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Lesung mit Musik : Geschichten einer Überlebenden

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Esther Bejarano war zu Gast im Gymnasium Altenholz. Die 91-Jährige überlebte das Vernichtungslager Auschwitz.

Altenholz | „Ein russischer Soldat stellte ein Hitlerbild mitten auf den Marktplatz und zündete es zusammen mit einem amerikanischen Soldaten an. Das Bild brannte lichterloh, die Mädchen aus dem KZ tanzten – und ich spielte Akkordeon. Ein Bild, das ich nie vergessen werde“, so schloss Esther Bejarano ihre Lesung vor gut 500 Schülerinnen und Schülern im Forum des Gymnasiums Altenholz am Donnerstagabend und bezeichnete diesen Moment nicht nur als ihre Befreiung vom Hitlerfaschismus, sondern auch als ihre zweite Geburt.

Esther Bejarano, 1924 in Saarlouis geboren, ist eine der letzten bekannten Überlebenden des Mädchenorchesters des Vernichtungslagers Auschwitz – eine kleine und zierliche Dame, die aber, wenn es um ihre Sache geht, auch mal laut werden kann. Seit Jahren hält sie Lesungen vor Publikum, überwiegend vor jungen Menschen, damit das, was sie erlebt hat, sich niemals wiederholt. Bei ihrer Lesung am Donnerstag berichtete sie über das Grauen in Auschwitz, ihre Erniedrigungen, die Erlebnisse im Mädchenorchester sowie ihre anschließende Zeit im Straflager Ravensbrück und die damit verbundene Arbeit bei Siemens. Sie beschrieb die Flucht, die ihr zusammen mit sechs anderen Leidensgenossinnen auf einem Transport gelang und die eingangs geschilderte Szene auf einem Marktplatz – in den Schülerreihen waren dabei ausnahmslos ernste, nachdenkliche Gesichter zu sehen. Die Jugendlichen waren von den Erzählungen der 91-Jährigen, die deutsche Geschichte auf grausame Art am eigenen Leib erfuhr, sichtlich betroffen. Das aber löste sich beim zweiten Teil des Abends. Seit 2009 steht Esther Bejarano auch zusammen mit ihrem Sohn Joram Bejarano und Kutlu Yurtseven von der 1989 gegründeten Hiphop-Band Microphone Mafia auf der Bühne. Und so wurden auch in Altenholz traditionelle jüdische Lieder, Lieder von Brecht und andere gespielt und gesungen, wobei die Sprachpalette von Jiddisch und Hebräisch über Französisch und Italienisch bis Türkisch reichte. Damit es bei Jugendlichen ankommt, war es aufgepeppt als Rap oder Hiphop. Das Publikum wurde einbezogen und animiert mitzumachen und mit teils humorvoller Moderation sorgte Kutlu Yurtseven für Lacher bei den Gästen.

„Das Interessante an der Gruppe ist“, so Esther Bejarano im Gespräch, „dass wir drei Generationen und drei Religionen vertreten und zeigen, dass man mit anderen Kulturen gut auskommt“. Über 300 Konzerte haben sie seit 2009 gegeben und kommen sowohl beim jungen als auch beim älteren Publikum gut an. „Den Älteren ist es manchmal nur etwas zu laut“, so Esther Bejarano lächelnd.

Entstanden war die Zusammenarbeit mit Microphone Mafia seinerzeit durch ein Projekt des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), der eine CD mit antifaschistischen Liedern erstellen wollte, welche an Schulen abgegeben werden sollte – als Gegenpol zu den vor Schulen verteilten rechtsextremen CDs. „Eine CD gegen Nazis? Da war klar, dass ich da mitmache“, so die 91-Jährige. Befragt zur aktuellen Situation und zu dem, was dumpfe Sprüche von Pegida oder auch der AfD bei ihr auslösen, sagte Esther Bejarano, dass sie es für furchtbar, für ganz schlimm halte. „Es erinnert mich an die Vergangenheit und ich halte das für sehr bedenklich – ich fühle mich nicht wohl dabei“, so Esther Bejarano, die auch die AfD für sehr gefährlich hält. „Dort sammeln sich Leute, zum Teil aus der Mitte der Gesellschaft, die dieses Gedankengut schon immer hatten und es jetzt auch aussprechen“, ist Bejarano überzeugt. Umso wichtiger, dass es auch weiterhin Menschen wie Esther Bejarano gibt, die dafür sorgen, dass das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte nicht in Vergessenheit gerät, Menschen, die weiterhin unermüdlich mahnen und warnen.


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