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Fussball-WM : Fünf Wochen, die unvergessen bleiben

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Florian Hebbel aus Altenholz berichtete als erster Reporter im Rollstuhl im Auftrag des DFB aus Brasilien

von
erstellt am 08.Aug.2014 | 06:00 Uhr

„Unvergesslich.“ Mit einem einzigen Wort fasst Florian Hebbel die fünf Wochen zusammen, die er als einer von 120 Journalisten aus Deutschland direkt von der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien berichtete. Als erster und einziger Reporter im Rollstuhl hat er ein Stück Geschichte im DFB geschrieben (EZ vom 3. Juni). Während die Spieler der Nationalmannschaft nach und nach aus dem Urlaub zurückkehren und sich langsam, aber sicher auf die nächste Saison vorbereiten, verfasst der Altenholzer seine letzten Blogs zur WM. „So ganz hab ich noch nicht begriffen, dass ich etwas erlebt habe, worum mich jeder hier beneidet“, sagt der 27-Jährige und denkt vor allem an das Endspiel in Rio.

3350 Fotos und 100 Filmminuten hat Hebbel, Diplom-Psychologe in der Ausbildung zum Psychotherapeuten und Autor für das Magazin Barrierefrei, mitgebracht. Sie dokumentieren zum einen das sportliche Großereignis, zum anderen, wie gut das Land für Menschen mit Handicap zu bereisen ist. „Ich wollte umfassend über die Nationalelf berichten, aber das ging nicht“, erzählt Hebbel. Schnell musste er erkennen, dass er das als Ein-Mann-Team gar nicht leisten konnte. Außerdem habe sich die Mannschaft rar gemacht. Zu ihrer Unterkunft, dem Campo Bahia in Santo André, habe die Presse keinen Zutritt gehabt. „Das DFB-Konzept hieß Fokus und Konzentration – der Fußballbund macht die Pressearbeit, die Mannschaft konzentriert sich aufs Spiel“, erklärt Hebbel. Nicht nur er, auch erfahrene Medienvertreter hätten sich mehr erhofft. Doch ein Interview bekam er – mit Torwarttrainer Andy Köpke. Ein Grund zu großer Freude für Hebbel. Stand er doch bis zu seinem Badeunfall und der folgenden inkompletten Querschnittslähmung selbst im Tor und hatte es bis in die Landesauswahl geschafft, wo er das selbe Trikot trug wie einst Köpke. Auch Monika Lierhaus traf er im Pressezentrum, erntete Worte der Anerkennung, dass er aus einem anderen Blickwinkel von dem Großereignis berichtet.

Während die Fifa für den Reporter im Rollstuhl alles möglich machte und ihm bei den Spielen drei Begleiter an die Seite stellte, sah es abseits der Stadien wesentlich schlechter aus für Menschen mit Handicap. Viele Busse waren mit einem Rollstuhlzeichen beklebt, konnten nnen den Altenholzer aber nicht mitnehmen – viel zu schmal war der Aufgang, die Stufen stellten ein unüberwindbares Hindernis dar. Auch Vier- und Fünf-Sterne-Hotels, in denen er an den verschiedenen Spielorten in einem expliziten „rollstuhlgerechten“ Zimmer untergebracht war, waren alles andere als „behindertengerecht“. Hebbel stellt fest: „Barrierefreiheit ist Luxus und kostet Geld. Brasilien hat leider andere Probleme.“ Die Menschen bräuchten Bildung, Investitionen in sozialen Bereichen. Im Hotel in Porto Seguro tauschte er sich mit Einheimischen aus, die zur Oberschicht gehörten – eine Nacht kostete dort so viel, was viele im ganzen Monat verdienen. „Das wahre Brasilien steht hier hinterm Tresen“, sagte ihm eine Frau.

Tatsächlich scheint es unter den Einheimischen wenige Menschen zu geben, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind. „Viele überleben so einen Unfall wie ich ihn hatte gar nicht. Die ärztliche Versorgung ist nicht so flächendeckend und nicht so schnell wie in Deutschland“, berichtet Hebbel. Um so mehr beeindruckte ihn der Besuch einer Reha-Einrichtung in Rio. Menschen, die querschnittsgelähmt oder amputiert sind, werden dort betreut und in Jobs vermittelt. Finanziert werde das Ganze von der Ölgesellschaft Petrobas. Weil im Land so wenig barrierefrei ist, verfolge die Einrichtung Inklusion in umgekehrter Richtung. „Es gibt ein großes Ärztezentrum und ein Veranstaltungszentrum. Alles ist barrierefrei und offen für Menschen ohne Handicap. Die Reha-Einrichtung holt die Gesellschaft zu sich, das ist ein faszinierendes Konzept“, findet Hebbel. Schockiert hat ihn allerdings, wie schamlos manche Fußballfans ausnutzten, dass die Fifa pro Stadion 200 Plätze für Rollstuhlfahrer zur Verfügung stellte: Er stieß dabei auf einige, die zwar mit Rollstuhl auf die Tribüne kamen, nach wenigen Minuten aber munter umherliefen. „Ich hatte auf Youtube Videos über Wunderheilung beim Fußball gesehen“, erzählt Hebbel. Dass aber so viele die Dreistigkeit besaßen, über diesen Umweg an Karten zukommen, empörte ihn. „Bei der Bestellung musste man sein Handicap benennen und soll beim Spiel einen Nachweis mit sich führen. Das hat aber keiner kontrolliert“, berichtet der Altenholzer und bedauert, dass der Appell der Fifa an die Fairness nicht gefruchtet hat.

Sein Fazit: „Es war wunderschön.“ Obwohl die Menschen sehr hilfsbereit und freundlich gewesen seien, war er doch froh, seinen Vater Wolfgang an seiner Seite zu haben. „Allein würd ich nicht nach Brasilien reisen“, sagt Hebbel. Das Ziel, Menschen mit Behinderung mit dem Abenteuer Mut zu machen, habe er erreicht. Hebbel: „Die WM in Russland wird es nicht mit mir geben. Ich konzentriere mich auf die Psychotherapie.“


> Der Bericht zur WM im Magazin Barrierefrei erscheint in der September-Ausgabe.

 

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