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Hafen-Tourismus und die dunkle Seite der Geschichte

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erstellt am 04.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Den Hafen gibts schon ewig, den Fischmarkt erst seit 30 Jahren. Bernd Köhler hatte die Idee, das notwendige dicke Fell und die richtigen Argumente, um dem damals noch stark vom Fischfang, Getreideverladung und Frachtgut geprägten Hafen auch touristisches Leben einzuhauchen. Heute ist es umgekehrt: viel Tourismus, wenig Fisch, kein Getreide mehr. Aus dem groben Hafenpflaster ist eine Flaniermeile geworden, an der Hafenspitze wird ab 2015 gewohnt, geshoppt und Latte Macchiato getrunken. Zum Glück gibt es noch ein paar aufrechte Fischer, ohne die es um den Hafen, wie man ihn von früher kennt, traurig bestellt wäre.

Bernd Köhler konnte wohl nicht ahnen, dass seine Idee so zünden und Monat für Monat zigtausende Besucher aus dem ganzen Land an den Eckernförder Hafen und in die Innenstadt locken würde. Die Läden sind voll an den Fischmarktsonntagen, die Kassen klingeln. Mögen einige Eckernförder ob der jahrmarktsähnlichen Verhältnisse und einer entsprechend strukturierten Besucherschar auch die Nase rümpfen - der Fischmarkt ist ein Besuchermagnet, sorgt für gewaltigen Umsatz und ist allein wegen der erzielten Reichweite beste Werbung für die Stadt: Eckernförde wird von fast allen Gästen positiv besetzt, weil Fischmarkt, Strand und Einkaufsbummel als Gesamtpaket unschlagbar sind.

Und so kommen die Gäste gerne wieder, womöglich noch mit Freunden im Schlepptau, um einen Erlebnissonntag in einem lebendigen Ostseebad zu verbringen. Verstopfte Straßen, Staus und vollgestellte Parkplätze inklusive.

Albert Leuschner ist ein wandelndes Lexikon. Der pensionierte Kirchenkreis-Mitarbeiter und leidenschaftliche Gewerkschafter kennt sie alle: die Helmut Lemkes auf der einen und Richard Vosgeraus auf der anderen Seite, die Stätten der Aufmärsche, Verfolgung und Ermordung von Gewerkschaftern in Eckernförde durch die Nazis. Aus dem Stand kann er stundenlange Vorträge über die Eckernförder Geschichte zwischen den 20er und 50er Jahren halten, in denen auch hier dramatische Ereignisse geschehen sind. Leuschner kennt sie alle, und er hört nicht auf, daran zu erinnern, zu mahnen und zu warnen. An Himmelfahrt führt der sanfte Hüne unter dem Motto "Auf den Spuren des Faschismus in Eckernförde - eine Exkursion zu symbolträchtigen Plätzen und Orten in Eckernförde" seine 26. Alternative Stadtführung durch (Treffpunkt um 14 Uhr auf dem Rathausmarkt). Zu Fuß geht es zum alten Rathaus, Petersberg, den Borbyer Friedhof. So wird Stadtgeschichte für jeden erlebbar.

Sie sei jedem empfohlen, der mal einen anderen Blick auf Eckernförde abseits der Blütenpracht im Kurpark oder eines idyllischen Altstadtbummels werfen möchte.

Mehrfach im Jahr loben die Stadtverantwortlichen die Ehrenamtler in Eckernförde. Und sie sind im Ostseebad offenbar auch besonders aktiv, denn die Zahl der Menschen, die sich freiwillig für eine gute Sache einsetzen, ist in der Tat enorm.

Die Stadt tut gut daran, einige wenige im Rahmen des Bürgerempfangs im Rathaus zu ehren. Denn ihre Beispiele - 17 in diesem Jahr - sollen Schule machen, weil ohne sie nichts geht im sozialen Miteinander.

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