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Interview : Grundversorger ohne Boni und „gekaufte“ Kunden

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Wie die Stadtwerke Eckernförde sich im regionalen Wettbewerb gegen Konkurrenz aus dem Internet behaupten wollen – Interview mit Stadtwerke-Geschäftsführer Dietmar Steffens zur Preispolitik.

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erstellt am 03.Feb.2016 | 06:13 Uhr

Eckernförde | Die Kunden der Stadtwerke bekommen seit vergangener Woche ihre Rechnungen von den Stadtwerken. 15  000 Rechnungen werden verschickt. Wegen der verhältnismäßig warmen Witterung sei es nach Unternehmensangaben zu „beträchtlichen Gutschriften bei allen Gas- und Wärmekunden“ gekommen. Um für ein evt. verbrauchsstärkeres Jahr 2016 gewappnet zu sein und höhere Nachzahlungen zu vermeiden, richten die Stadtwerke auf Kundenwunsch auch höhere monatliche Abschläge ein. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite fällt der Ölpreis seit Jahren, erreicht fast wöchentlich neue Tiefststände und liegt derzeit bei 28,63 USD pro Barrel (Brent) oder 35,86 Euro pro 100 Liter (Stand 20. Januar 2016). Vor eineinhalb Jahren lag der Preis bei 80,60 Euro. Auch die Gaspreise fallen seit 2012 konstant. Nur die Verbraucher profitieren davon bislang nicht oder kaum. Stadtwerke-Geschäftsführer Dietmar Steffens antwortete jetzt schriftlich auf Fragen der Eckernförder Zeitung.

Wie hoch ist derzeit der Brutto-Preis für eine Kilowattstunde Gas?

Dietmar Steffens: Im Grundversorgungsbereich beträgt der Bruttopreis je Kilowattstunde (kWh) 6,08 Cent. Im Sondervertrag liegt er beispielsweise bei 4,52 Cent / kWh.

Unter welchen Tarifen können die Privatkunden und die Geschäftskunden wählen?

Zwischen Grundversorgung und preisgünstigem Sondervertrag.

Bieten Sie einmalige Wechselprämien und / oder einen Bonus für Neukunden an?

Wechselboni werden von den Stadtwerken Eckernförde (SWE) nicht angeboten. Das geschieht aus der Vertragsbeziehung mit den Bestandskunden heraus nicht. Diese wären gegenüber den „gekauften“ Kunden benachteiligt.

Wann können die Kunden der Stadtwerke Eckernförde mit einer Absenkung des Erdgaspreises rechnen?

Die SWE unterscheiden sich von anderen Gasversorgern insoweit, als das sie Grundversorger sind; das heißt, jedermann auf Basis der Grundversorgungstarife – quasi als AOK der Gasversorgung – zu beliefern haben. Dies erfolgt unabhängig davon, wie diese Kunden beispielsweise ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen. Darüber hinaus bieten wir Sondertarife an. In diesem Preissegment wurden auch Senkungen vorgenommen. Wir empfehlen daher: „Wechseln Sie – aber bleiben Sie bei uns.“

Wie setzen Sie Ihren Gaspreis fest?

Wir schließen mit den Kunden in Eckernförde Sonderverträge für ein oder zwei Jahre (Laufzeit bis 31.12.2016 und 31.12.2017). Planungssicherheit und Kostenvorteile finden sich im Preis wieder. Das Preisniveau wurde zum 1. Januar 2016 erheblich gesenkt.

Es gibt viele Anbieter, die den Kunden den Strom und Gas günstiger verkaufen. Aber natürlich auch welche, die teurer sind. Wie stehen die Stadtwerke Eckernförde im Markt?

Durch unser Preisgefüge, das heißt die Sonderabkommen sowie weitere Möglichkeiten, beispielsweise Jahresvorauszahlung, sind wir marktgerecht. Die Jahresvorauszahlung verzinsen wir seit Jahren mit 3 %. Von dieser Möglichkeit machen ca. 2  000 Kunden Gebrauch.

Müssen Sie angesichts des härter werdenden Wettbewerbs nicht Angst haben, Kunden zu verlieren?

Wettbewerbsmärkte sind durch Kundenverluste gekennzeichnet; aber auch durch Kundengewinne.

Der Strompreis sinkt seit mehreren Jahren auf breiter Front. Branchenkenner sagen, dass sich die Stromanbieter drei Jahre im Voraus mit Strom versorgen, sie gehen für dieses und nächstes Jahr von weiter sinkenden Strombezugskosten aus, die sich im Verkaufspreis niederschlagen müssten. Andere Stadtwerke haben ihre Strompreise zum Jahresbeginn gesenkt, die Kunden der Stadtwerke Eckernförde aber müssen ab dem 1. Februar 2016 mehr für den Strom bezahlen. Warum?

Wir haben bereits 2014 Bezugskostenvorteile gegen Preissteigerungen durch die erneuerbaren Energien aufgerechnet und unsere Preise stabil gehalten. Wenngleich wir die Preise wegen weiter gestiegener Kosten für erneuerbare Energieförderung 2015 erhöhen mussten, lag unser Preisniveau nach der Erhöhung unter den Preisen der Stadtwerke Kiel, nachdem diese ihre Preise gesenkt hatten.

Im Übrigen treffen uns auch Kostensteigerungen, die über Einkaufsverbesserungen zu generieren sind, beispielsweise Tarifabschlüsse und Softwareumstellungen. Auch beim Strombezug verweisen wir die Kunden auf unsere preisgünstigen Sonderabkommen.

Ein Mittel, Kunden langfristig zu binden, ist das Wärme-Contracting: Sie bezahlen den Kunden eine neue Gasheizung ihrer Wahl, übernehmen die Wartung und Reparaturen und bieten ihnen ein Rund-um-Sorglos-Paket. Finanziert wird das Ganze mehrere Jahr über monatliche Nutzungsgebühren, die die Kunden zusätzlich zu ihrer Heizrechnung bezahlen. Wie viele Kunden nutzen diesen Service und wie hat sich das Wärme-Contracting in den vergangenen Jahren entwickelt?

Diese Sparte wächst ständig. Von 13 Millionen Kilowattstunden (kWh) in 2009, stieg der Absatz auf nunmehr 45 Millionen kWh. Diese Mengen verteilen sich auf einzelne Contractinganlagen, aber auch auf Nah- und Fernwärmebereiche. Derzeit betreiben wir knapp 600 Contractinganlagen; sämtlich errichtet seit 2009. Wesentlich war hier ferner der Abschluss des Klimapaktes von Eckernförde mit dem Gemeinnützigen Wohnungsunternehmen (GWU). Innerhalb verhältnismäßig kurzer Zeit wurden hier ca. 50 Anlagen modernisiert und die Folgen von Wirkungsgradverschlechterungen vom Kunden ferngehalten. Darüber hinaus besteht ein Entstörungsdienst rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr.

Nun gibt es im Internet Vergleichsportale wie Verivox. Die werden immer beliebter. Irgendwann kommt für den einen oder anderen Kunden der Punkt, an dem er den Verlockungen günstigerer Tarife und lukrativer Boni nicht mehr widerstehen kann – wenn er z. B. einen Anbieter empfohlen bekommt, der Strom und Gas für mehrere hundert Euro im Jahr günstiger liefert. Warum können diese Unternehmen Gas und Strom so viel günstiger anbieten als die Stadtwerke Eckernförde?

Tendenziell haben Neuanbieter in Zeiten sinkender Börsenpreise günstige Ausgangspositionen. Gegenüber langfristigen Beschaffungen können sich dann Wettbewerbsvorteile ergeben; gleichsam so, als dass ihnen niedrige Ölpreise bei vollen Tanks zunächst auch nichts nützen. Steigen beispielsweise die Beschaffungspreise, geht die Rechnung dann oftmals für die Neuanbieter nicht mehr auf. So durften wir dann die hinsichtlich der beteiligten Kundenzahl größten Pleiten in der Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zur Kenntnis nehmen (Teldafax, die Red.). Selbst die Bundesnetzagentur konnte die Kunden nicht schützen. Gleichwohl dürfte den meisten Anbietern seriöse Absichten unterstellt werden.

Wie viele Kunden springen bei Ihnen pro Jahr ab, und wie viele Neukunden kommen jährlich hinzu?

In beiden Fällen eine geringe Anzahl.

Mit welchen Argumenten wollen Sie dieser Konkurrenz langfristig standhalten?

Wir bieten unseren Kunden einen persönlichen Ansprechpartner vor Ort und eine Reihe von Mehrleistungen, die ein ortsfremder und mehr oder weniger anonymer Anbieter nicht bieten kann. Neben den bisherigen Angeboten wie Energieberatung, den angesprochenen Contractingdienstleistungen denken wir derzeit über die Einführung einer Kundenkarte nach, über die Leistungen der Stadtwerke Eckernförde vergünstigt in Anspruch genommen werden können (Wellenbad, Parkhaus, etc.). Die Angebote im Internet zeichnen sich häufig mit den Nachteilen aus, dass Sie mit einmaligen Rabatten und Sonderkonditionen optisch vergünstigt dargestellt werden. Wir bieten hier die bereits angesprochene dauerhafte Ermäßigungen von 3% für Vorauszahler an. Zudem stehen wir für eine lokale Wertschöpfung über Investitionen, Arbeitsplätze und Unterstützung des kommunalen Gemeinwesens. Der Kunde mag dem einen oder anderen Projekt der Stadtwerke Eckernförde aus seiner persönlichen Interessenlage nichts abgewinnen; gleichwohl kauft er seinen Bedarf vor Ort in dem Bewusstsein, dass sein Geld hier in der Region bleibt und für all das eingesetzt wird, was zu einem von den Stadtwerken Eckernförde zu verantwortenden Teil Eckernfördes ausmacht: Infrastruktur und Lebensqualität.


Die Stadtwerke Kiel treten neuerdings mit offensiver Werbung massiv in den Gebieten anderer lokaler Versorger auf. Zuletzt in Neumünster. Wie reagieren Sie auf die aktive Akquise lokaler Konkurrenten?

Die Wettbewerbserfolge der Stadtwerke Kiel (SWK) sind überschaubar. SWK wird doch eher als Unternehmen mit vielen Problemen wahrgenommen. Was sollen Kunden davon halten, wenn ein Unternehmen einerseits massiv die Fernwärmepreise erhöht, weil Stromerzeugungsgutschriften ausbleiben, gleichwohl aber Neukundenakquise mit Bonuszahlungen betreibt? Das überzeugt irgendwie nicht. Oder das Thema Erdgastankstelle. Eckernförde betreibt für ca. 23  500 Einwohner und die Gäste der Stadt eine Erdgastankstelle. Die Landeshauptstadt Kiel betreibt eben auch nur eine!

Die Stadtwerke Eckernförde sind mehr als nur ein örtlicher Versorger und ein großer Arbeitgeber, das wissen die Bürger und sind deshalb auch treue Kunden und nehmen auch etwas höhere Tarife in Kauf. Nur verlassen sollte man sich darauf langfristig nicht unbedingt. Was spricht abschließend aus Ihrer Sicht für einen Verbleib der Kunden und Bürger in der Region bei den Stadtwerken Eckernförde?

Wie schon gesagt, es fängt beim Betrieb einer Erdgastankstelle an und geht über das Wellenbad, die Sauna, den Hafen, die Straßenbeleuchtung, die Breitbandversorgung, den Wohnmobilstellplatz, das für dieses Jahr geplante Parkhaus, die Arbeits- und Ausbildungsplätze hin zur umweltschonenden Energieerzeugung. Hinzu kommt der persönliche Service vor Ort inklusive der Energieberatung. Gemeinwohlorientierung und Daseinsvorsorge sowie die Verankerung auf kommunaler Ebene machen uns zu einem verlässlichen Partner – unsere Energie für Eckernförde.



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