Abschied : „Hier geht es um 1000 Ängste“

Die Angehörigen winkten der Besatzung des Tenders „Main“ hinterher, der am 4. Mai zurück erwartet wird.
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Die Angehörigen winkten der Besatzung des Tenders „Main“ hinterher, der am 4. Mai zurück erwartet wird.

Tender „Main“ bricht zu viermonatigem Einsatz ins Mittelmeer auf / Familienbetreuungszentrum steht Angehörigen bei

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19. Januar 2015, 06:00 Uhr

Eckernförde | Das Marine Musik-Corps spielte zünftig auf, als der Tender „Main“ mit seiner 70-köpfigen Besatzung gestern pünktlich um zehn Uhr in Richtung Mittelmeer aufbrach. Familien und Freunde waren gekommen, um die Kameraden unter dem Kommando von Korvettenkapitän Carsten Egeland herzlich zu verabschieden. Die viermonatige Reise, die die Marinesoldaten ins Mittelmeer, nach Italien und Portugal führen wird, sieht ein Treffen mit dem U-Boot U33 vor und hat neben der Ausbildung der eigenen Besatzung und neuer Wachoffiziere auch internationale Manöver und Übungen zur Aufgabe.

Mit dabei ist zum ersten Mal Tom Petzel. Der junge Mann (17) erfüllte sich mit seiner Berufswahl einen großen Kindheitstraum. Vor dem ersten Auslaufen zum mehrmonatigen Auslandseinsatz waren seine Gefühle dennoch gemischt. Gespannt sei er, motiviert. Und ein bisschen mulmig sei ihm auch. Ganz Profi, ließ er sich die widerstreitenden Gefühle aber nicht anmerken. Mutter Silke wurde da deutlicher. „Tom ist unser einziges Kind, und wir sind unglaublich stolz auf ihn, aber dass er jetzt so lange so weit weg ist, macht mich auch traurig, und ich fühle mich schon jetzt ein bisschen allein.“ Silke Petzel aus Stralsund weiß, wovon sie spricht. Als Ehefrau eines Berufssoldaten kennt sie Abschied und Trennung. Ihr Mann hat Erfahrung mit Auslandseinsätzen und wird in wenigen Tagen mit dem Heer wieder unterwegs sein. „Dann bin ich ganz allein und muss auch noch mit der Sorge um meine Familie fertig werden“, sagte Silke Petzel und musste sich dabei schon ein paar Tränen trocknen. Aber auch Vater Matthias zeigte sich sichtbar gerührt. „Es ist etwas ganz anderes, wenn man den eigenen Sohn in den Einsatz ziehen sieht“, zeigte der erfahrene Berufssoldat eine ganz weiche Seite.

Die Situation der Familien sprach auch Korvettenkapitän Carsten Egeland an, als er sich an die Angehörigen und Freunde seiner Besatzung wandte. „Wenn wir von der Fahrt zurückkehren, werden wir uns nur an die schönen Momente erinnern und davon erzählen“, sagte er. Er wisse aber, dass die Daheimgebliebenen bis dahin viel Verzicht zu üben hätten. Er unterstrich ausdrücklich den guten Ausbildungsstand der Kameraden und zeigte sich außerordentlich zuversichtlich, dass der Einsatz völlig problemlos verlaufen werde und eine fröhliche Rückkehr am 4. Mai bevorstehe.

Dass es ohne Zuversicht und Fröhlichkeit nicht geht, wissen auch Kathleen Anker, die ihren Freund verabschiedete, und Sabrina Waschke, die sich von ihrem Mann trennen musste. „Das kennen wir schon“, erzählte Kathleen Anker, die sich zum dritten Mal der Trennungssituation gegenüber sieht. Das letzte Mal sei ihr Freund sechs Monate unterwegs gewesen, von daher habe man es diesmal richtig gut. Die beiden Frauen haben gelernt, das Beste aus den Situationen zu machen. Klagen gibt es nicht, die Trennung gehöre eben zum Beruf des Partners. Trotzdem haben auch sie ein bisschen Angst vor dem Abschied. Die Angst um den Partner drängt man zurück, erklärte Sabrina Waschke, aber die Furcht davon, dem Alltag allein nicht gewachsen zu sein, sei schon da. Wenn ihr Mann auf See ist, trägt sie allein die Verantwortung für Söhnchen Jonas (2 Jahre).

Oberstabsfeldwebel Andreas Vöge weiß, welche Belastungen auf die Familien zukommen,wenn die Lebenspartner auf Auslandseinsatz über mehrere Monate nicht daheim sind. Er war gestern mit einem Team vom Familienbetreuungszentrum Kiel vor Ort. In dem Zelt wurden heiße Getränke und Snacks gereicht, aber auch wichtige Informationen weiter geben. „Wir informieren, wir betreuen und beraten“, erklärt Vöge. Dabei reiche das Spektrum von den einfachsten Alltagsproblemen bis hin zu komplexen sozialen und psychologischen Fragen. „Wir sind für die Kameraden und ihre Familien da, wollen verhindern, dass sich auch in Krisensituationen jemand im Stich oder allein gelassen fühlt“, so Vöge. Für die Bewältigung solch vielschichtiger Aufgaben holt sich die Bundeswehr Unterstützung durch ehrenamtliche Helfer. Dazu gehört Gabriele Douqué. Die Rentnerin engagiert sich aus voller Überzeugung: Die Bundeswehr leiste einen großen Dienst an Demokratie und Freiheit. „Hier geht es um 1000 Ängste“, sagt Gabriele Douqué über ihr Ehrenamt.

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