Eckernförder “Lesart“ in der Stadthalle : Große Kunst der Buchvorstellung

Die Literaturkritikerin und -liebhaberin Annemarie Stoltenberg stellte 20 Bücher vor.
Die Literaturkritikerin und -liebhaberin Annemarie Stoltenberg stellte 20 Bücher vor.

Literaturkritikerin Annemarie Stoltenberg stellte im Rahmen der „LesArt“-Reihe 20 ausgewählte Bücher in der Stadthalle vor. Von großen Romanen bis zu “miesen kleinen Morden.“

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26. Oktober 2018, 11:11 Uhr

Kaum zu glauben, aber es funktioniert. 20 Bücher in zwei Stunden, sechs Minuten pro Buch, darunter Schwergewichte wie die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz, „Schnee in Amsterdam“ von Bernard MacLaverty oder „Der Idiot des 21. Jahrhunderts“ von Michael Kleeberg. Das gelingt nur, wenn man richtig Ahnung hat und weiß, wie man die Bücher den künftigen Lesern in kompaktester Weise, ohne viel „Schnurkes“, dafür mit umso mehr Geist und Witz schmackhaft macht. Annemarie Stoltenberg versteht das meisterhaft. Das hat sie am Donnerstagabend in der nicht ganz ausverkauften Stadthalle vor rund 300 lesebegeisterten Zuhörer bewiesen. Und zwar zum 15. Mal. Die pfiffige und auf äußerst authentische und humorvolle Weise wortgewandte Literaturkritikerin und Journalistin aus Hamburg ist der Dauerbrenner der Eckernförder „LesArt“-Reihe der Stadtbücherei, der Stadt und der Buchhandlung am Gänsemarkt.

Dabei hatte sie einen schweren Start, weil Buchhändler Gerd Kieckbusch sie in seiner Begrüßung neben einem flammenden Plädoyer für Bücher bereits über den grünen Klee gelobt hatte und den Zuhörern eine großartige Buchvorstellung versprach. Annemarie Stoltenberg musste ob des Lobs zwar kurz schlucken, „kriegte“ sich aber wieder ein und war sofort im Film. Hochkonzentriert und trotzdem locker begann sie ihre Bücherliste von 1 bis 20 abzuarbeiten, ohne den geringsten Anflug von Zeitdruck. Sie gab routiniert das Tempo vor, stand die gesamten zwei Stunden vor dem bereitgestellten Stuhl und erzählte manuskriptlos und „frei Hand“ , was sie von den Büchern hielt. Und das war fast ausnahmslos eine ganze Menge.

Das fing schon mit Titel Nr. 1 an: Dörte Hansen, nordfriesische Autorin, beschreibt das Leben und den Strukturwandel auf dem platten Land in den 60er-Jahren mit vielen persönlichen Einwürfen und Episoden wie die Störungen des seinerzeit auf dem Land heiligen Mittagsschlafs und trifft dabei offenbar genau den Ton, der Annemarie Stoltenberg – und wohl nicht nur ihr – gefällt. Natürlich fallen der um keinen Spruch verlegenen Literaturfachfrau immer wieder persönliche Anekdoten dazu ein, mit denen sie ihre Buchvorstellungen permanent mit der richtigen Dosis zu würzen versteht.

Überraschenderweise steht mit Lenz’ „Deutschstunde“ auch ein deutscher Referenzroman auf der Bücherliste, der bereits x-mal besprochen worden ist. Annemarie Stoltenberg lobte in diesem Fall vor allem die exquisite Machart des Sonderbandes zum 50. Jahrestag der Ersterscheinung und glänzte mit Hintergrundwissen um einen Dialog der Freunde Siegfried Lenz und Marcel Reich-Ranicki. Der Kritiker-Papst mochte das Buch nicht und sagte Lenz, dass der Erfolg des Buches bei den Lesern ja wohl nichts mit dem Inhalt zu tun haben könne. Lenz’ souveräne Retourkutsche: „Ach ja, die Leser, die versteht man nie.“

Für die Zuhörer ist es eine Freude, dem Aktivposten zwischen den beiden Bücherstapeln zuzuhören. Sie spüren sofort, dass Annemarie Stoltenberg ihnen ehrlich und offen ihre wahre Meinung über die Werke und die Autoren sagt. Sie ist fast durchweg begeistert von der Qualität und dem Einfallsreichtum der Geschichten, der gewählten Sprache, den Verstrickungen, Romanzen und Abgründen der Figuren, die sich in nahezu allen Romanen wiederfinden. Ein Füllhorn menschlicher Existenzen, fein aufgeschrieben von exzellenten Autoren. Stoltenbergs Herbstbuchliste 2018 überzeugt allein durch ihre Auswahl: Bestsellerautoren wie die sie im öffentlichen Auftreten manchmal nervende, weil allzu selbstbewusst und -gefällig auftretende Juli Zeh, der für sie permanent auf Nobelpreis-Niveau schreibende Michael Ondaatje, der mit „Der englische Patient“ berühmt geworden war und nun mit „Kriegslicht“ einen neuen, faszinierenden Roman verfasst hat, oder Timur Vermes, der nach der Hitler-Groteske „Er ist wieder da“ mit „Die Hungrigen und die Satten“ einen weiteren Erfolgsroman geschrieben hat. Ein Flüchtlingsstrom mit 150 000 Menschen, eine sexy TV-Reporterin und ein homosexueller CSU-Politiker spielen darin die Hauptrollen. „Beim Lesen stockt einem der Atem“, so Stoltenberg. Auf ihrer Hitliste waren auch „echte Entdeckungen“ wie Gerd Zahners Kriminalroman „Goster“ oder „Wer die Goldkehlchen stört“ vom Norweger Levi Henriksen.

Literarisch-elegant entstieg Annemarie Stoltenberg anschließend auch dem Fettnäpfchen, in das sie mit der Anrede „liebe Bürger von Schleswig“ in der Eckernförder Stadthalle getreten war. Ihre profunden Kenntnisse, in diesem Fall das Beispiel einer Verwechslung von Dostojewski und Solschenizyn durch einen von ihr interviewten deutschen Benimm-Experten, halfen ihr dabei. Auch dieses Live-Erlebnis war Teil eines in jeder Hinsicht bemerkenswerten literarischen Abends.

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