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Eckernförder Zeitung

23. Juli 2017 | 02:54 Uhr

Freier Blick bis ins Innerste

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

200 plastinierte Körper und Körperteile in der Stadthalle / Besucher berichten von faszinierenden und lehrreichen Eindrücken

Mit dem gebotenen Respekt und gebannter Aufmerksamkeit studierten am Wochenende hunderte Besucher in der Stadthalle die aus den USA kommenden Körperplastinate. Mit rund 200 Exponaten vom Zehengelenk über die inneren Organe, die Haut, bis hin zur Schädeldecke sowie Föten in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gab die Ausstellung „Körper – die Lehre der Toten“ faszinierende anatomische Einblicke, die im Unterschied zur populären „Körperwelten“-Ausstellung von Gunther von Hagens frei jeglicher Effekthascherei gehalten sind.

Das hat diese Ausstellung auch gar nicht nötig. Schon allein die Präsentation menschlicher Körper und -körperteile sind für Besucher Herausforderung genug. Die Gruppe, die gestern Mittag in der Stadthalle unterwegs war, verfolgte die Ausführungen des Ausstellungsleiters und früheren Rettungsassistenten Thomas Müller hoch konzentriert und näherte sich den Vitrinen und dem frei aufgestellten „Star“ der Ausstellung, dem plastinierten Mann mit freigelegtem Rückenmark und Nervensystem, mit aller gebotenen Rücksichtnahme und Ehrfurcht. Allen war stets bewusst, dass es einst lebende Menschen waren, die wissenschaftlich präpariert und plastiniert vor ihnen stehen oder in Körperscheiben zersägt liegen. Begleitend standen den Besuchern auch die Schrifttafeln mit ausführlichen Informationen über das Gezeigte, aber auch zu medizinisch-ethischen Fragen, Krankheiten sowie die Schicksale einzelner Menschen, die ihre Körper zur Verfügung gestellt hatten, zur Verfügung. Thematisch ist die Ausstellung in die Bereiche menschliche Entwicklung von der Befruchtung bis zu den Geschlechtsorganen, Gehirn, Herz, Atmung, Verdauung und Bewegungsapparat gegliedert.

Das sehr aufwändige Konservierungsverfahren der Plastination, bei dem dem toten Körper die gesamte Körper- und Gewebeflüssigkeit und das Fett entzogen und durch Silicon und Kunstharz ersetzt wird, hat der Heidelberger Professor Gunther von Hagens 1977 erfunden. Von Hagens Partner, berichtete der Ausstellungsleiter Müller, ging in die USA und stellte dort für das Pharmaunternehmen Corcoran Laboratories (Michigan) ebenfalls Plastinate her, jedoch für die rein wissenschaftliche Nutzung – ohne kopulierende Paare, Frauenleichen in Reizwäsche (Müller: „Sex sells!“), Reiter mit erigiertem Glied und rot eingefärbte Muskelstränge, wie sie in von Hagens „Körperwelten“ zu sehen sind. Die Fertigstellung des Rückenmark-Mannes dauerte insgesamt 6,5 Jahre und erforderte 6000 Arbeitsstunden, so Müller. Alle Körperspender träfen ihre Entscheidung bewusst. In den USA seien derzeit 200  000 Menschen bereit, auf der Warteliste für Gunther von Hagens „Körperwelten“ stünden bereits 40  000 Menschen.

„Extrem interessant und faszinierend“, findet der Eckernförder Sören Sommer die Ausstellung. Auch anatomisch hat der Besuch für ihn Sinn ergeben: Er kann jetzt seine Ellbogenprobleme besser verstehen. Seine Freundin Anna Gardemin hat als Tierarzthelferin medizinische Grundkenntnisse und ließ ihre Blicke kenntnisreich und fasziniert über die Exponate wandern. „Faszinierend und spannend“, empfindet auch Angelika Lill die Schau. „Sehr lehrreich und aufschlussreich“, meint ihre Kollegin Lisa Belz – beide arbeiten als Pflegerinnen für körperlich und geistig behinderte Menschen in Eckernförde. Marinesoldat Christian S., der auch beruflich mit medizinischen Themen zu tun und auch bereits an einer Sektion in der Hamburger Pathologie teilgenommen hat, empfand die Präsentation und die Führung als „lehrreich und anschaulich“. Der Tod gehöre zum Leben dazu, eine wissenschaftliche-sachliche Aufbereitung für Schulungszwecke hält er für sinnvoll.

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erstellt am 19.Jun.2017 | 06:45 Uhr

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