Fotos aus dem Warschauer Ghetto : Helmy Spethmann aus Eckernförde: Mutige Zeugin des Grauens

Helmy Spethmann bei ihrer Arbeit als DRK-Schwester in Warschau.
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Helmy Spethmann bei ihrer Arbeit als DRK-Schwester in Warschau.

Ingelene Rodewald fand zufällig Fotos aus dem Warschauer Ghetto von ihrer Tante Helmy Spethmann. Jetzt veröffentlicht sie die Bilder in ihrem neuen Buch.

shz.de von
17. Januar 2015, 06:50 Uhr

Eckernförde | Es war kurz vor 19 Uhr, Ingelene Rodewald bereitete gerade das Abendbrot für ihre Familie vor, als das Telefon klingelte. „Sind Sie Frau Rodewald?“, fragte eine Stimme. „Ich möchte Sie bitten zu kommen. Ihre Tante, Frau Helmy Spethmann, ist erkrankt, hat eine Lungenentzündung und hohes Fieber. Sie möchte, dass Sie jetzt kommen.“ Ingelene Rodewald ließ alles stehen und machte sich auf den Weg von Hamburg zum Krankenhaus nach Schleswig. „In meinem Nachttisch liegen noch ein paar Bilder“, sagte ihre Tante und deutete auf die Schublade. Ingelene Rodewald nahm das Album an sich und gab das Versprechen, darauf achtzugeben. In den Morgenstunden schlief ihre Tante ein.

Das Album ihrer Tante hat sie seither in ihrem Besitz verwahrt, konnte mit den meisten Bildern jedoch nichts anfangen. Bis sie Jahrzehnte später per Zufall bisher unentdeckte Fotos zwischen Buchdeckel und Einband fand. Bilder, die das Elend und die Not im Warschauer Ghetto zeigen, die Helmy Spethmann während ihrer Zeit als Lazarettschwester heimlich fotografierte. Diese Aufnahmen und die Lebensgeschichte ihrer Tante hat Ingelene Rodewald jetzt in dem Buch „Zeugin des Grauens“ veröffentlicht.

Seit ihrer Kindheit hatte sie ein enges Verhältnis zu ihrer Tante und liebte die Besuche in Borby. „Wir standen uns sehr nah“, sagt Ingelene Rodewald. 1891 in Eckernförde geboren, war Helmy die jüngste Tochter des Eckernförder Stadtrates und Reichstagsabgeordneten Wilhelm Spethmann. Wie ihre ältere Schwester Emmy besuchte auch Helmy erst die Grundschule, dann die Private Mädchenschule in Eckernförde. Nach Auffassung der Eltern eine ausreichende Schulbildung, sollten die Töchter doch früh heiraten. Für die Erstgeborene Emmy ging der Wunsch der Eltern in Erfüllung. Helmy hingegen blieb unverheiratet, sodass sich für sie nun doch die Frage eines Berufes stellte. Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 meldete sich Helmy im Alter von 23 Jahren beim Roten Kreuz und wurde Krankenschwester. Während beider Weltkriege pflegte sie die Verwundeten. 1941 wurde sie für die Schwesternschaft des Roten Kreuzes für den Kriegseinsatz im Osten eingezogen und war bis 1942 als Wehrmachtsschwester in Warschau.

Anfangs habe Ingelene Rodewald nichts mit den Bildern anzufangen gewusst, zeigten sie doch nur Freunde und Kollegen ihrer Tante, die sie gar nicht kannte. „Die Bilder waren eigentlich völlig uninteressant“, erinnert sie sich. Doch sie hatte ihrer Tante ein Versprechen gegeben. Gemeinsam mit ihrem Mann zog sie 1985 von Hamburg nach Kanada, lebte dort 19 Jahre, ehe sie 2004 zurück nach Deutschland kam und nach Strande zog. In Kanada begann Ingelene Rodewald zu schreiben. Sie beschäftigte sich mit der Geschichte ihrer Familie, schrieb ein Buch über ihren Vater Heinrich Magnus Ivens, der ein renommierter Architekt war, und eines über ihre Zeit als junge Lehrerin in einer Dorfschule in Kreis Posen-Land im Warthegau.

Für ihre Recherchen las sie alte Briefe, die ihr ihre Tante Helmy aus Warschau schrieb und nahm das Album mit ihren Fotos zur Hand. Zufällig fand sie zwischen Einbanddeckel und Bezug jene Bilder, die das schockierende Grauen im Warschauer Ghetto dokumentieren. Sie zeigen Straßenbilder aus dem „Jüdischen Wohnbezirk“, Szenen einer Beisetzung, halbentblößte Leichen liegen zusammengepfercht auf einem Karren, zwei Männer tragen einen knöchrigen toten Körper an Händen und Füßen zu einer Grube – Helmy Spethmann war Zeugin dieser Taten. „Ich habe nicht fassen können, was ich auf den Fotos sah“, erinnert sich ihre Nichte.

„Viele am Verhungern umherlaufende Gestalten. Viel Elend! Außerdem ist es Seuchengebiet und der Zugang strengstens Verboten ...“ schreibt Helmy Spethmann am 19. August 1941 in einem Brief an ihre Schwester Emmy. Helmy Spethmann ignorierte das Verbot und ging in das Sperrgebiet hinein. „Man muss sich das vorstellen, da geht eine deutsche Krankenschwester durch das Warschauer Ghetto, eine einfache Kamera griffbereit und macht heimlich Aufnahmen.“ Helmy Spethmann fotografiert, was niemand wissen, was niemand sehen soll – was nicht fotografiert werden darf.

Woher hat sie diesen Mut genommen? Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, wie Helmy aufgewachsen ist, erklärt ihre Nichte. Ihr Vater Wilhelm Spethmann war Demokrat, sah sich in der Pflicht, an politischen Entscheidungen mitzuwirken. 1921 wurde er Mitglied der neugegründeten Friedensgesellschaft in Eckernförde, engagierte sich für die Menschenrechte, glaubte an die Verwirklichung eines Völkerbundes und eines vereinten Europas. „Es war in unserer Familie unmöglich, in den Sog des Nationalsozialistischen Regimes gezogen zu werden.“ Politisch geprägt durch das Elternhaus, hat Helmy das Grauen, dem sie hinter den Ghettomauern begegnete, als Verbrechen erkannt. „Das war ihr Antrieb, die Fotos zu machen“, erklärt ihre Nichte. In dem Bewusstsein, dass ihre Aufnahmen einmal wichtig sein könnten und deshalb nicht verloren gehen dürfen, hat sie sie ihrer Nichte am Sterbebett übergeben.

„Man sieht einfach zu viel und erlebt zu viel Elend! Ich muss mündlich mehr darüber erzählen, vielleicht später“, schreibt sie im Winter 1941 in einem anderen Brief an ihre Schwester. Gesprochen hat Helmy mit niemandem über das, was sie in Warschau gesehen und erlebt hat. Auch nicht mit ihrer Nichte. „Sie war wahrscheinlich traumatisiert, hat Gesehenes und Erlebtes verdrängt“, vermutet sie. „Nach dem Krieg hatte Helmy andere Sorgen, musste ihre Mutter in dem Haus in Borby pflegen.“ An Vergangenheitsbewältigung sei in den ersten Jahren nach dem Krieg nicht zu denken gewesen. „Erst am Ende ihres Lebens muss Helmy bewusst geworden sein, wie wichtig ihre Fotos sind.“ Warum sie die Bilder jetzt in ihrem Buch veröffentlicht? „Ich habe eine Verpflichtung übernommen und erfüllt.“

>Ingelene Rodewald: Zeugin des Grauens – Helmy Spethmann und ihre Fotografien aus dem Warschauer Ghetto, 103 Seiten, zahlreiche Abbildungen, Verlagsgruppe Husum, 14,95 Euro.

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