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Konsum zu Weihnachten : „Glaube und Geschäft könnten sich ganz gut vertragen“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Im Interview spricht Sönke Funck, Propst aus dem Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde, über Weihnachten, den Glauben und die vielen Facetten des Festes.

An den Weihnachtstagen werden die Kirchen vermutlich wieder gut besucht sein – auch von Leuten, die im übrigen Jahr nicht kommen. Sehen Sie das eher mit Freude oder mit Bedauern?
Mit großer Freude!

Warum kommen so viele Menschen ausgerechnet zum Weihnachtsfest in die Kirche?

Ich denke, weil viele Menschen spüren, dass sie – trotz aller eigenen Vorbereitungen für das Fest – selbst bedürftig sind nach Hoffnung, Liebe und Frieden. Das ist die frohe Botschaft der Heiligen Nacht. Auch wenn im Alltag der Glaube oft keine große Rolle mehr spielt, Weihnachten suchen wir Zuflucht an dem Ort, wo diese Botschaft alle Jahre wieder gesagt wird in der Weihnachtsgeschichte, in den Liedern und Gebeten. So ist es gute Tradition, Heiligabend zum Gottesdienst in die Kirche zu gehen.

Viele Menschen stören sich an der Kommerzialisierung von Weihnachten, etwa an Lebkuchen schon im September: Vertragen sich Glaube und Geschäft?
Die Kommerzialisierung ist das eine. Nach meinem Eindruck macht sie vor keinem Fest oder Anlass des Jahres mehr halt. Ob Ostern, Valentinstag, Konfirmation oder Einschulung – das Kaufen und Schenken steht sehr im Vordergrund. Wobei ich gegen das Schenken und Beschenktwerden gar nichts habe, es ist ja eine schöne Geste, mit der ich meine Zuneigung für einen anderen Menschen ausdrücken kann. Und genauso freue ich mich, wenn jemand mit einem Geschenk liebevoll an mich denkt.
Manche wissen gar nicht mehr, was Anlass und Inhalt der Feste im Jahreskreis sind. Und viele können in dem Konsumrausch mit all seiner Werbung auch nicht mehr mithalten und schämen sich dafür. Diese Entwicklungen bereiten mir große Sorge. Das andere ist, dass wir es in unserer Gesellschaft verlernen, auf etwas zu warten. Alles muss jetzt und sofort verfügbar sein, der Rhythmus vom Jahreslauf mit seinem Auf und Ab scheint da die persönliche Entfaltung nur noch zu stören. Dahinter verbirgt sich eine Lebenseinstellung, die viele Probleme bei uns und weltweit schafft.
Glaube und Geschäft könnten sich ganz gut vertragen und sind gemeinsam dem Leben zuträglich, wenn sie nicht ständig gegeneinander ausgespielt und in Konkurrenz gesetzt würden. Zum Beispiel diskutieren wir heute schon wieder über die Begrenzung der stillen Feiertage. Da läuft etwas richtig schief in der Gesellschaft, wie ich finde.

Wie verbringen Sie das Fest? Bleibt genug Zeit für Privates?

In meiner Zeit als Gemeindepastor hatte ich regelmäßig vier Gottesdienste an Heiligabend. Ich ging gegen 13 Uhr aus dem Haus, kam zwischen 19 und 21 Uhr kurz nach Hause, und musste dann aber auch schon wieder los zum Gottesdienst in der Christnacht. Viel Zeit für Privates blieb da nicht, Weihnachten war dann mit der Familie immer erst am 25. Dezember. Jetzt als Propst habe ich in St. Nicolai einen Gottesdienst am Nachmittag, und wir genießen es sehr, auch den Heiligabend selbst gemeinsam zu begehen: Mit dem Gottesdienst, einem schönen Essen, und dann der Bescherung unter dem Christbaum. Die Kinder sind ja groß, die können so lange warten.

Kam es schon mal vor, dass Sie Heiligabend gemütlich zu Hause saßen und keine Lust mehr hatten, noch in die Kirche zu gehen?
Na ja, die Frage stellt sich nicht wirklich. Heiligabend ohne Gottesdienst ist für mich nicht vorstellbar. Aber in den Gottesdienst zur Christnacht kann ich mich manchmal nicht mehr aufraffen, das gebe ich zu.

Für viele ist Weihnachten der Höhepunkt des Jahres. Auch für Sie als Propst?

Als christliches Fest ist Heiligabend, die Geburt Jesu, ja nicht der höchste Feiertag, jedenfalls nicht richtig zu verstehen ohne Karfreitag und Ostern. Dass Gott zur Welt kommt und mir als Mensch ganz menschlich nahe ist, dazu gehören neben der Freude über die Geburt eben auch die dunklen Dimensionen des menschlichen Lebens: Leid und Not, Schmerz und Tod. Der Karfreitag zeigt uns, dass Gott selbst höchstes Leid kennt und auch da nicht fern von mir ist. Und Ostern feiern wir, dass diese Seite des Lebens nicht Gottes letztes Wort ist, sondern dass wir Hoffnung auf Auferstehung zum Leben haben dürfen. Ich finde es immer wieder wichtig, die Weihnachtsbotschaft nicht allein zu hören, sondern im Zusammenhang mit den anderen christlichen Festen.

Mit welchen Themen wollen Sie die Menschen speziell in diesem Jahr erreichen?

Mir persönlich geht es so wie vermutlich vielen Menschen. Diese Welt scheint immer mehr aus den Fugen zu geraten, wird unübersichtlicher, und vieles, was geschieht, ist einfach nicht zu verstehen. Gerade in der Flüchtlingskrise wurde das in diesem Jahr deutlich. Jetzt kommen Menschen zu uns, weil ihre Heimatländer nicht mehr sicher, nicht mehr lebenswert sind. Und das verändert nun auch direkt unser eigenes Leben. Davor haben inzwischen manche Menschen Angst, gerade die, die es selbst nicht leicht haben.

Es ist in den vergangenen Monaten viel von den westlichen, auch christlich-abendländischen Werten geredet worden. Zu denen gehört auch die Botschaft von Weihnachten: „Fürchtet euch nicht! Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen!“ Darüber möchte ich predigen, mir selbst diese Worte sagen lassen und nachdenken, was sie für mein Leben konkret bedeuten können. Und für das Leben aller anderen Menschen – auch der Flüchtlinge, die hier bei uns Schutz und Sicherheit suchen.

Warum wird zum Fest der Liebe so oft gestritten?
Vielleicht, weil an diesem Tag all unsere Sehnsucht und Bedürftigkeit nach Frieden und Liebe so greifbar und anschaulich wird. Und zugleich, wie wenig davon Wirklichkeit ist. Ob in Partnerschaft, Familie oder in Politik und Gesellschaft: Es gibt unterschiedliche Bedürfnisse, viel Unfrieden, Ungerechtigkeit und Not. Dann bricht der Kontrast manchmal schmerzlich auf.

Welches ist Ihr liebstes Weihnachtslied?
Es gibt eigentlich zwei: „Ich steh an deiner Krippen hier“ von Paul Gerhardt in der Vertonung von Johann Sebastian Bach, und „O du fröhliche“. Das singe ich aber ausschließlich an Heiligabend, am Ende des Gottesdienstes.

Wer darf bei Ihnen zu Hause den Baum schmücken?

Früher, als die Kinder noch klein waren, haben meine Frau und ich den Baum allein geschmückt. Wenn dann alles vorbereitet war und am Baum die (echten!) Kerzen brannten, wurde ein Glöckchen geläutet und die Tür zum Wohnzimmer geöffnet. In den letzten Jahren haben unsere Kinder immer wieder einmal beim Schmücken mitgeholfen – wenn sie denn da waren.

Welches Weihnachtsfest werden Sie nie vergessen?

Die jeweils ersten Weihnachtsfeste mit unseren Kindern sind mir schon in besonderer Erinnerung geblieben. In diesem Jahr ist nun zum ersten Mal unser großer Sohn aus dem Studium über Weihnachten nach Hause gekommen, das ist auch besonders schön.

Eine kulinarische Frage: Was kommt bei Propst Funck an den Weihnachtstagen auf den Tisch?
Es wird wieder eine Pute geben.


 

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erstellt am 23.Dez.2015 | 16:40 Uhr

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