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syrische flüchtlinge : Gefangen zwischen zwei Welten

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Sechs syrische Flüchtlinge sind zurzeit im Schulweg untergebracht. Ihre Odyssee führte sie mit illegalen Schleuserbanden durch mehrere europäische Länder. Drei Eckernförder helfen ihnen ehrenamtlich dabei, sich zurechtzufinden.

Drei Gewehrkugeln bohrten sich in Yasers Körper: eine durchschlug seine linke Hand, eine seinen rechten Unterarm, die dritte seinen Oberkörper. Der Telekom-Elektriker war in seiner Heimatstadt Damaskus auf dem Weg zur Arbeit, als plötzlich das Feuer eröffnet wurde. Jetzt ist er einer von bislang sechs syrischen Flüchtlingen, die in Eckernförde unterkommen.

Der Angriff ist über ein Jahr her. Mit seiner Frau und seinem Sohn wollte der 43-Jährige danach aus dem bürgerkriegsgeschüttelten Syrien zu seiner Schwester nach Schweden fliehen, doch zu gefährlich war die Reise für Frau und Kind. Yaser floh allein mit der Absicht, seine Familie nachzuholen, wenn er in Schweden ist. Das war der Beginn einer monatelangen Tortur. 7000 Dollar zahlte er einer illegalen Schleuser-Bande, mit deren Hilfe er unter Einsatz seines Lebens und unter menschenunwürdigen Bedingungen über Libanon, Türkei, Griechenland, Italien, Belgien und Dänemarkt nach Schweden kam – inklusive mehrerer Gefängnisaufenthalte. Drei Monate verbrachte der Kriegsflüchtling bei seiner Schwester, bis er ausgewiesen wurde und in Deutschland landete.

41 Flüchtlinge soll Eckernförde in diesem Jahr aufnehmen, 22 – zumeist Spätaussiedler aus Kasachstan – sind schon da, auch Yaser und fünf weitere Syrer. Vor zwei Monaten kamen sie in den Obdachlosenunterkünften in der Ostlandstraße unter, wo sich Monika Ipsen und Maria Zouaiter um die Ankömmlinge kümmerten. Als Mitglieder des Sozialausschusses hatten die Bürger-Forums-Politiker – auch Rolf Zimmermann – von den Flüchtlingen gehört und gleich den Kontakt gesucht. „Es reicht nicht, ihnen einfach Geld zu geben und zu sagen: Jetzt seht zu, wie Ihr zurechtkommt“, sagt Monika Ipsen. Deshalb plädiert sie für einen Flüchtlingsbeauftragten und will einen entsprechenden Antrag in den Sozialausschuss einbringen.

Tatsächlich stellten neben den Sprachproblemen ganz andere Dinge Hürden dar: Allein die Nahrungsmittel in den Supermärkten sind ihnen unbekannt. Ganz zu schweigen die Zuständigkeiten bei einer ärztlichen Behandlung. „Das ist schon für einen Deutschen schwierig“, sagt Maria Zouaiter, die mit Yaser schon in mehreren Krankenhäusern in Hamburg und Schleswig-Holstein war. Sie hat einige Jahre im Libanon gelebt, spricht fließend Arabisch und ist deshalb eine große Hilfe.

Zunächst hat sich die helfende Troika dafür eingesetzt, dass die Flüchtlinge in die leer stehenden Häuser am Schulweg umziehen. Das Nötigste wie Handtücher, Bettwäsche und Töpfe haben sie besorgt. Dort leben die sechs Syrer nun, die in ihrer Heimat alle respektable Persönlichkeiten darstellen: Behördenangestellter, Elektriker, Student. Sie haben ihre Familien zurückgelassen in dem Glauben, dass sie sie sofort holen können, sobald sie in Europa eine Aufenthaltsgenehmigung haben – weit gefehlt. Zunächst muss ihrem Antrag auf Asyl stattgegeben werden, sie eine Arbeit und ein Einkommen haben.

Die Familie nicht bei sich zu haben, ist ihre größte Sorge, und nicht zu wissen, wie das Asylverfahren ausgehen wird. Arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht, solange sie keine Arbeitsgenehmigung haben – auch keine Gefälligkeitsjobs übernehmen. Der Kontakt zu ihren Familien über Handys ist eine reine Kostenfrage. 324 Euro erhalten sie im Monat zum Leben.

Ihre Unterkunft ist kahl. Es gibt keine arabischen Bücher, keinen Fernsehempfang, keinen Internetanschluss. Kochen können sie, spazierengehen und Fahrradfahren. Bei Regen herrscht Langeweile.

Dabei wollen sich die Flüchtlinge einbringen, sind dankbar für Kontakt. Und: Sobald der Krieg in Syrien vorbei ist, wollen sie wieder zurück. „Sie haben dort ihre Existenzen“, sagt Maria Zouaiter.

>Wer sich engagieren oder spenden möchte kann sich an Monika Ipsen, Tel. 04351/45443 wenden.

 

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erstellt am 22.Mai.2014 | 05:34 Uhr

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