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Weihnachten : „Hier zählt nur der Augenblick“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Weihnachten im Alten- und Pflegeheim Haus Dänischer Wohld. Mit dem Normalitätsprinzip kann es funktionieren.

Osdorf | Es riecht nach Waffeln, Bratwurst vom Grill und Glühwein. Feuerkörbe lodern am Rand und weihnachtliche Musik erklingt. Im Alten- und Pflegeheim Haus Dänischer Wohld (HDW) wird die Adventszeit ausgekostet und das Fest mit einem kleinen, aber zünftigen Weihnachtsmarkt gefeiert.

Fröhliche Weihnachten – das ist in dem Heim, in dem 102 geronto-psychiatrisch erkrankte Menschen leben – nicht immer leicht, aber Leiterin Grit Petzold, die sich als aktives Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Geronto-Psychatrie umfassend weitergebildet hat, hat ein ganz besonderes Konzept. Die Menschen, die im Haus Dänischer Wohld leben, haben psychische Erkrankungen, die typischerweise erst im Alter auftreten. Das sind insbesondere Demenzen. „Wir passen uns Tag für Tag dem Leben an – dazu gehört auch das Feiern“, sagt sie und lacht. Wichtig sei, dass es den Bewohner gut gehe – und dass es Spaß macht, sagt sie. „Wir packen unsere Angebote auf den Vormittag“, so Petzold weiter, da sei die Konzentration am größten. Am Nachmittag sind viele der Bewohner wieder müde.

So gibt es in der Vorweihnachtszeit an zwei Dienstagen den Aktiven Adventskalender. Da wird selbst gemachter Punsch gereicht, dazu herzhafte Schmalzbrote. Die Bewohner versammeln sich im geschmückten Foyer und lauschen alten Geschichten und Gedichten, die Betreuerin Heike Graupner vorliest. Auch gesungen wird miteinander. „Denkt euch, ich habe das Christkind gesehen“ – plötzlich meldet sich die Bewohnerin Anna-Luise „Anni“ Hagemann mit einem Gedicht zu Wort. Gestikulierend und sicher trägt sie es vor – und freut sich anschließend über ihren Applaus. „Wir versuchen, alle mitzunehmen“, berichtet Hauswirtschaftsleitering Susanne Burtscheidt.

„Das Weihnachtsfest feiern wir am 20. Dezember“, berichtet Grit Petzold weiter. Holzbuden, wie bei einem kleinen Weihnachtsmarkt werden aufgebaut und alle Angehörigen eingeladen. Marita Horn kommt mit ihrem Akkordeon und spielt „Oh, du Fröhliche“. Sie spielt öfter hier, viele der Bewohner sind ihr schon bekannt, ein kleiner „Klönschnack“ darf nicht fehlen. Kurz vor Mittag ziehen alle wieder ins Haus. Individuelle Geschenke gibt es dann – von der Heimleitung für jeden Einzelnen. Der Tag, an dem inklusive der Angehörigen und Mitarbeiter schon mal 300 Menschen zusammen kommen können, endet mittags traditionell mit einer deftigen Linsensuppe, natürlich aus der hauseigenen Küche.

Der Heiligabend heute fällt ein bisschen ruhiger aus. Es kommen auch Besucher, aber nicht so viele. Zum Essen gibt es Kartoffelsalat und Würstchen. Fast alle Bewohner verbringen diesen Tag im Haus Dänischer Wohld. Ist das ungewöhnlich? „Nein, die Menschen brauchen Sicherheit. Das hier ist ihr Zuhause, hier fühlen sie sich gut“, berichtet Grit Petzold aus Erfahrung und versucht, allen Angehörigen das schlechte Gewissen zu nehmen. „Sie tun ihnen damit nichts Gutes, wenn sie sie zu sich holen, und oft endet es damit, dass das Fest für alle nicht schön wird“, sagt sie. „Wir kümmern uns um die Menschen. Jeder hat ein Recht auf ein eigenes Leben – ohne schlechtes Gewissen“, so die Einrichtungsleiterin.

Trotzdem ist es verständlich, dass es nur bedingt klappt. Karin Berger aus Kiel hat ihren Mann bis vor einem halben Jahr selbst gepflegt. „Dann war der Rücken kaputt“, sagt die 79-Jährige. Seit sechs Jahren leidet Hans-Jürgen Berger (80) bereits an Alzheimer-Demenz. Er freut sich, wenn sie zu Besuch kommt, weiß aber nicht mehr, dass sie seine Frau ist. Karin Berger hat ein schlechtes Gewissen, aber sie lobt auch die familiäre Atmosphäre in der Einrichtung, in der ihr Mann jetzt wohnt, und weiß, er ist gut aufgehoben. Den kleinen Weihnachtsmarkt, findet sie „originell“. „Die Menschen haben ein kleines Gefühl von Freiheit“, sagt sie. Elfi Witzke aus Altenholz besucht ihren Bruder Horst Goerke (85) zweimal in der Woche. Sie telefonieren fast täglich. Er leidet nicht an Demenz, ist aber körperlich und vor allem psychisch eingeschränkt. Er lebt bereits seit zweieinhalb Jahren hier. „Es geht ihm sehr gut, das hab ich mir am Anfang nicht so vorstellen können“, sagt die 69-Jährige. Im vergangenen Jahr haben sie den Bruder Heiligabend zu sich geholt, das sei für alle schwierig gewesen. In diesem Jahr sehen sie sich an ersten Feiertag wieder. „Es war nicht einfach am Anfang, aber es ist wie eine große Familie hier“, sagt Elfi Witzke.

Schwierig ist es, wenn deutlich wird, wie schnell der Zauber eines Vormittags wieder verfliegt. „Man geht ins Haus und sagt `Na? War das nicht schön?´ und erntet nur einen leeren Blick, die Erinnerung ist schon weg. Das ist manchmal hart“, sagt auch Grit Petzold. Aber so sei es eben mit diesen Erkrankungen. Eben wird noch zusammen getanzt – im nächsten Moment ist alles vergessen. Sie weiß: „Hier zählt nur der Augenblick“.

Was ist denn nun das Konzept im Haus Dänischer Wohld? „Es ist schon speziell, was wir machen, aber eben doch ganz normal“, sagt Grit Petzold. „Wir gucken einfach, wie wir hier gemeinsam den Tag sinnvoll miteinander verbringen können. Wir alle haben gute und schlechte Tage – das ist normal“. Im HDW lebt man zusammen, Beziehungen entstehen. Die Pfleger arbeiten sieben Tage, zwölf Stunden lang – und haben dann sieben Tage am Stück frei. So gibt es keine Zerrissenheit durch kurze Schichten. „Wir sind immer voll“, sagt die Leiterin, die Warteliste sei enorm. Und dass das Konzept des HDW aufgeht, scheint sich rumgesprochen zu haben. 107 Mitarbeiter sind in der Einrichtung beschäftigt. Das ist ein guter Schlüssel. Die Anmeldungen kommen inzwischen aus Hannover, Düsseldorf und sogar aus Italien.

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erstellt am 24.Dez.2016 | 05:37 Uhr

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