Gerechtigkeit für Tabakabhängige

Dr. Ulf Ratje ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakfoschung.
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Dr. Ulf Ratje ist stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakfoschung.

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30. Mai 2014, 11:46 Uhr

„Wer raucht, ist selbst schuld“ – so die landläufige Meinung. Doch nicht alle sind damit einverstanden, auch nicht Dr. Ulf Ratje, erst recht nicht am heutigen Weltnichtrauchertag: „Wer als Kind zum Raucher wird, ist sicherlich nicht dafür verantwortlich“, sagt der niedergelassene Allgemeinmediziner. „Tabakabhängigkeit ist eine Sucht und damit eine Krankheit.“ Als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Nikotin- und Tabakforschung kämpft er dafür, dass das auch Politik und Krankenkassen so sehen.

Denn Präventionskurse für Raucher, bei denen sich noch keine Beeinträchtigungen zeigen, werden zu einem Großteil von den Krankenkassen bezahlt. Dagegen müssen starke Raucher mit gesundheitlichen Schädigungen ihre Entwöhnungstherapien selbst bezahlen. Der Grund: Im ersten Fall gelten die Betroffenen nicht als abhängig, im zweiten dagegen schon, und da ist Prävention fehl am Platze. Ulf Ratje nennt das verfassungswidrig, schließlich werden auch Entwöhnungstherapien für Alkoholabhängige unterstützt. „Aber das musste vor dem Bundessozialgericht erstritten werden.“

So weit ist der Arzt noch nicht, aber er arbeitet daran. Denn Ulf Ratje betreut sechs Patienten, die starke Raucher sind und die gerichtlich gegen die Weigerung der Krankenkassen, die Kosten für den Entzug zu übernehmen, vorgehen. Vor zwei Jahren haben sie an den Sozialgerichten in Kiel und Schleswig Klage eingereicht, nach den Sommerferien wird mit den ersten Verhandlungstagen gerechnet. Ulf Ratje hofft, dass das Verfahren direkt an das Bundesverfassungsgericht abgegeben wird.

Warum die Behandlung der Tabakabhängigkeit bislang nicht von den Krankenkassen übernommen wird, hat laut Ratje mehrere Gründe: Zum einen würden sich die Raucher selbst nicht als krank empfinden, bis ernsthafte Schädigungen auftreten, zum anderen hat seiner Meinung nach der Staat selbst kein Interesse daran, die Abhängigkeiten zu lindern, nimmt er durch die Tabaksteuer doch jährlich 14 Milliarden Euro ein. „Und so zynisch es klingt: Auch die Rentenkassen profitieren von einem früheren Tod der Abhängigen“, so Ratje. Nicht zuletzt sei die Einsicht der Gesellschaft, dass es sich bei der Tabakabhängigkeit um eine behandlungsbedürftige Erkrankung handelt, noch nicht ausreichend vorhanden.

Dabei ist Rauchen eines der größten Gesundheitsprobleme in Deutschland: Jedes Jahr sterben über 100 000 Bundesbürger an den Folgen des Rauchens. Ulf Ratje: „: „Das sind mehr Todesfälle als durch Alkohol, illegale Drogen, Verkehrsunfälle und Selbstmorde zusammen .“

>Zur Unterstützung ihrer Arbeit ist die Gesellschaft auf Spenden angewiesen. Weiteres unter www.dgntf.de oder per E-Mail an: ratje@dgntf.de.

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