Hilferuf nach Leben und Liebe

Kinder- und Jugendtherapeutin mit außergewöhnlichen schauspielerischen Fähigkeiten: Martina Hornburg in der Rolle der Marie. Foto: Frank
Kinder- und Jugendtherapeutin mit außergewöhnlichen schauspielerischen Fähigkeiten: Martina Hornburg in der Rolle der Marie. Foto: Frank

Das Thema Kindesmissbrauch greift das Theaterstück "Engel weinen nicht" in fesselnder Weise auf.

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30. März 2009, 09:53 Uhr

Eckernförde | Theater einmal anders. Weniger Unterhaltung, mehr Aufklärung: Das Ein-Personen-Stück "Engel weinen nicht" von Martina Hornburg macht aufmerksam auf ein Problem, über das "man" nicht spricht. Und wenn, dann hinter vorgehaltener Hand. Und doch existiert es wesentlich öfter als befürchtet: Kindesmissbrauch. Am Beispiel einer jungen Frau, die als sechsjähriges Kind von ihrem Vater missbraucht wurde, zeigt es die dadurch erfolgte Zerstörung der Persönlichkeit. Martina Hornburg, Kinder- und Jugendtherapeutin mit außergewöhnlichen schauspielerischen Fähigkeiten, arbeitet im Beratungszentrum der Diakonie Rendsburg-Eckernförde für den Bereich Gewalt und sexueller Missbrauch bei Kindern und Jugendlichen. Aus den Erfahrungen ihrer täglichen Arbeit entstand dieses Theaterstück, das angesichts der Maßnahmen der Bundesregierung gegen die Verbreitung von Kinderpornografie über das Internet noch zusätzlich bundesweit Aufmerksamkeit erfährt.

Auf der Bühne: Das Zimmer einer jungen Frau mit einem großen, alten Kleiderschrank, in dem sie schläft. Getragene Musik vermittelt Traurigkeit. Marie hört ihren Anrufbeantworter ab, schwärmt vom neuen Praktikanten Thomas, ist über beide Ohren in ihn verliebt. Aber etwas stimmt nicht: Sie hat Angst vor ihrem Chef, ekelt sich vor dem Mann mit den dicken Wurstfingern und Mundgeruch, der ihr mehrfach zu nahe gekommen ist. Vor Ekel erbricht sie ihr Frühstück aus der Chips-Tüte. Sie träumt - durch Video-Einspielungen gezeigt - davon, eine starke Seemannsbraut zu sein, und das zu sagen, was sie fühlt, anstatt, was sie fühlen sollte. Marie hasst sich selbst, hasst sogar ihren Hasen Herrn Lehmann, gibt sich wechselnden Stimmungen hin, verschläft, meldet sich als krank, enttäuscht Freundin und Mutter. Kurz: Marie ist unzuverlässig. So drückt sich Missbrauch aus. Maries Persönlichkeit wurde gespalten. Sie ist getrennt von sich selbst, seit ihr nachts die Würde genommen wurde. Angstträume begleiten sie.

Martina Hornburg wirkt authentisch in der Rolle der Marie. Sie fordert mit ihrem Theaterstück Bereitschaft vom Publikum, sich in Maries Rolle zu versetzen und Verständnis für die Verzweiflung der jungen Frau zu entwickeln. Das gelingt mit beklemmender Authentizität. Maries beste Freundin ist die Rasierklinge: "Du hilfst mir, wenn es mir schlecht geht, lässt mich fühlen, dass ich noch lebe! Es tut so weh, sich selber zu zerstören, sich selber zu treffen, um zu vergessen."

Martina Hornburgs Theaterstück klärt auf über ein Leben in Angst und Hoffnungslosigkeit. Es macht sensibel für das ansonsten unerklärbare Verhalten dieser jungen Frau mit dem deutlichen Hilferuf nach Leben, Liebe und Lachen. Heraus aus einem Leben in Angst und Verzweiflung. Und weg von der Wut, sich und andere zu verletzen und "die, die ich liebe, leiden zu sehen".

Nachdem Marie die Bühne so chaotisch wie ihr eigenes Innenleben hergerichtet hat, wird auch ein Lösungsweg gezeigt: Sie erkennt, dass nur ein Klinik-Aufenthalt Besserung verspricht. Dort erfährt sie endlich das schon lange benötigte Verständnis und erhält die Möglichkeit, "darüber" zu reden: Stehender Applaus für Martina Hornburg.


Das Stück „Engel weinen nicht“ ist Teil eines Präventionsprojektes der Diakonie Rendsburg Eckernförde. Es richtet sich an Schüler, Eltern und Lehrer. Nach einem vorherigen Besuch des Theaterstücks (es kann auch in anderen Orten aufgeführt werden) bietet Martina Hornburg den Gruppen Gespräche an, um den Inhalt aufzuarbeiten. Weitere Auskünfte unter Tel. 04331/ 69 63 30.

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