Lange Nacht des Tanzes : „Heimat, Freiheit – Die Show“

Dirndl-Look und frische Ideen – das  Showpalast-Ensemble bewies Herz und Hirn.
Dirndl-Look und frische Ideen – das Showpalast-Ensemble bewies Herz und Hirn.

Ein ungewöhnlicher Abend bot in gekonnter Mischung Frohsinn, verhaltene Kritik, viel Gesang, ein wenig Tanz und überraschend – Lyrik

Avatar_shz von
18. November 2013, 12:19 Uhr

Das war anrührend aber nicht rührselig, mit anheimelnder Gemütlichkeit versehen aber ohne Heimattümelei – der mit etwas Misstrauen beäugte Begriff “Heimat“ bekam einen frischen Anstrich. Hier durfte es Dirndl geben – und das in Norddeutschland! Hier durfte ein Hirschgeweih an der Wand hängen, an karierten Tischdecken konnten Karten gespielt werden, Heimweh und Sehnsucht nach zu Hause wurden artikuliert.

Eine weitere Beobachtung machte zunächst stutzig, bereitete dann aber den meisten Zuschauern sicher die reine Freude: Neben Musik aus Musical, Pop und Chanson tauchte wie selbstverständlich Lyrik auf. Damit hat wohl so schnell keiner gerechnet. War „Ich bin zu Hause“ von Rainer Maria Rilke – wohl zum Eingewöhnen - noch etwas verfremdet durch das parallele Stuhlspiel „Reise nach Jerusalem“, so durften die folgenden, locker eingestreuten Gedichte ganz für sich wirken. „Heimat haben ist gut“ von Hermann Hesse wurde wirkungsvoll von Vieren am Tisch gesprochen, und Nietzsches „Die Krähen schreien“ ging ganz tief hinein – eine großartige Idee, etwas so Unalltägliches wie sensible Lyrik mit etwas so abgegriffenem wie dem gängigen Begriff von Heimat zu kombinieren. Da holte manch einer tief Luft und fühlte sich berührt.

Ach ja – und dann noch die schönen deutschen Schlager aus Zeiten, in denen man noch Begriffe, Gemütsbewegungen wie Sehnsucht und Heimweh öffentlich zuließ: „Junge, komm bald wieder!“ und „Seemann, lass das Träumen“ waren da zu hören. Neueres wie „Wieder zu Haus“ gesellte sich dazu.

Als zweiter Schwerpunkt im fröhlich-besinnlich-heiter-nachdenklichen Ablauf stellte sich die „Freiheit“ heraus, Freiheit wovon (Vorurteile, Zwänge), Freiheit wofür ? Reisesehnsucht, Fernweh mit der Gewissheit, wieder heimkehren zu können. Das Gedicht von Peter Rosegger „Ein Freund“ berichtete von der langjährigen Verbundenheit zweier, die über große Entfernung hinweg Lebensschicksale teilen. Broadway, New York, Moskau wurden in Deutsch, Amerikanisch, Russisch besungen und betanzt.

Das „Lied der Freiheit“ von Hoffmann von Fallersleben ergänzte Vorstellungen und Gedanken. Welche Freiheiten haben wir? Im Grundgesetz verankertes Recht auf Freiheit - Glaubensfreiheit, Pressefreiheit, Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit ...

Die persönliche Freiheit und tiefsitzende Vorurteile gegen Andersartiges, zum Beispiel Schwulen gegenüber, wurden zum Thema, Udo Jürgens’ Lied vom „ehrenhaften Haus“ der sinnige Begleiter. Andere Hautfarben, andere Religionen und Traditionen wurden überdacht. Engstirnigkeit, Arroganz, Überheblichkeit, Ignoranz passen nicht zu „Freiheit“. Und was kann Geschichte zum Beispiel anrichten? Hier berührte sehr das Lied der Jüdin Emma, die gehen muss, ohne sich von ihrem Liebsten verabschieden zu können. „Kann man denn so gehen?“, fragt sie. „Könnt ich ihn noch einmal sehn, noch einmal möcht ich seine Nähe spüren...“

Regeln der „richtigen“ Eheführung in unterschiedlichen Kulturen kamen auf’s Tablett, und dazu passte das amüsante Chanson „Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“

Als weiterer Clou entpuppten sich die drei „Ansagen“ von Claudia Piehl. Fragen und Antworten aus dem Einbürgerungstest wurden verlesen und vom Publikum mehr oder weniger als richtig oder falsch erkannt.

„Zur Heimat erkor ich mir die Liebe“ von Mascha Kalecko war neben plattdeutschen Songtexten wohl das i-Tüpfelchen auf „Heimat“.

Zum Schluss ein neues Outfit des Ensembles: Ganz in Rosa sangen sie „Ich bin froh“ zur Melodie von „Mexico“.

Die schönen Stimmen des Showpalast-Ensembles, seine professionelle, dabei liebenswert frische Art des Auftritts, die Rasanz der abwechslungsreichen Themenfolge, die gekonnte Mischung der verschiedenen Genres, das alles geriet zum herzerwärmenden Hochgenuss.

> Weitere Termine: 30. November 2013, 20 Uhr im Gemeindezentrum Altenholz, 28. Februar 2014, 20 Uhr, Koseler Hof, Kosel

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen