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glocken von st. nicolai verstummen für acht wochen : Große St.-Nicolai-Glocke geht auf Reisen

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Am Donnerstag wurde das historisches Geläut ausgebaut. In Holland erhält es eine neue Krone.

shz.de von
erstellt am 28.Jul.2017 | 06:11 Uhr

Eckernförde | Ein ungewöhnlicher Anblick bot sich Passanten gestern Mittag auf dem Kirchplatz von St. Nicolai. Die größte und zugleich ältesteGlocke der Kirche schwebte durch die Luft zu Boden. Zuvor war das 1,1 Tonnen schwere Geläut, das 1598 in Husum gegossen wurde, mittels einer einfachen, aber ausgeklügelten Seiltechnik oben im Turm von seinem Standort im Glockenstuhl gelöst und durch die enge Luke befördert worden – der schwierigste Akt der gesamten Aktion. Erforderlich war das gesamte Unternehmen, da die Glocke eine neue Krone bekommen muss. „Die alte Krone gab es nur noch zur Hälfte, deshalb muss die Glocke eine neue erhalten“, erklärt Bauleiter Dietrich Fröhler das Vorhaben, das im Zuge der großen Sanierung der St.-Nicolai-Kirche stattfindet.

Was die Passanten nicht sehen können, ist die komplizierte Aktion oben im Turm der Kirche, bevor der Kran die historische Glocke, die sich im Zweiten Weltkrieg bereits auf dem Glockenfriedhof in Altona zum Einschmelzen befand und nur durch den Buchstaben D (Kennzeichen für historische Glocken) am Glockenrand gerettet wurde, sicher auf dem Kirchplatz absetzt. Thomas Thumm und sein Kollege Jürgen Schwarck von der Hamburger Fachfirma Iversen, die sich auf Glockenein- und -ausbau spezialisiert hat, brauchen viel Fingerspitzengefühl und Manpower, um die 1100 Kilogramm schwere Glocke sicher von ihrem Stand im Glockenstuhl zu lösen und in die richtige Position für den Kranhaken zu bringen. Mittels Greifzügen und Seilhebegeschirr bewältigen sie diese Aufgabe zügig, so dass das Geläut nach 30 Minuten langsam in der Öffnung erscheint.

Das Wichtigste ist geschafft, der Rest der Aktion sieht spektakulär aus, ist aber vergleichsweise harmlos. Auf einer Europalette gut gesichert ist die Glocke noch gestern Nacht mit einem Lkw auf die Reise in die Niederlande gegangen, wo eine Spezialfirma eine neue Krone gießen wird und diese dann auf die Glocke schweißt, so dass keine Naht entsteht und ein hundertprozentiger Klang gewährleistet ist.

Anwohner von St. Nicolai werden sich für die nächsten acht Wochen umstellen müssen. Nicht nur auf das Läuten der großen Glocke, die schon seit über einem Jahr still ist, müssen sie verzichten. Auch ihre beiden Nachbarglocken, die aus den 60er-Jahren stammen, sind seit gestern verstummt. Der Grund: Der gesamte Glockenstuhl soll in den originären Zustand zurückversetzt werden. Die Joche, bisher aus Stahl, werden durch Eichenholz ersetzt. Die Motoren werden entfernt, die Glocken sollen in Zukunft mithilfe eines Magnetantriebes betrieben werden.

Das gilt auch für die beiden kleinen Glocken oben im Dachreiter, die aus dem Jahr 1647 beziehungsweise 1672 stammen und zu den Viertelstunden läuten. Auch sie bleiben in diesen acht Wochen stumm. „Es war ein trauriger Anblick“, erklärt Bauleiter Fröhler, „in den 60er und 70er-Jahren wurde vieles einfach nur so auf die Schnelle gebaut und auf Historie nicht geachtet.“

Bevor die Glocke verladen wird, nutzen die Pastoren Manfred Adam und Ullrich Schiller sowie Küster Fritjof Behrens die Gelegenheit, das historische Stück aus nächster Nähe zu betrachten. Ganz oben am Glockenrand hat sich der Husumer Grapengeter (Glockengießer) Melchior Lucas, der die Glocke 1598 gefertigt hat, verewigt. Darunter sind die Namen der damaligen Pastoren Johannes Bostelius und Laurens Lude zu lesen. Die Namen der Honoratioren der Stadt sind ebenfalls zu erkennen: die Bürgermeister Jürgen Kremer und Jürgen Maes sowie die Rathmenne (Ratsherren) Hans Holmer, Peter Bock, Otte Buisen, Peter Mandixen und Hans Blanck. Zu den beiden Letzteren findet sich jeweils ein Epitaph in der Kirche.

Bei der Aktion entdeckte Bauleiter Fröhler, dass auch der Dachreiter saniert werden muss. Morsche Pfosten erfordern das gesamten Abtragen des Kupferdaches. Alles soll in einem Stück saniert werden. Aus diesem Grund wird in den nächsten zwei bis drei Wochen erneut ein Kranwagen auf dem Kirchplatz erscheinen, um in luftiger Höhe arbeiten zu können.

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