zur Navigation springen

aus dem Gericht : Geburt der Tochter lässt Drogenabhängige umdenken

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Eine 23-Jährige ist wegen 88-fachen Drogenhandels zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Sie konnte glaubhaft machen, dass sie ihr Leben ändern will. Erst im September ist sie Mutter geworden.

shz.de von
erstellt am 03.Jan.2014 | 06:36 Uhr

Die Angeklagte passte so gar nicht in das Bild der Heroinabhängigen: gepflegtes Äußeres, gewählte Ausdrucksweise. Doch Richter Tiedemann am Eckernförder Schöffengericht kannte die 23-Jährige aus früheren Verhandlungen und wusste: Eine Unbekannte in der Eckernförder Szene ist sie nicht. Gestern musste sie sich wegen Drogenhandels in 88 Fällen verantworten.

Von Ende Januar bis Ende April 2012 hatte die Angeklagte in Kiel und Eckernförde alle zwei bis drei Tage Heroin in kleinen Mengen gekauft, zum Teil selbst gestreckt und gewinnbringend wieder verkauft, um ihre eigene Sucht zu finanzieren. Auch mit Marihuana hat sie gehandelt. Die Rolle des Dealers war dabei neu für sie, schließlich hatte ihr Freund bis dahin den Handel in der Hand. Doch nachdem dieser ins Gefängnis wanderte, half sie sich selbst und bediente die Stammkundschaft.

Drei Monate lang ging das auch gut, doch dann erhielt die Polizei einen Tipp und vernahm die Beschuldigte. Und die erzählte freimütig von ihrer Situation, ohne allerdings Informationen über ihre Kunden oder ihre Händler preiszugeben. Die Anklage gegen sie basierte demnach auch nahezu ausschließlich auf ihren eigenen Aussagen.

Auch in der Verhandlung zeigte sie sich kooperativ und schilderte, wie ihr Leben verlaufen war: Die ersten sechs Jahre bei der Großmutter aufgewachsen, hatte sie mit 16 ihre erste eigene Wohnung. Nach dem Realschulabschluss begann sie eine Lehre zur Kfz-Mechatronikerin, brach sie aber ab. Sie hat keinen Kontakt zu ihrer Mutter, ebenso nicht zu zwei ihrer drei Halbgeschwister. Kontakt zu Marihuana bekam sie im Alter von 12 oder 13 Jahren. Es folgten Kokain und Heroin. Aus gesundheitlichen Gründen ist sie arbeitsunfähig. Im September 2012 begab sie sich in die Obhut der „Brücke“ und entgiftete, lebte unter Betreuung in einer Wohngemeinschaft. Im Oktober 2013 brachte sie eine Tochter zur Welt. Nach der Geburt wurde sie rückfällig, entzog aber im November erneut. Ihre Tochter wird zurzeit in der Kieler Uniklinik betreut. Weil die Angeklagte während der Schwangerschaft Substitute erhielt, muss der Säugling nun zunächst entgiftet werden. In zwei Wochen soll er entlassen werden. Dann möchte die junge Mutter mit ihrem Kind in einer anderen betreuten Einrichtung leben. Kontakt zum Vater hat sie nicht, ist in einer neuen Beziehung.

Die Staatsanwältin sah unter anderem die umfangreichen Aussage der Angeklagten als strafmildernd an. Ohne diese wäre das ganze Ausmaß ihrer Taten gar nicht ans Licht gekommen. Unter Einbeziehung von noch ausstehenden Strafen früherer Delikte forderte sie eine Gesamt-Freiheitsstrafe von einem Jahr und sieben Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Die Verteidigung forderte ein Jahr und zwei Monate.

Das Schöffengericht verurteilte die Angeklagte zu einem Jahr und vier Monaten auf drei Jahre Bewährung. Zusätzlich muss sie sich um eine Langzeit-Drogentherapie bemühen. Richter Tiedemann stellte eine positive Prognose aus: Besonders die Geburt des Kindes, das die junge Frau jeden Tag in Kiel besucht, lasse ihn nicht an der Absicht der Frau zweifeln, ihr Leben zu ändern. „Sie dürfen aber das Kind nicht mit Hoffnungen überfrachten“, sagte er. Ein Kind sei nicht der Ausweg aus allem. Wichtig sei es, dass sie sich von ihrem früheren Leben abgrenze.

zur Startseite
Karte

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen