„Gummiband“-Gefühle und Wege aus dem Trauma

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30. Juli 2015, 06:57 Uhr

Ein lautes, schrilles, anhaltendes Geräusch nervt nicht mehr so extrem, wenn man seine Ursache kennt, wenn zum Beispiel Bäume gefällt oder Straßen repariert werden müssen.

Das Wissen über die Ursache von Gefühlen, die überfallartig und unkontrolliert ausbrechen können, kann denselben erleichternden Effekt haben. Diese Gefühle haben die Psychotherapeuten D. Kupfer und M. Haimowitz 1971 „Gummiband-Gefühle“ genannt. Sie erklärten ihren Patienten mit Hilfe dieses Bildes, warum sie in bestimmten Situationen von Gefühlen überwältigt und gequält werden, die zu der Zeit völlig unangemessen sind. Die aktuelle Situation ähnelt nur einer belastenden Situation in der Vergangenheit, die nicht aufgelöst werden konnte und deswegen mit den alten Gefühlen zusammen im Gehirn gespeichert bleibt. Tritt eine ähnliche Situation in der Gegenwart auf, wird die Person wie mit einem Gummiband unwillkürlich zurück in die Vergangenheit katapultiert und erlebt die damaligen Gefühle. Grund ist der unbewusste, irrationale Wunsch, im Hier und Jetzt die Belastung von damals aufzulösen. Das ist unmöglich, denn es war eine andere Situation in einer anderen Zeit. Aber weil dieser Mechanismus nicht bewusst abläuft, wird der Versuch immer wieder gestartet, eine Endlos-Schleife.

Besonders dramatisch sind solche Gefühle für einen Flüchtling, der in seiner Heimat von laut schimpfenden Männern gefoltert und schwer misshandelt worden ist, ohne den Grund zu erfahren. Er ist in Deutschland in Sicherheit, aber immer, wenn jemand laut über eine alltägliche Kleinigkeit mit ihm schimpft, zieht ihn das „Gummiband“ in die Vergangenheit, er fühlt quälende Hilflosigkeit und unbändige Wut und reagiert entsprechend. Auch hier sind Gefühle und Reaktion in der aktuellen Situation unangemessen und für seine soziale Umgebung angsteinflößend und gefährlich. Eine Therapie könnte helfen, ist aber aus verschiedenen Gründen nicht möglich. Als Hilfe werden ihm Psychopharmaka verordnet, die das „Gummiband“ blockieren. Das eingefrorene Trauma aber bleibt gespeichert. Eine Hoffnung gibt es, dass durch eine Begegnung mit einem verständnisvollen, zugewandten Menschen das traumatische Erlebnis entschärft und aufgetaut werden kann.

Das geschah in dem zweiten, weniger dramatischen Beispiel. Ein achtjähriges Mädchen kommt im August 1945 aus der kriegsbedingten Evakuierung zurück in die Heimat. In der dortigen Volksschule sind alle Schüler in einem Raum untergebracht, jede Stufe hat ihre eigene, lange Bank, in der die Kinder des betreffenden Jahrgangs nacheinander Platz nehmen. Für die Neue ist kein Platz mehr. Sie steht im Gang, verloren, ausgeschlossen und traurig, niemand kümmert sich um sie. Diese Situation wird wie eingefroren gespeichert und in der beschriebenen Weise immer wieder aktiviert.

Eine dieser Aktivierungen geschieht während einer Yoga-Gruppen-Übung am Strand in Südindien. Das achtjährige Mädchen ist inzwischen eine alte Frau und ziemlich schwerhörig. Die Yoga-Anweisungen verstehen alle in der Gruppe, sie lachen und bewegen sich entsprechend den Anweisungen. Nur die alte Frau versteht kein Wort und fühlt sich wie damals: Verloren, ausgeschlossen und traurig. Obwohl es aktuell keinen Grund gibt, fließen unaufhaltsam Tränen. Etwas Wichtiges ist aber anders als damals: Die Yoga-Leiterin kümmert sich um sie und nimmt sie in ihre liebevolle Obhut. Jetzt bekommt die alt gewordene Achtjährige das, was damals gefehlt hat, und das „Gummiband“ verliert langsam seine Wirkung.

Eine solche heilende Begegnung kann sich zufällig und ungeplant ereignen und ist ein unerwartetes Geschenk. Fällt den Betroffenen aber im Laufe der Zeit auf, dass es immer wieder ähnliche Abläufe gibt und wodurch sie ausgelöst werden, können sie zielgerichtet in einer Psychotherapie die Auflösung des Traumas erreichen.

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