Strandfestival Eckernförde : Großes Fest vor prächtiger Kulisse

'Die Fantastischen Vier' waren am späten Abend der Höhepunkt des Programms. Foto: Staudt
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"Die Fantastischen Vier" waren am späten Abend der Höhepunkt des Programms. Foto: Staudt

12.500 Besucher feierten auf dem Eckernförder Strandfestival. Sie erlebten ein Stimmungshoch am Südstrand bis zum legendären Finale.

shz.de von
24. August 2010, 12:00 Uhr

eckernförde | Es schien wie eine Machtdemonstration: Eine Dreiviertelstunde vor Beginn des Festivals am Südstrand mit den "Fantastischen Vier", "Ich+Ich", "Culcha Candela" und "Stanfour" verdunkelte sich der Himmel so sehr, dass teilweise die Straßenbeleuchtung ansprang. Donner, Regen, Wind - das Wetter spielte mit den Muskeln und zeigte noch einmal, dass ein Open-Air-Konzert in Norddeutschland ein Risiko ist. Doch schon eine Viertelstunde später war der Weltuntergang Geschichte: Die Sonne brach durch und es wurde sogar richtig warm.
Entspannte Stimmung also am Strand, wo Leon Taylor pünktlich um 14.30 Uhr das Festival eröffnete. Nur vier Lieder spielte der John-Lennon-Award-Preisträger, machte aber von Anfang an mächtig Druck mit schnellen Beats und die Fans heiß auf die großen Acts des Abends. Ein zu kurzer Auftritt für einen guten Musiker, der sympathisch mit dem Publikum kommunizierte, das zahlenmäßig noch deutlich unter den erwarteten 12.000 lag.
Musik direkt in die Magengrube
Nach einer kurzen Umbaupause dann schossen die Engländer "Mamas Gun" mit funkigem Soul auf die Bühne. Die Musik mit Liedern wie "You are the music" ging nach vorn und landete direkt in der Magengrube, wirkte streckenweise etwas verrückt, erfüllte aber seinen Zweck: die Menschen vorzubereiten auf den großen Abend.
Diese genossen zunächst noch den Sonnenschein, lagen zerstreut über das ganze Gelände auf Decken - teilweise mit freiem Oberkörper. Doch langsam füllte sich der Raum vor der Bühne. Schon beim letzten Akkord der Londoner Formation gingen die ersten Blicke sorgenvoll gen Himmel, der sich wieder verdunkelte und nichts Gutes verhieß. Pünktlich zum Auftritt der Berliner Band "Eisblume" öffnete er noch einmal seine Schleusen. Jetzt war die große Stunde der Regencapes und Schirme gekommen. "Durch den Monsun" von "Tokio Hotel" hätte die Stimmung besser getroffen als "Leben ist schön" der Berlinerin, die aber mit melancholischem Pop einen engagierten Auftritt ablieferte. Dass die Fans vor der Bühne nicht tanzten, war nicht der Musik geschuldet, sonderm dem Regen. Kaum war "Eisblumes" Stimme verklungen, hörte der Regen auf - sie hätte eine trockenere Vorstellung verdient.
Als der Regen nicht mehr strömte, taten es die Zuschauer
Die Platzierung der englischen Indie-Pop-Band "Doll & the Kicks" vor dem ersten Höhepunkt des Abends - "Stanfour" - war eine richtige Entscheidung: Diese Musik drückte im Gesicht, trieb die Menschen vor die Bühne. Hingucker und Hinhörer: Sängerin Hannah Scanlon mit indianischem Federschmuck im Haar und einer starken aber glasklaren Stimme, die eine gute Bühnenshow ablieferte und mit ihrem Gesang den bis dahin lautesten Applaus erhielt. Kein Wunder, füllte sich der Strand doch zusehends mit Menschen - viele Eckernförder waren bis jetzt zu Hause geblieben, um dem Regen zu entgehen, strömten aber jetzt aufs Festivalgelände.
Großes Kino dann beim Auftritt der Band aus Föhr: Stanfour. Was seit der Bandgründung im Jahr 2004 geschehen ist, ist schon mehr als ein kleines Märchen. Und am Südstrand zeigten sie, dass sie das Zeug zu einer ganz großen Karriere haben: professionell, musikalisch gereift und dicht dran an den Fans. Sie waren gestern schon sehr nahe dran am perfekten Sound und auch in Sachen Performance haben die Jungs um Konstantin und Alexander Rethwisch, Eike Lüchow und Christian Lidsba ordentlich zulegt, was sich eindrucksvoll beim "Tanz auf den Verstärkern" von Sänger Konstantin Rethwisch zeigte. Ihre eingängige Mischung auf knackigem Rock und balladenhaften Klängen tribe die Stimmung auf ihren vorläufigen Höhepunkt. Nach der Zugabe und ihrem Superhit "Wishing You Well" gabs kein Halten mehr - der Südstrand kochte.
Ein paar Minuten später im hervorragend getimten Ablauf legten Culcha Candela nach. Die sympathischen Hip Hoper aus Berlin machten die Menge heftig an - die 12.000 machten begeistert mit, marschierten gemeinsam mit ihren "Vorturnern" auf der Bühne nach links und rechts und setzten sich sogar auf den Hosenboden. Culcha Candela - das war Party pur. "Wir waren 40 Stunden im Bus unterwegs, aber das vergisst man bei euch alles!" - kann eine Band ihr Publikum zwischen echten musikalischen "Blockbustern" wie "Hamma", "Monsta" oder "Schöne, neue Welt" auf nettere Art loben?
Fanta 4 mischen den Strand auf
Wer war nochmal Rod Stewart? Ach ja, der Schotte, der im vergangenen Jahr exakt nach den vertragsgemäßen 90 Minuten ohne Zugabe von der Bühne verschwand - ein großer Musiker mit großen Erfolgen. Doch so wie die Fantastischen Vier am Sonntag hat er den Südstrand nicht zum Kochen gebracht. Es braucht also nicht unbedingt international bekannte Namen für eine gelungene Party.
Was für ein Festival: Von den Auftritten der Bands über die Klangqualität bis zur Organisation hat alles gepasst. Höhepunkte gab es vier Stück, die sich langsam steigerten. Stanfour, Culcha Candela und dann Ich + Ich: Sänger Adel Tawil überzeugte mit großer Stimme und dem ungezwungenen Kontakt zum Publikum, das alle großen Hits zu hören bekam: "Stark", "So soll es bleiben" und "Vom selben Stern". Eingängige Texte und überzeugende Melodien - hier sang die Oma mit ihren Enkeln gemeinsam, die Festivalbesucher waren so richtig in Fahrt. Ein großes Kompliment kam von Adel Tawil: "Es hat in Strömen geregnet und Ihr habt ausgehalten." Bei "Vom selben Stern" steigerte er die Spannung, indem er das Publikum dazu brachte, mit ihm das Lied zu flüstern. Ein Mädchen in der ersten Reihe schien so gut zu wispern, dass sich der Deutsche mit afrikanischen Wurzeln auf die Kleine zuschoss, sich hinhockte, sie lobte und mehrere Zeilen mit ihr zusammen flüsterte. Hinterher machte er richtig Druck, steigerte die Lautstärke, stieg in den Graben und kletterte auf den Zaun, der das Publikum von der Bühne trennt. Das Publikum explodierte im Gesang.
Turnvater Jahn hätte seine Freude gehabt
Es war also gut gewappnet, als die Fantastischen Vier nach glücklicherweise fünf regenlosen Stunden angriffslustig um 21.40 Uhr die Bühne betraten - passend zum Lied "Wie Gladiatoren" von ihrer neuen CD präsentierten sie sich in Topform und strapazierten ihre Sprunggelenke, Bänder und Wadenmuskeln, dass Turnvater Jahn seine Freude gehabt hätte. Das Publikum ging sofort mit, dankbar für das große Finale eines Tages, der sich in seiner Stimmigkeit sehen lassen konnte.
Mit "Gebt uns ruhig die Schuld" legten die durchtrainierten Jungs gleich einen Ohrwurm nach und ließen keinen Zweifel daran, dass ihnen ihr Job wirklich Spaß machte - Thomas D. strahlte in einer Tour. Nach dem dritten Lied "Ichisichisichisich" wären die meisten Menschen auf der Bühne mit Herzproblemen zusammengebrochen. Nicht so die Fanta 4, die locker über das Rauchen plauderten, als würden sie gerade die Strandpromenade entlang schlendern. "Wer ist hier Raucher?" fragte Michi Beck. "Jeder vierte von euch stirbt an Krebs. Dumm nur, dass wir auch vier sind." Mit der extrem schnellen Bluesnummer "Smudo in Zukunft" wechselten die HipHoper kurz das Genre. Immer wieder erstaunte die körperliche Fitness der Männer um die 40, die die Beine so hoch warfen wie eine Mischung aus Fred Astair und Bruce Lee.
"Geiler buntgemischter Haufen seid Ihr da unten"
Nach dem Klassiker "Sie ist weg" von 1995 sang das ganze Gelände zusammen mit den Schwaben "Es könnt alles so einfach sein - isses aber nich". "Geiler buntgemischter Haufen seid Ihr da unten", lautete prompt die Ansage von Thomas D, der sich entschied, "maln bisschen Inhalt mitzuliefern. Könnt man ja mal machen". Angesichts der vielen Kinder, kündigte er das nächste Lied "Krieger" so an: "Der ein oder andere von euch besucht noch eine Institution: Schule oder Kindergarten. Doch egal, was sie euch da erzählen: Hört auf eure Herzen."
"Yeah Yeah Yeah", "MFG", und dann das Lied, auf das alle gewartet hatten: "Tag am Meer". Michi Beck: "Heute ist der Tag gekommen, an dem das Lied zum allerersten Mal so richtig passt." Großer Applaus, Gekreische und Schluss, Aus. Die Fanta 4 verschwinden um 22.50 Uhr von der Bühne.
Doch es gab keinen Stewart-Abgang: "Fuck Alda, da geht was", rief Michi Beck. Drei Stücke gabs als Zugabe, darunter "Troy". Mit den Worten "Tausend Dank, Eckernförde. Schön habt Ihrs hier" verabschieden sich die Musiker vom Publikum, das richtig satt war.

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