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Eckernförder Zeitung

23. Oktober 2017 | 21:48 Uhr

Interview : Gemeinsam zu mehr Attraktivität

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Unternehmer Gero von Gersdorff spricht über die Situation der Gettorfer Innenstadt, die Lage im Baugewerbe und den Betriebsübergang

Gettorf | Generationswechsel im Gettorfer Bauunternehmen Christian Jöhnk. Im vergangenen Jahr hat der 29-jährige Bauingenieur Gero von Gersdorff den traditionsreichen Familienbetrieb in siebter Generation von seinem Vater Hans-Joachim Graf von Gersdorff übernommen. Das Unternehmen, am 28. April 1841 von Hinrich Friedrich Jöhnk gegründet, feiert im kommenden Jahr sein 175-jähriges Bestehen. Mit einer seit Jahren etwa gleichbleibenden Zahl von rund 40 Mitarbeitern baut die Firma 45 bis 50 Wohneinheiten – Einfamilienhäuser, Doppelhäuser und Eigentumswohnungen – pro Jahr in der Region.

Herr von Gersdorff, im vergangenen Jahr haben Sie die Gettorfer Baufirma Christian Jöhnk von Ihrem Vater übernommen. Wie ist das?
Es ist ein gutes Gefühl. Auch dadurch, dass mein Vater noch im Unternehmen ist. Seine fast 40-jährige Berufserfahrung ist einfach nicht so schnell zu ersetzen. Erfahrung, die man braucht, damit Abläufe funktionieren, für die Technik und den Umgang mit den Menschen. Auch wenn sich in unserer Branche ständig etwas ändert. Ich habe das Glück, dass mein Vater den Wechsel im Unternehmen so frühzeitig angegangen ist. Es war für alle Beteiligten klar, dass die Nachfolge geregelt ist.
Ihr Vater ist weiterhin im Unternehmen tätig. Wie haben Sie sich die Aufgaben aufgeteilt?
Wir arbeiten völlig parallel. Zurzeit sehe ich meinen Schwerpunkt in der Vorbereitung der Bauvorhaben. Aber ich muss jeden Tag alles überprüfen und flexibel sein. Wenn man sagt, ich mache es die nächsten zehn Jahre wie gehabt, hat man verloren.
So ein Generationswechsel in einem Familienunternehmen verläuft nicht immer ohne Konflikte. Die junge Generation hat neue Ideen. Wie ist das bei Ihnen?
Natürlich verläuft es nicht ohne Konflikte. Wenn ich neue Ideen habe, die Technik oder die Produktion umstellen, ein neues Segment aufbauen oder Veränderungen beim Personal vornehmen möchte, versuche ich das meinem Vater zu verkaufen. Ich bin ihm ja auch etwas schuldig. Ich denke zum Beispiel, wir sollten uns breiter aufstellen in den Entwürfen, was den Stil der Häuser angeht. Aber er ist da sehr offen. Und ganz am Ende muss ich ohnehin dafür einstehen.
Die Zinsen sind zurzeit niedrig, das soll angeblich auch noch so bleiben. Gute Zeiten, um zu bauen?
Rein finanziell ist es günstig. Aber die Situation verführt auch, das eigene Budget auszureizen, zu übertreiben. Die Vergangenheit hat gezeigt, bei hohen Zinsen wurde auch gebaut. Aber da gingen die Leute mit spitzem Bleistift an die Sache heran. Heute wollen die Kunden mehr Fläche und eine hochwertige Einrichtung. Eine Küche für 25  000 Euro wird da schon mal beauftragt. Aber ich sehe auch, wie sicher die Banken und Kunden dennoch finanzieren. Und wir vertreten die Auffassung, dass wir unsere Kunden ordentlich beraten wollen. Das ist mein Interesse.
Wesentliche gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen beim Bauen sind der sorgsame und nachhaltige Umgang mit Energie und Hausautomatisierungen. Wie weit sind Sie da?
Auch da müssen wir flexibel sein. Die Energieversorgung ist abhängig vom Standort. Das sollte unter dem Aspekt Kosten und Nutzen ganz nüchtern betrachtet werden. Wenn Emotionen mit hineinspielen, verfälscht sich das. Je geringer der Verbrauch sein soll, desto höher sind die Anschaffungskosten. Die Investition sollte sich nach zehn, zwölf Jahren rechnen. Hier lohnt sich Geothermie, da Solarthermie, Fernwärme, Pellets oder dennoch Gas. Technisch finde ich alles faszinierend. Schon allein aus der Perspektive meiner Generation, muss es mein Interesse sein, jegliche Form von Energie zu sparen.
Und Hausautomatisierung?
Ich persönlich bin froh, wenn das Licht angeht, wenn ich auf den Schalter drücke. (lacht) Aber es gibt die tollsten Möglichkeiten. Ein Kunde etwa lässt sich in sein Ferienhaus eine Funktion einbauen, über die sich der Saunaofen vom Auto anschalten lässt und die Heizung, damit es warm ist, wenn er an-kommt. Es ist auch keine Zukunftsmusik mehr, dass die Waschmaschine mit der Solarbatterie kommuniziert und nur angeht, wenn ein Überschuss da ist oder die Sonne scheint. Das ist schon faszinierend. Etwa fünf bis zehn Prozent der Kunden fragen danach.
Sehen Sie noch andere Herausforderungen?
Die Ansprüche der Kunden insgesamt sind gestiegen, was die Beratung, die Qualität und die Ausstattung der Häuser angeht. Vieles, was früher Luxus war, ist heute selbstverständlich. Die Leute sind informiert, kommen mit Vorschlägen aus dem Internet, wobei die Quellen sorgfältig geprüft werden sollten und nicht Fragmente aus dem Zusammenhang gerissen werden dürfen. So gut wie möglich zu sein, den Anspruch haben wir immer. Firma Jöhnk ist zertifiziert mit dem Qualitätssiegel „Meisterhaft fünf Sterne“, eine Initiative der Bauwirtschaft, und vom Verband Wohnsiegel Das Europäische Markenhaus, eine Verbraucherschutzplattform für Bauherren. Von beiden Institutionen werden wir laufend geprüft.

Als großer Arbeitgeber mit regionalen Partnerfirmen ist Ihre Baufirma ein wirtschaftliches Schwergewicht vor Ort. Wie beurteilen Sie die aktuelle Entwicklung in Gettorf?
Gut. Aber Gettorf ruht sich zu sehr darauf aus, dass man nach Gettorf zieht. Ein Großteil der Bewohner schläft hier bedauerlicherweise nur. Die Infrastruktur ist gut, auch wenn es ein Problem mit der Kinderbetreuung geben wird. Wir haben 15  000 Menschen im Einzugsgebiet. Da wäre es gut, wenn die Bürger auch die Versorgungsinfrastruktur von Handel, Dienstleistung und Gewerbe besser nutzen würden. Der Handels- und Gewerbeverein unternimmt nach seinen Möglichkeiten alles, um die Attraktivität zu steigern. Die Anpassung der Rahmenbedingungen plätschert jedoch so vor sich hin. Verbessern kann sich nur etwas, wenn etwas in Anspruch genommen wird.
Als Ihre Firma 2011 das Wohn- und Geschäftshaus in der Eichstraße baute, keimte Hoffnung auf, dass dadurch mehr Leben in den Ortskern einzieht. Doch bis heute tut sich kaum etwas. Haben Sie eine Idee?
Über 90 Prozent der Fläche wird genutzt, somit wurde augenscheinlich die Nachfrage bedient. Als Bauunternehmer muss ich mit meiner Leistung auf dem freien Markt bestehen, das wird oftmals vergessen. Das Objekt in der Eichstraße ist durchaus geprägt von der Verantwortung, etwas für unseren Ort zu tun. Aber das Umfeld könnte attraktiver sein. Von einem verantwortlichen Ansprechpartner, der sich professionell um diese Belange kümmert, verspreche mir, dass dieser ungeschönt äußert, wenn etwas nicht mehr dem Zeitgeist entspricht. Zusätzlich liegt es an jedem einzelnen Ladeninhaber, Vermieter, nachhaltig zu handeln, wobei der Begriff inflationär missbraucht wird. Von Subventionen halte ich nichts. Wenn jeder im Kleinen bei sich anfängt, wird auch das nächste Größere besser. Und wenn alle mitmachen, wird auch das Umfeld besser.

 




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