Open Air am Südstrand : Große Show der junggebliebenen Altstars

Der Südstrand gehörte ihr: Rockröhre Bonnie Tyler  fixte ihr Publikum an.Kühl
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Der Südstrand gehörte ihr: Rockröhre Bonnie Tyler fixte ihr Publikum an.Kühl

7500 Fans feierten beim Open Air am Südstrand die Helden ihrer Jugend: Albert Hammond, Chris Thompson, Hot Chocolate, Bonnie Tyler und Kim Wilde. Das siebenstündige Festival müsste wegen Blitzgefahr unterbrochen werden.

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06. Juli 2015, 06:21 Uhr

Eckernförde | It never rains in Southern California, Blinded by the light, You sexy thing, It’s a Heartache, Kids in America – Welthits, die jeder kennt. Die Altstars Albert Hammond, Chris Thompson, Hot Chocolate, Bonnie Tyler und Kim Wilde singen sie im Schlaf. Wie es sich anhört und anfühlt, wenn sie diese und ihre vielen anderen Erfolge in einer warmen Sommernacht und vor einer einzigartigen Meereskulisse auf der Bühne bringen, durften am Sonnabend 7500 Fans beim Radio Nora Open Air am ausverkauften Eckernförder Südstrand erleben. Den zwar in die Jahre gekommenen – die Spanne reichte von 54 (Wilde) bis 71 (Hammond)–, aber auf der Bühne jung gebliebenen Stars tat das sommerliche Meeresklima spürbar gut, sie legten durch die Bank mitreißende Auftritte hin. Sieben Stunden nonstop bis Punkt Mitternacht, nur unterbrochen von kurzen Umbaupausen und einer 50-minütigen Unterbrechung ab 21.15 Uhr, weil eine Gewitterfront heranzog und sich über dem Festivalgelände Blitze entluden. Bonnie Tyler musste ihren energiegeladenen Auftritt unterbrechen, um so intensiver ging es danach mit der Rockröhre und anschließend Kim Wilde mit einem furiosen Mitternachtsfinale weiter.

Für ein erstes rhythmisches Klatschen und anhaltendes Mittanzen im warmen Strandsand sorgt der älteste, aber wohl auch fitteste der Bühnenstars: Albert Hammond. Mit „the first green song“ „Down by the river“, in dem er die Verschmutzung der Flüsse anprangert, „Freedom come, Freedom go“ und „Little Arrows“ bringt der erkennbar durchtrainierte Senior den Südstrand in Bewegung. Hammond hat nicht nur eigene Welthits geschrieben, sondern sich auch als Songwriter durch Stücke wie „One Moment in Time“ (Whitney Houston) oder „When yo tell me that You love me“ (Diana Ross) unsterblich gemacht. Mit diesen Songs sorgt er für Gänsehaut pur, mit „I’m a train“, „Free Electric Band“ und „It never rains in southern California“ für erste Jubelstürme.


Thompson-Chöre am Südstrand


Für eine härtere Gangart sorgt anschließend Chris Thompson. Der charismatische Sänger, der einst Manfred Mann’s Earthband zu Weltruhm verhalf, scheint wie elektrisiert. Der 67-Jährige hopst, rudert mit den Armen und powert mit seiner Spitzenband, dass dem Publikum noch heißer wird. Thompson beackert gnadenlos das Mikro, presst alles aus sich heraus und verleiht Songs wie „Davy’s in the road again“ oder „If you remember me“ Ausstrahlung und Seele. Das kommt an bei den 7500, die bei „Blinded by the light“ und „Mighty Quinn“ unweigerlich zu den Thompson-Chören werden. Als es ihm anfangs noch nicht laut genug ist, sorgt er mit „That is Scheiße!“ für Motivationshilfe – es funktioniert prächtig, der Südstrand singt.

Beim Radio Nora Sommer Open Air haben die Herren den Vortritt, und so betreten um 19.15 Uhr sechs Vollprofis des Pop und der guten Laune die Bühne: Hot Chocolate. In der ersten Reihe die beiden Urgesteine und Gründungsmitglieder Patrick Olive (Bass) und Harvey Hinsley (Gitarre), zu denen auch noch Drummer Tony Connor zählt. Der freundliche dunkelhäutige Frontman Kennie Simon, der schon mit einem Dauerlächeln auf die Welt gekommen sein muss, verkörpert das happy feeling der Truppe und bringt den weißen Anzug und das Goldkettchen optisch richtig zur Geltung. Die Mundwinkel oben, die Hände ständig in Bewegung und der harmonische Klangteppich sorgen unter den Fans für mitgroovende Begeisterung. „Emma“, „No doubt about it“, „You win again“, „It startet with a kiss“ und natürlich „You sexy thing“ breiten einen warmen Harmonieteppich über dem Festivalgelände aus und sorgen für Kuschelatmosphäre.


Frauen-Power und Finale furioso


Langsam bezieht der Himmel, es wird dunkler – und dann beginnt das Donnerwetter. Zunächst nur auf der Bühne, auf der Bonnie Tyler alle Register zieht und fast schon verschwenderisch mit ihren Welthits umgeht – sie kann es sich erklauben, sie hat genug davon. Tyler hat richtig Bock auf Eckernförde, lacht und winkt viel, Reserviertheit hat keine Chance gegen ihre Power, der Funke springt sofort über, die mit Preisen und Auszeichnungen überhäufte 64-Jährige kennt keine Zurückhaltung und geht in die Vollen. Eine echte „Rampensau“ mit eindrucksvoller Reibeisenstimme, die richtig viel Spaß macht. „It’s a Heartache“, „Holding out for a hero“ und andere Hits schafft sie bis 21.15 Uhr, dann sind die zuckenden Blitze gefährlich nah, Unterbrechung. Um 22.05 Uhr geht’s weiter, Tyler wird mit Regenschirm auf die Bühne geleitet, und ohne Sentimentalitäten fetzt sie wieder los – das nicht mehr ganz komplette Publikum trägt nun vermehrt grüne Regenhaut. Mit viel Power und Stücken wie „Simply the best“, „Angel heart“ und „Total eclipse of the heart“ bringt sie ihren umjubelten Auftritt zu Ende.

Gute 5000 Fans sind geblieben, warten auf Kim Wilde. Um 22.50 Uhr sagen die Radio-Nora-Moderatoren Sophie Schneider und Volker Marczynkowski den finalen Höhepunkt an: Kim Wilde, löwenmähniger Traum ganzer Männergenerationen. Dass sie weit mehr ist als das, zeigt sie von Anfang an. Mit „Chequered love“ und „Cambodia“ packt sie die Menge. Auch wenn sie gesundheitlich wegen einer Erkältung angeschlagen ist, gönnt sie sich und ihrer Band keine Atempause, tobt über die Bühne und reagiert souverän, als plötzlich ein Paar Flip-Flops auf die Bühne segeln. Die Ansprache wirkt, danach fliegt nichts mehr außer zwei Leuchtraketen, die von der Armada an Booten vor dem Strand abgefeuert werden. Mit der Wave- und Pop-Ikone stehen auch ihre Nichte Scarlett Wilde als Backgroundsängerin und ihr Bruder Ricky Wilde an der Gitarre auf der Bühne. Die Familienbande funktioniert prächtig. „You came“ und „You keep me hangin’ on“ bilden nach knapp sieben Festivalstunden den gefeierten Schlussakkord. Wieder „Zugabe“-Rufe, und diesmal können sie erstmals erhört werden. Und da hat die Truppe noch einmal was ganz Exquistes zu bieten: ‚„Poison“ von Alice Cooper und doch noch den Megahit „Kids in America“ – 70 Minuten Kim Wilde und ein Finale furioso.

Die Leute sind restlos zufrieden. Viel Musik für 40 Euro. Und sie dürfen sich bereits jetzt auf das Radio Nora Open Air am 2. Juli 2016 freuen.

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