zur Navigation springen

Die seele auf dem gut : Gutssekretärin für vier Generationen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Antje Harrs blickt auf 57 Arbeitsjahre als Gutssekretärin auf Gut Hohenstein zurück. Die Looserin ist eine der letzten Zeitzeugen des Strukturwandels in der Landwirtschaft.

von
erstellt am 27.Mär.2015 | 06:27 Uhr

Als junges Mädchen hat Antje Haalck unter Baron Hans von Schröder 1958 auf Gut Hohenstein als Gutssekretärin angefangen, als gereifte Frau und Vertrauensperson der Familie von Gerlach scheidet Antje Harrs nach ihrem letzten Arbeitstag an gleicher Stelle am 30. März aus. Dazwischen liegen 57 Berufsjahre, die die 77-jährige Looserin zur wohl dienstältesten Gutssekretärin im ganzen Land machen. Zuletzt hat sie sich nicht mehr in Vollzeit um die Büroarbeit, Zahlungseingänge und Überweisungen und Zuarbeit für den Steuerberater gekümmert, sondern in eineinhalb Arbeitstagen, wobei sie immer auch einige Unterlagen mit nach Hause in ihr „Home office“ nach Loose genommen hat.

Antje Harrs hat den Strukturwandel in der Landwirtschaft vom beschäftigungsintensiven Handbetrieb in Ställen, auf den Feldern, im Forst und im Herrenhaus bis zum modernen, maschinengestützten Produktionsbetrieb wie kaum jemand anderes hautnah miterlebt. Gut Hohenstein war einst für die über 50 Beschäftigten Arbeits- und Lebensgemeinschaft zugleich. Sie war und ist für die vier Gutsherren-Generationen von „Baron Hans“ über Tessen von Gerlach-Parsow, Bosgislav-Tessen von Gerlach und zuletzt seinem Sohn Felix von Gerlach (30) mehr als eine Gutssekretärin. Die Familien wussten und wissen, dass sie „ihrer Frau Harrs“ bedingungslos vertrauen konnten und können.

Vater Haalck aus dem Dieksanderkoog bei Marne hatte 1958 im Bauernblatt ein Stellengesuch aufgegeben: „Bauerntochter, 20 J., sucht z. 1.4.1958 Anfangsstellung als Gutssekretärin (gepr. ländl. Hausw.-Gehilfin), Nebenarbeiten werden evtl. mit übernommen, Fam.-Anschluß erwünscht“. Die Zuschriften kamen, und auf Gut Hohenstein gab es eine Position so recht nach dem Geschmack der jungen Dithmarscherin. Zehn Tage hatte Baron Hans von Schröder die junge Frau zur Einarbeitung einbestellt. „Das wird nie was“, erinnert sich Antje Harrs noch an die skeptische Meinung ihrer Vorgängerin. Sie hat sich geirrt, gewaltig. Denn aus der Probezeit auf Gut Hohenstein wurde eine Lebens- und Vertrauensstellung mit familiärem Anschluss. Und nachdem die junge Frau im nahe gelegenen Loose über die Dorfgaststätte „Lindenhof“ schnell Anschluss und schließlich auch ihren Mann Heinrich Harrs kennengelernt hatte, wurden Gut Hohenstein und Loose zu ihrer neuen Heimat.

Über den alten, noch heute in Betrieb befindlichen Sekretär von Antje Harrs liefen alle zahlungsrelevanten Vorgänge des Gutes. Da noch viel mit Bargeld garbeitet wurde, fuhr sie jeden Donnerstag mit dem Baron zum Geldholen in die Stadt. Das tütete sie anschließend zusammen mit dem langen Lohnstreifen für die bis zu 56 Mitarbeiter ein und zahlte den Wochenlohn immer freitags aus. Anfangs gab es für die Arbeiter 46 Pfennig Stundenlohn, sie bekamen aber darüber hinaus noch ein Deputat aus Buschholz, Kartoffelland und täglich drei Litern Vollmilch sowie freies Wohnen in den gutseigenen Häusern.

Auf dem Gutshof gab es alles, was die Landwirtschaft damals hergab: Neben der Feldbewirtschaftung gab es jede Menge Kühe, Schweine, Hühner, 32 Vollblüter und 140 Bienenvölker mitsamt der dazugehörigen Speicher und Stallungen. Mit 56 Mann war die Belegschaft entsprechend groß. Eine der „Nebenarbeiten“ von Antje Harrs war die regelmäßige Milchkontrolle, und die Ausgabe der täglichen Milchrationen – morgens Magermilch, abends drei Liter Vollmilch. Der Gutshof war für fast alle der Nabel der Welt, an dem sich alles abspielte. Im Sommer kamen noch viele „unständige Arbeiter“ für die Feldarbeit dazu, die zusammen mit den ledigen Mitarbeitern in der Meierei untergebracht waren und dort auch versorgt wurden. „Wir haben zentnerweise Bratkartoffeln und Spiegeleier gebraten“, erinnert sich Gutsherr Bogislav von Gerlach, der damals noch Pennäler war.

Der Strukturwandel kam allmählich in Gang und hat sich immer rasanter entwickelt. Maschinen und Computer ersetzten viele Landarbeiterhände. Nur die von Antje Harrs, ihre Kenntnisse und ihr „phänomenales Gedächtnis“ waren weiter gefragt. Sie freundete sich mit der elektronischen Datenverarbeitung ebenso an wie mit Computerprogrammen, die heute für das Büro-Management eines in mehrere Gesellschaften und Betriebszweige umstrukturierten Gutshofes unerlässlich sind. Antje Harrs beherrscht ihr Handwerk auf dem Effeff. Für die Hohensteiner ist sie jedoch weit mehr als eine gute Fachkraft: Sie ist Vertrauensperson und eine intime und stets loyale Kennerin aller Abläufe auf dem Gut.

Familie von Gerlach hat der 77-Jährigen freigestellt, wann sie aufhören möchte. Dieser Tag ist jetzt gekommen. Morgen gibt es einen familiären Empfang im Gasthof Stöterau in Gammelby und am kommenden Montag kommt Antje Harrs ein letztes Mal in ihr Kontor mit dem alten Sekretär und dem Blick auf den Gutshof. „Hohenstein war mein Leben“, sagt sie. Der Abschied fällt ihr nach 57 Jahren mehr als schwer. „Ich schaff’ das“, sagt sie zwar tapfer, verdrückt dabei aber auch eine Träne. Antje Harrs versucht, ihre Emotionen im Zaun zu halten, und freut sich besonders, dass Familie von Gerlach „eine tüchtige Nachfolgerin“ für sie gefunden hat. Auch sie kommt aus der Gemeinde Loose.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen