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Shakespeare-Persiflage : Hamlet mal ganz anders: „Sien oder nich sien …“

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ausverkaufte Stadthalle, sehr viele begeisterte Zuschauer und eine hinreißende Persiflage auf Shakespeares Hamlet: Joachim Thomsen (l.) und Stephan Greve haben Stoff und Charaktere grandios in Szene gesetzt. Die plattdeutsche Premiere war ein großer Erfolg.

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erstellt am 02.Sep.2013 | 06:06 Uhr

Sonnabendabend, Stadthalle, „Theater op Platt“ mit „Fiete – Hannes –Hamlet“ – hat man Vergleichbares schon mal in Eckernförde gesehen? Vermutlich nicht. Hamlet oder nicht Hamlet, das war hier die Frage. Und das meiste auf Platt, da war man platt - und bass erstaunt: gar nicht heilig hohe Literatur vom englischen Großmeister Shakespeare, sondern Komik ohne Ende und ganz unheilig. Selbst Shakespeare-Monologe in Hochdeutsch ließen alle nur noch giggeln und glucksen, die beiden Schauspieler waren umwerfend. Schauspieler? Oder eher Comedians, waschechte Komödianten, Clowns – und liebenswerte Jongleure zwischen Realität und Vorstellung, die ihr großes Publikum unbarmherzig zum Lachen brachten, becircten und mit Charme, Mutterwitz, irren Ein- und Ausfällen der völlig unerwarteten Art für einen unvergesslichen Abend sorgten.

Und was gab es zu sehen? Doch, mit „Hamlet“ hatte es schon entfernt zu tun. Es waren die historischen Figuren sogar wiederzuerkennen. So der ermordete König, der als Geist herumspukt – mit blutgerötetem Hemd, wehendem Schleier und einem Sieb auf dem Kopf. Dann Gertrude, ehemals Ehefrau, nun Witwe und neu vermählt mit Claudius. Hamlet, Gertrudes Sohn, kommt endlich heim, wird aber als „verrückt“ deklariert, Freundin Ophelia soll ins Kloster, aber „mut afgluckern“ … Ob nun auch noch Wächter Bernado oder Opheliavater Polonius oder der Bruder Laertes – es sind ja letztlich alle da, jedoch dargestellt von nur zwei Schauspielern - von Hannes (Joachim Thomsen) und Fiete (Stephan Greve). Kann man sich das vorstellen?

Bis zur „lütten Verpusttied“ kam man ja noch mit, da war Hannes der Geist, dann die Gertrude in wahnwitziger Verkleidung, schließlich auch trippelnde Ophelia im roséfarbenen Ballettröckchen. Schuhmachermeister Thomsen in Frauenrollen, das konnte jeglichen Rest von Weltschmerz vertreiben: Mimik, Situationskomik und überspitzte „weibliche Körpersprache“, das machte alle „Tokiekers“ glücklich bis zum Abwinken. Fiete hingegen behielt sich die Männerrollen vor – was auch zu ordentlichem Zoff auf der Bühne führte. Er war der durchtriebene Neukönig Claudius, der unangenehme Polonius, der bedrohliche, aggressive Laertes und schließlich auch der arme Hamlet, der mit übergroßer Geste und mit „sien oder nich sien, dat is hier de Frag“ den piratösen Totenkopf mit blinkenden Rotaugen von sich streckt. Was für eine Mischung: Schon Shakespeare, aber aber auch giftige Privatfehden in aller Öffentlichkeit, handfeste Animositäten, herzergreifende Albernheiten wie ein Hamlet-Lied auf „Griechischer Wein“-Melodie, dazu ein angestecktes Publikum, das auf Kommando nur zu gern mitagierte und die Handlung mit Sprechchören ergänzte. Zum Schluss ein heilloses Durcheinander von flusigen Requisitenresten, wilden Kampfszenen, blitzschnellem Rollentausch bis schließlich alle, das heißt alle zwei, dahingeschieden sind.

Lust auf eine völlig ausgehakte Shakespeare-Show zwischen Plattdeutsch, bewundernswerter Schauspielleistung, respektloser Wiederbelebung eines alten Stücks und bald unerträglicher Situationskomik? Wiederholung am 5. Oktober, 20 Uhr, Hotel Seegarten, Saal 71. Reservierungen bei Joachim Thomsen 04351/2397 und Abendkasse. und weitere Aufführungen sind buchbar.

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