mit dem für unsere Ohren anheimelnden Schweizer Tonfall von Gondelprojekten, Wasserfällen und Geschichten zu einzelnen Orten zu erzählen. An besonderen fototrächtigen Stellen verlangsamt er sogar die Fahrt für klick-hungrige Gäste. Er verkörpert beides, Touristen-Experte wie Pilot. Das Sprechfunkgerät unterbricht ihn, sein Kollege meldet sich auf Schwyzerdütsch und Auswärtige verstehen nichts. Er hält Kontakt mit ihm so wie Flugkapitän und Tower: keine Behinderungen von unterwegs; er warte auf ihn mit seinem Postauto bereits an der nächsten Ausweichstelle.

Plötzlicher Stopp hinter einer Kehre: Mitten auf dem ohnehin schmalen Weg trotten auch noch Rinder auf unseren Bus zu. Wie geht es jetzt weiter? Warten, was sonst. Die Viecher kennen zwar kein Vorfahrtsrecht, wohl aber das Postauto. Ohne Scheu und ohne Hektik ziehen sie trittsicher daran vorbei. Kein Rinderhorn berührt das Postauto.

Eine Bergfahrt mit dem Postauto bleibt in jedem Augenblick ein sicheres wie kurzweiliges Erlebnis, für Schwindel-und Angstfreie. Mit Posthornklang schraubte sich unser Bus fast eine Stunde lang hoch und höher bis auf genau 1362 Meter zu unserem Hotel. Das Postauto verschwand danach hinter einem Felsvorsprung weiter bergauf kletternd Richtung 2000-Metermarke. Sein Tü-Ta-To klang von weit oberhalb als freundliches Winken.

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